WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Alternative für Deutschland Das Parteivolk folgt dem Professor

Beim Gründungsparteitag der Anti-Euro-Partei kommen nicht Rentner und Rechtsradikale zusammen, sondern die ganz normalen Bürger aller Altersklassen. Nun startet die Gruppe in den Bundestagswahlkampf.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit seien „verraten und verkauft worden“. Quelle: dpa

Kurz weht ein Hauch von Revolution durch den Saal. Schon beim ersten Satz des Eröffnungsredners Konrad Adam springen die ersten von ihren Plätzen auf und applaudieren stehend. Dabei hat der amtierende Sprecher der neuen „Alternative für Deutschland“ als Begrüßung nur gesagt, dass dieser Gründungsparteitag „der erste einer hoffentlich noch langen Reihe“ sei. Schon brandet Jubel auf.

Kräftiger Beifall auch, als Adam die Repräsentanten der amerikanischen und der niederländischen Botschaft begrüßt; der Beobachter der von der EU-Komission dagegen kassiert Buhrufe. Adam fährt fort: „Nehmen Sie die Botschaft mit nach hause, dass auch wir retten wollen – nicht unbedingt den Euro, aber Europa.“

Adam, einst führender konservativer Intellektueller bei der „FAZ“ und der „Welt“, erinnert an die Rede des britischen Premierministers Winston Churchill 1946 in Zürich, bei der dieser die Einheit Europas beschwor (wenn auch ohne Großbritannien). Europa sei eine „faszinierende Idee“, sagt Adam, doch nachdem „Irland gerettet, Griechenland unter Kuratel gestellt und Zypern zu einem hohen Preis heraus gekauft“ wurde, stünde „Europas Name steht für Enttäuschung und Empörung“. Der Gedanke Europas sei „gründlich diskreditiert“.

Fakten zur Anti-Euro-Bewegung „Alternative für Deutschland“ (AfD)

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit seien „verraten und verkauft worden“. Und polemisch-populistisch resümiert er: „Wem Gott ein Amt gibt, dem nimmt er auch den Verstand.“ Der Sprecher, der in anderen Parteien dem Vorsitzenden entspricht, kritisiert die „neue deutsche Sprachpolizei, die von uns verlangt, die Dinge beim falschen Namen zu nennen“. Als gute Europäer gälten diejenigen, die sagen, dass Deutschland am meisten vom Euro profitiert, und diejenigen als schlechte, die Griechenland gern aus dem Euro austreten sähen. Als solidarisch gelte, wenn die einen zwei Jahre länger arbeiten müssen, damit andere drei Jahre früher in Rente gehen dürfen. Das gern für die neue Partei gebrauchte Etikett wendet Adam ins Gegenteil: „Wenn die gewählten Volksvertreter uns entmündigen, dann sollten wir selbstbewusst genug sein, den Vorwurf des Populismus als Auszeichnung zu betrachten. Demokratie ist eine äußerst populistische Veranstaltung, weil sie dem Volk das letzte Wort gibt.“

Die wichtigsten Köpfe in der AfD

Es holpert zu Anfang noch kräftig. Dass das Tagungspräsidium zu wählen ist, hat der stellvertretende Parteisprecher Schünemann leider vergessen und muss erst von Lucke mehrfach darauf hingewiesen werden. Auch die Gegenprobe der Nein-Stimmen fällt noch etwas schwer. „Und bitte auch nach Enthaltungen fragen“, tönt es aus der Tiefe des Saales. Richtiges Chaos bricht dann bei den Kandidaturen für die Parteiführung aus. Denn insgesamt haben sich schon vor dem Parteitag 150 Interessenten für die wenigen Ämter gemeldet, und während der ersten Minuten des Parteitages kommen noch einmal rund 20 Bewerber hinzu. Völlig illusorisch, dass die sich alle persönlich vorstellen dürften – denn das wären selbst bei nur zwei Minuten Redezeit pro Kopf fast sechs Stunden Bewerbungsreden.

Ad hoc-Kandidaten werden auf einer Leinwand präsentiert

Die zehn größten Euro-Lügen 2013
Francois hollande Quelle: dpa
Mario Draghi Quelle: dpa
José Manuel Barroso Quelle: REUTERS
Wolfgang Schäuble Quelle: AP
Martin Schulz Quelle: REUTERS
Antonis Samaras Quelle: dapd
Jean-Claude Juncker Quelle: dpa

Also entschließt sich die Parteiführung, mit einem riesigen Stimmzettel abzufragen, wer sich vorstellen darf. Erst wird die Zahl per Abstimmung auf 30 festgelegt, dann auf 20, danach auch auf 25. Die Ad hoc-Kandidaten sind logischerweise nicht auf dem großen gelben Zettel ausgedruckt und werden vorgelesen und auf der Leinwand präsentiert. Chancen, zur persönlichen Vorstellung ausgewählt zu werden, haben vor allem jene Personen, die sich für das Amt des Sprechers, also des Parteivorsitzenden bewerben und schon ausgedruckt waren. Die Nachzügler sind viel schwieriger zur Kenntnis zu nehmen. Und der letzte Name wird so spät auf der Leinwand angezeigt, dass er gar nicht mehr vorgelesen wird. Wer das Pech hat, nicht genügend Stimmen für die Vorstellung zu bekommen, darf zwar kandidieren, hat aber kaum noch Chancen.

