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Allensbach-Umfrage 42 Prozent der Ostdeutschen fühlen sich als Bürger zweiter Klasse

Auch 20 Jahre nach dem Mauerfall gibt es in Ostdeutschland kein gesamtdeutsches Bewusstsein. Und die Skepsis gegenüber der Marktwirtschaft hält an, sagt Renate Köcher.

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Renate Köcher ist u.a. Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach Quelle: Frank Schemmann für WirtschaftsWoche

Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall wirkt die DDR wie graue Historie, das vereinte Deutschland wie selbstverständlich. Die große Mehrheit der Westdeutschen hat den Eindruck, dass es vertane Zeit sei, sich noch weiter mit Unterschieden der Lebensverhältnisse und Einstellungen in Ost und West zu beschäftigen. In Westdeutschland hatten die meisten ohnehin nie das Gefühl, dass sich ihr Leben durch die Wiedervereinigung nennenswert verändert hat.

Ganz anders ist die Situation in Ostdeutschland. Dort verblassen die Erinnerungen an die DDR erst allmählich. 1992 erinnerten sich 62 Prozent, dass viele in den Sozialismus große Hoffnungen gesetzt hatten, 54 Prozent an ein Gefühl von Unfreiheit, 43 Prozent an Bespitzelung und das dadurch ausgelöste epidemische Misstrauen, 42 Prozent aber auch an das für die meisten beruhigende Gefühl, einem Kollektiv, einer großen Gemeinschaft, anzugehören. Auch heute erinnert sich noch die Mehrheit an die Hoffnungen, die sich ursprünglich mit dem Sozialismus verknüpften.

Positive Erinnerungen halten länger

Der nostalgische Rückblick auf die Geborgenheit im Kollektiv ist heute sogar weiter verbreitet als am Beginn der Neunzigerjahre. 54 Prozent der ostdeutschen Bürger verbinden mit der DDR auch das „schöne Gefühl, einer großen Gemeinschaft anzugehören“. Bittere Reminiszenzen, wie das Empfinden, von der SED betrogen worden zu sein, oder Erinnerungen an Unfreiheit und Bespitzelung sind dagegen verblasst.

Dabei ist keineswegs eine generelle Neigung zu beobachten, das damalige Regime zu verklären. Die Überzeugung, dass die DDR kein Rechtsstaat war, hat sich in Ostdeutschland verfestigt. Noch Ende der Neunzigerjahre sprachen lediglich 45 Prozent der ostdeutschen Bürger der DDR den Charakter eines Rechtsstaats ab, mittlerweile sind es 61 Prozent.

Ostdeutsche zweifeln an der Marktwirtschaft

Historische Prägungen sitzen jedoch tief und wirken oft viele Jahrzehnte nach. Die Teilung und das Trennende spielen im ostdeutschen Bewusstsein auch 20 Jahre nach dem Fall der Mauer eine weitaus größere Rolle als in Westdeutschland. Nach wie vor dominiert in Ostdeutschland ein partikulares Identitätsgefühl.

Die Mehrheit fühlt sich nicht in erster Linie als Deutsche, sondern als Ostdeutsche, ganz anders als in Westdeutschland, wo sich nur 25 Prozent in erster Linie mit Westdeutschland identifizieren. In Ostdeutschland sind auch 63 Prozent überzeugt, dass die Unterschiede zwischen Ost und West größer sind als der Vorrat an Gemeinsamkeiten.

Unsicherheit herrscht weiter vor

Das Empfinden, Bürger zweiter Klasse zu sein, haben 42 Prozent der Ostdeutschen, 46 Prozent halten diesen Eindruck für unberechtigt. Viele sind enttäuscht, dass Ostdeutschland bei den Einkommen und bei der Produktivität noch nicht völlig aufgeschlossen hat, die Arbeitslosigkeit höher ist und ganze Landstriche aufgrund der Abwanderung junger Leute überaltern. Gleichzeitig fällt jedoch die Bilanz der wirtschaftlichen Entwicklung in Ostdeutschland überwiegend positiv aus. 49 Prozent der Ostdeutschen werten sie als Erfolg, nur 21 Prozent als Misserfolg.

Trotzdem kommt die Akzeptanz des wirtschaftlichen wie des politischen Systems nur langsam voran. Zwar glaubt in Ostdeutschland nur jeder Fünfte, dass es eine überlegene Alternative zur Marktwirtschaft gibt; weitaus weniger Menschen als im Westen sind jedoch sicher, dass die Marktwirtschaft allen anderen denkbaren Systemen überlegen ist.

...aber honorieren den Erfolg der Einheit

Dieselbe Unsicherheit prägt die Bewertung der politischen Ordnung. Nach wie vor ist nur eine Minderheit der ostdeutschen Bevölkerung überzeugt, dass die Demokratie bundesdeutscher Prägung die bestmögliche politische Ordnung ist, eine Auffassung, die in Westdeutschland von der großen Mehrheit vertreten wird.

Allmählich wächst in Ostdeutschland jedoch das Zutrauen, dass sich die Regierung als Anwalt aller Deutschen versteht. Hier hat sich gerade in den letzten Jahren, in denen Deutschland von einer ostdeutschen Kanzlerin regiert wurde, die Wahrnehmung verändert.

Freude überwiegt

Noch im Oktober 2004 waren lediglich 39 Prozent der Ostdeutschen überzeugt, dass die Bundesregierung die Interessen aller Deutschen verfolgt; 42 Prozent unterstellten ihr eine vorrangige Orientierung an den Interessen der Westdeutschen.

Heute empfinden 48 Prozent der Ostdeutschen die Bundesregierung als Anwalt gesamtdeutscher Interessen, nur noch 21 Prozent als „Westregierung“. Trotz mancher Enttäuschung und der immer noch auffälligen Distanz zu dem wirtschaftlichen und politischen System sind die Menschen in den neuen Bundesländern nie von ihrer grundsätzlich positiven Bilanz der Einheit abgerückt.

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    Wie 1990 überwiegt auch heute bei zwei Dritteln der Ostdeutschen die Freude über die Einheit.

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