Allgemeine Dienstpflicht Die Wehrpflicht wieder einführen? Das geht nicht weit genug!

Die Aufgabe der Wehrpflicht hat die deutsche Gesellschaft von ihrer Armee entfremdet. Quelle: Imago

Die Rückkehr der Rekruten in die Kasernen zu fordern, greift viel zu kurz. Wir brauchen eine Rückbesinnung auf die individuelle Verantwortung für die Gesellschaft – und einen Pflichtdienst für alle. Ein Kommentar.

  • Teilen per:
  • Teilen per:

In der an Pannen ohnehin nicht armen Amtszeit von Karl Theodor zu Guttenberg war die vom ehemaligen Bundesverteidigungsminister vor gut zehn Jahren forcierte Aussetzung der Wehrpflicht der größte Fehler. Weit schwerwiegender vor allem als die Plagiate in seiner Doktorarbeit, die den einstigen CSU-Hoffnungsträger im März 2011 das Ministeramt kosteten. Trotz der Demission besiegelte der Bundestag kurz darauf die faktische Abschaffung der Wehrpflicht in Friedenszeiten.

Richtig ist, zu Guttenberg kam einer Rüge durch das Bundesverfassungsgericht zuvor, das die fehlende Wehrgerechtigkeit moniert hatte; es grenzte an Willkür, wer damals noch zum militärischen Pflichtdienst herangezogen wurde und wer nicht. Dennoch war der Schluss falsch, den die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung getroffen hat. Auch unter starkem Druck von Wirtschaftsverbänden übrigens, die vehement das im internationalen Vergleich hohe Alter deutscher Berufseinsteiger beklagt hatten.

Viel jünger sind die Absolventen von Studium oder Lehre auch heute nicht. Was durch den Wegfall von Wehrdienstzeit und die Verkürzung der gymnasialen Oberstufe „gewonnen“ wurde, holen sich viele junge Menschen über eingeschobene Orientierungsjahre oder längere Studienzeiten zurück. Dafür hat die Aufgabe der Wehrpflicht die deutsche Gesellschaft von ihrer Armee entfremdet und das Bewusstsein für den Wert einer auch nach außen wehrhaften Demokratie erodieren lassen. Welch herber Verlust das ist, wird uns in diesen Tagen schmerzhaft bewusst.

Doch jetzt nur nach der Wiedereinführung des Militärdienstes zu rufen, wie es speziell vom rechten Rand des Parteienspektrums tönt, greift viel zu kurz und wäre bloßer Aktionismus. Die Vorstellung, eine russische Bedrohung mithilfe neuer Wehrdienstleistender abschrecken zu können, deren qualifizierte Ausbildung Monate dauern würde, ist illusorisch.

Was aber die gegenwärtige Krise endlich auslösen sollte, ist die Rückbesinnung der Menschen auf die persönliche Mitverantwortung für die Gesamtgesellschaft. Und dafür braucht es auch die Einführung einer Dienstpflicht für junge Menschen jeden Geschlechts. Eine, die als Wehrdienst genauso wie als Zivildienst geleistet werden kann. Dann spielt auch das Gerechtigkeitsproblem keine Rolle mehr.

„Ask not what your country can do for you“, hat US-Präsident John F. Kennedy 1961 gesagt: Frag nicht, was Dein Staat für Dich tun kann! „Ask what you can do for your country!“ Dieses gesellschaftliche Paradigma, das hierzulande mit der Aussetzung von Wehr- und Ersatzdienst leichtfertig aufgegeben wurde, gilt es wiederzuerwecken und dem überbordenden Individualismus entgegenzusetzen, der in der vergangenen Dekade zu einer immer egozentrischeren Gesellschaft geführt hat.

Das interessiert WiWo-Leser heute besonders

Geldanlage Das Russland-Risiko: Diese deutschen Aktien leiden besonders unter dem Ukraine-Krieg

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine belastet die Börsen. Welche deutschen Aktien besonders betroffen sind, zeigt unsere Analyse.

Krisenversicherung Warum Anleger spätestens jetzt Gold kaufen sollten

Der Krieg in der Ukraine und die Abkopplung Russlands von der Weltwirtschaft sind extreme Inflationsbeschleuniger. Mit Gold wollen Anleger sich davor schützen – und einer neuerlichen Euro-Krise entgehen.

Flüssigerdgas Diese LNG-Aktien bieten die besten Rendite-Chancen

Mit verflüssigtem Erdgas aus den USA und Katar will die Bundesregierung die Abhängigkeit von Gaslieferungen aus Russland mindern. Über Nacht wird das nicht klappen. Doch LNG-Aktien bieten nun gute Chancen.

 Was heute noch wichtig ist, lesen Sie hier

Diese Dienstpflicht wird das Bewusstsein der nächsten Generationen stärken, nicht bloß Teil einer gesellschaftlichen Gemeinschaftsaufgabe zu sein, sondern auch Verantwortung übernehmen zu müssen – egal ob in Uniform oder in einem sozialen Zivilprojekt. Von diesem neuen Verantwortungsbewusstsein wird auch die Wirtschaft viel stärker profitieren als von etwas jüngeren Berufseinsteigern.

Dieser Beitrag entstammt dem neuen WiWo-Newsletter Daily Punch. Der Newsletter liefert Ihnen den täglichen Kommentar aus der WiWo-Redaktion ins Postfach. Immer auf den Punkt, immer mit Punch. Außerdem im Punch: der Überblick über die fünf wichtigsten Themen. Hier können Sie den Newsletter abonnieren.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%