Altbundespräsident Richard von Weizsäcker ist tot

Er wollte Bundespräsident aller Deutschen sein - und wirkte durch seine Worte. Unvergessen seine Charakterisierung des 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“ - nun ist Richard von Weizsäcker gestorben.

Eine nachhaltige Präsidentschaft
Richard von Weizsäcker (im Bild mit seiner Frau Marianne im Jahr 1968) hat den Start seiner politischen Karriere zu einem Gutteil Altkanzler Helmut Kohl zu verdanken. So verschafft Kohl dem zehn Jahre älteren Weizsäcker bei der Bundestagswahl 1969 einen sicheren Listenplatz. Mit seiner ersten Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten im Jahr 1974 scheitert er. Gewählt wird der bisherige Außenminister Walter Scheel, der als Kandidat der sozial-liberalen Koalition angetreten war. Foto: dpa
Nachdem Weizsäcker 1979 Bundestagsvizepräsident geworden war, erringt er 1981 im zweiten Anlauf gegen den SPD-Mann Hans- Jochen Vogel, das Bürgermeisteramt in der "Frontstadt" Berlin (mit im Bild der damalige US-Präsident Ronald Reagan und Bundeskanzler Helmut Schmidt). Foto: ap
In Berlin erbringt Weizsäcker (im Bild 1982 in Berlin auf einer Wirtschaftskonferenz mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, Unternehmer Rolf Rodenstock, Arbeitgeberpräsident Otto Esser und Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, v.l.) den Nachweis, dass er nicht nur der Mann für das intellektuell Feinsinnige, sondern auch für das politisch Grobe sein kann. Doch entgegen seiner Zusicherung, Berlin als "Lebensaufgabe" zu sehen, drängt er 1983 - gegen den Widerstand Helmut Kohls - ins Bundespräsidentenamt. Foto: ap
Im November 1983 wird Weizsäcker zum zweiten Mal als CDU/CSU-Kandidat für das Bundespräsidentenamt benannt und bei der Wahl am 23. Mai 1984 von der Bundesversammlung zum sechsten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Am 1. Juli wird er als Nachfolger von Karl Carstens in diesem Amt vereidigt (Foto). Bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten am 23. Mai 1989 wird Weizsäcker im Amt bestätigt. Es ist die bislang einzige Wahl eines Bundespräsidenten, bei der es nur einen Bewerber gibt. Foto: dpa
Kaum ein Jahr im Amt bietet er mit seiner historischen Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985 eine Demonstration seiner Überparteilichkeit und Eigenständigkeit. Der 8. Mai sei ein Tag der Befreiung - das Kriegsende sei nicht mehr nur als Niederlage zu verstehen, sondern als Befreiung "von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft" und als neue Chance. Foto: dpa
Seinem Amt entsprechend, unternimmt Weizsäcker als Bundespräsident zahlreiche Auslandsreisen. So besucht er 1987 im Rahmen einer Lateinamerika-Reise den Titicacasee, den größten See Südamerikas, und wird dort von Hochlandindianern in traditioneller Kleidung musikalisch begrüßt. Foto: dpa
Vorsichtige Annäherung: Bundespräsident Richard von Weizsäcker empfängt 1987 Erich Honecker bei dessen ersten offiziellen Besuch in der Bundesrepublik Deutschland. Der Staatsratsvorsitzende der DDR und Weizsäcker waren sich erstmalig 1983 in Berlin begegnet, der Bundespräsident zu diesem Zeitpunkt noch in seiner Funktion als Regierender Bürgermeister. Foto: dpa
Dankbar zeigt sich Weizsäcker, dass die Wiedervereinigung in seine zehnjährige Amtszeit als Bundespräsident fiel (im Bild bei der Berliner Feier am 3. Oktober 1990 mit Bundeskanzler Helmut Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher). Trotz grundsätzlicher Würdigung der Entscheidungen Helmut Kohls: Die ökonomische Bewältigung der Einheit bewertet er kritisch. Die Politik habe die Bundestagswahl im Dezember 1990 im Blick gehabt und den Wählern im Westen vorgemacht, "die Vereinigung kostet euch nichts". Foto: dpa
Weizsäcker 1993 beim 100-Meter-Lauf für das deutsche Sportabzeichen; auch im Jahr 2010 ist der Alt-Bundespräsident noch gesundheitlich auf der Höhe. So sagte Weizsäckers Sohn Fritz über den damals 90-Jährigen: "Vater ist immer beschäftigt. Er ist wie ein Fahrrad - wenn es nicht fährt, fällt es um." Foto: dpa

Einer der profiliertesten Politiker der Nachkriegszeit ist tot: Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker ist am Samstag im Alter von 94 Jahren gestorben. „Wir verlieren einen großartigen Menschen und ein herausragendes Staatsoberhaupt“, schrieb Bundespräsident Joachim Gauck in einem Kondolenzschreiben an die Witwe Marianne Freifrau von Weizsäcker. Er würdigte seinen Vorgänger als „moralische Instanz“. „Die Erinnerung zu bewahren und hieraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, waren ihm wichtige Anliegen, gerade auch im Hinblick auf die junge Generation“, betonte Gauck.

Politiker aller Bundestagsparteien sprachen von einem großen Verlust. Der CDU-Politiker von Weizsäcker war in der Zeit von 1984 bis 1994 sechster Bundespräsident - er beeinflusste mit wegweisenden Reden das politische Klima in Deutschland und scheute auch nicht vor Konflikten mit Kanzler Helmut Kohl (CDU) zurück. Gemeinsam feierten sie am 3. Oktober 1990 die deutsche Einheit im wiedervereinigten Berlin.
Vor der Bundespräsidentenzeit war der in Stuttgart geborene Weizsäcker unter anderem Regierender Bürgermeister von Berlin (1981 bis 1984). Von 1969 bis 1981 war der promovierte Jurist Mitglied des Deutschen Bundestages. Zudem war er zwei Mal Präsident des Evangelischen Kirchentages (1964 bis 1970 und 1979 bis 1981).

Nach seinem Amtsantritt hatte er versprochen, „Präsident aller Bürger“ sein zu wollen: Eine seiner wohl bekanntesten Reden hielt am 40. Jahrestag des Kriegsendes: Darin wies er darauf hin, dass der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung war, thematisierte das Leid der Betroffenen, die Verantwortung nachfolgender Generationen und die Rolle der aus den Erfahrungen des Dritten Reichs entstandenen Bundesrepublik Deutschland. Das Diktum, dass der 8. Mai nicht vom 30. Januar 1933 (Tag der Machtübernahme Adolf Hitlers) zu trennen sei, „ist eine nicht revidierbare Grundlage für unser Selbstverständnis und unser Handeln geworden“, betonte Gauck.

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„Aus der Erfahrung von Krieg und Gewaltherrschaft folgte sein Engagement für ein friedliches und vereintes Europa.“ Er habe die Freundschaft mit den Partnern im Westen vertieft und die Verständigung mit den Völkern im Osten gesucht. „Schon früh sah er in der Überwindung der Spaltung Europas die einzige Möglichkeit zur Überwindung der Spaltung Deutschlands.“


"Wir müssen Richard von Weizsäcker dankbar sein für seine Rede vom 8. Mai 1985, in der er das Ende des Zweiten Weltkriegs eingeordnet hat. Sein Satz: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung", ist zweifellos einer der wichtigsten Sätze der neueren deutschen Geschichte", würdigt Chefredakteurin Miriam Meckel den Altbundespräsidenten.

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