Alternative für Deutschland Braindrain bei der AfD

Liberale AfD-Anhänger verlassen die Partei nach dem Rechtschwenk vom Wochenende. Zahlenmäßig sind die Austritte noch verkraftbar. Schlimmer für die Partei ist, dass gerade die klugen Köpfe aus der AfD flüchten.

Hans-Olaf Henkel (rechts) ist schon aus der AfD ausgetreten. Am Donnerstag könnte Ex-Parteichef Bernd Lucke folgen. Quelle: dpa

Von einem Exodus kann man (noch) nicht sprechen; die gefürchteten Massenaustritte aus der AfD lassen auf sich warten. 512 Austritte haben AfD-Pressesprecher Christian Lüth und die Bundesgeschäftsstelle bislang registriert. Das sind rund 2,5 Prozent der Mitglieder. Gut möglich, dass in den kommenden Tagen noch Hunderte, im Extremfall gar bis zu 4000 AfD-Mitglieder – nämlich all diejenigen, die sich im „Weckruf“ organisiert haben – der Partei den Rücken kehren.

Der Vorstand des Weckruf-Vereins will bis Donnerstag die Haltung der Mitglieder abfragen. Danach werde man ein „starkes Signal“ senden, so AfD-Parteigründer Bernd Lucke bei einer Pressekonferenz in Straßburg. Für den Moment nur so viel: Die „Weckruf“-Mitglieder seien „entsetzt“ über den Rechtsruck in ihrer Partei.

Die AfD – neue Volkspartei oder kurze Protestepisode?

Unabhängig davon, ob der Weckruf erwartungsgemäß von Bord geht und die Zahl der Austritte noch steigt, hat die AfD schon heute ein gewaltiges Problem: Es treten bisher schon vor allem die klugen Köpfe aus der Partei aus. Liberale, Ökonomen, Professoren, Mittelständler. Sie fühlen sich in der „Alternative für Deutschland“ nicht mehr wohl, nachdem sich Frauke Petry deutlich gegen Bernd Lucke bei der Wahl zum Bundesvorstand am Wochenende in Essen durchsetzte.

Schlimmer für viele noch: Wie ein Teil der AfD-Mitglieder aus den ostdeutschen Landesverbänden mit Gründer Lucke umging. Er wurde beschimpft, ausgebuht und angegangen. Personenschützer mussten Interviews des Ex-Bundessprechers begleiten.

„Man hatte zeitweilig den Eindruck, sich in einem Fußballstadium unter lauter Hooligans zu befinden“, schreibt ein AfD-Mitglied der ersten Stunde in seinem Austrittsschreiben, das WirtschaftsWoche Online vorliegt. „Mit solchen Leuten kann man keine vernünftige Politik machen.“ Die Partei bewege sich nun „eindeutig in Richtung FPÖ“.

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Mit dieser Partei wollen unter anderen auch der Euro-Kläger Joachim Starbatty, Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel, die AfD-Landesvorsitzenden sowie die Europaabgeordneten Bernd Kölmel (Baden-Württemberg) und Ulrike Trebesius (Schleswig-Holstein) nichts mehr zu tun haben. Auch Publizist Konrad Adam könnte folgen. Er erwäge einen Austritt, so der Mitgründer, der sich in den vergangenen Wochen von Bernd Lucke distanziert und die Wahl von Frauke Petry unterstützt hat. Adam hat sich damit den Groll der Gemäßigten in seiner Partei zugezogen und ist nun auch im „Weckruf“ nicht willkommen.

Der AfD geben die Ausgetretenen keine Überlebenschance im politischen Betrieb. Ein Ex-Mitglied fasst resigniert zusammen: „Deutschland, das ist meine Überzeugung, wird in den nächsten Jahren immer mehr zu einer Fassadendemokratie werden, auch in Fragen, die mit der Eurokrise wenig zu tun haben. Denn am Ende gibt es kaum ein Politikfeld mehr, auf dem die Letztentscheidung nicht doch in Brüssel liegt.“ Die Berliner „Allparteienkoalition“ habe sich sämtliche Entscheidungsspielräume nehmen lassen.

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