Wer die Wahlergebnisse des Parteitags anfechten wollte, hätte also leichtes Spiel. Die Abstimmungsergebnisse im Nebensaal registriert die Parteiführung anfangs nicht. Außerdem sind mit dem Blick auf den Monitor Personen in den Ecken des Nebensaals nicht zu sehen. Wortmeldungen zu den ersten Satzungsänderungsanträgen werden erst nach den Abstimmungen abgefragt. Später wird per Geschäftsordnungsantrag beschlossen, Wortmeldungen zu Satzungsänderungsanträgen nicht zuzulassen.

Die Tagung führt über weite Strecken nicht das Tagungspräsidium, sondern der Parteivorstand, sogar die Abstimmungen über die Satzung. Schon im Vorfeld des Parteitages ging es wegen des Ansturms der Interessenten hin und her. Erst wurden etliche Mitglieder, die schon eine Teilnahmebestätigung hatten, wieder ausgeladen, weil angeblich das Aufnahmeverfahren noch nicht abgeschlossen sei – dabei hatten die Mitglieder schon eine Mitgliedsnummer erhalten. Dann kam kurz danach doch die Nachricht, eine Anreise nach Berlin sei möglich, wenn nun ein weiterer Saal dazu gemietet worden war.

Wer gekommen ist, entspricht so gar nicht dem Klischee, das vorher – insbesondere von linken Medien – in der Öffentlichkeit gezeichnet wurde. Weder handelt es sich um einen Rentnertreff noch um einen Konvent rechtslastiger Scharfmacher. Hier kommen ganz normale Bürger zusammen, die Masse im Alter zwischen 40 und 60. Auch erstaunlich viele Jüngere sind dabei. Unterrepräsentiert sind, wie in fast allen Parteien, die Frauen.

Und: Es treten keine Querulanten auf, die mit öden Endlosbeiträgen oder quälenden Geschäftsordnungsanträgen den Ablauf blockieren. Erstaunlich diszipliniert gehen die Mitglieder der AfD zu Werke. Und auch die 25 Kandidaten, die sich schließlich vorstellen durften, wirkten im wesentlichen so eloquent und vernünftig wie in anderen Parteien auch.

Gewartet haben sie alle auf die Rede des Parteigründers Bernd Lucke. Der Wirtschaftsprofessor, obwohl kein Volkstribun oder Demagoge, entfacht die Stimmung im Saal. Die Alternative wolle „die Zwangsjacke der erstarten und verbrauchten Altparteien sprengen“. Da werden schon die ersten „Bravo“-Rufe laut wie beim politischen Aschermittwoch in Passau.

Mit einer Prise Populismus

Die politischen Gewinner und Verlierer 2012
Die GewinnerPeter Altmaier, 54, CDU: Er ist nicht nur körperlich das neue Schwergewicht im Kabinett von Angela Merkel. Der 54-Jährige („Ich esse gern“) ist nach der Entlassung von Norbert Röttgen im Mai zum „Mister Energiewende“ aufgestiegen. Wie zuvor als Fraktionsgeschäftsführer der Union setzt er auf Dialog und Moderation. Kritiker werfen ihm vor, das Entscheiden komme zu kurz. Aber mit seiner geselligen Art kommt er beim Bundesverband der Deutschen Industrie wie beim Naturschutzbund an. Ob sein Stern weiter leuchten wird, hängt davon ab, ob ihm bei der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und bei der Atommüll-Endlagersuche ein Durchbruch gelingt. Quelle: dpa
Hannelore Kraft, 51, SPD: Spätestens seit dem fulminanten Sieg bei der NRW-Wahl im Mai kommt niemand in der SPD an Hannelore Kraft vorbei. Die Ministerpräsidentin des bevölkerungsreichsten Bundeslandes ist die mächtigste Frau, die die SPD in ihrer fast 150-jährigen Geschichte hatte. Die 51-Jährige Ökonomin hat das entscheidende Wort, wenn es um wichtige Weichenstellungen wie zuletzt bei der Rente geht. Regelmäßig bekommt die stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende auf Parteitagen Traumergebnisse. Auch außerhalb der SPD ist die bodenständige Politikerin populär. Für viele Sozialdemokraten wäre Kraft die ideale Kanzlerkandidatin für 2013 gewesen. Doch sie will lieber erst einmal in Düsseldorf bleiben. Quelle: dpa
Katrin Göring-Eckardt, 46, Grüne: 2006 flog die 46-Jährige aus dem Parteirat der Grünen, nun befeuert ihre überraschende Kür zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl Spekulationen über eine schwarz-grüne Koalition. Bis zu ihrer Wahl als Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland, repräsentiert die Frau aus Thüringen die „neue Bürgerlichkeit“ der Grünen. Die Christin war 1989 Gründungsmitglied der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ und von „Bündnis 90“ - bisher steht sie noch im Schatten des anderen Spitzenkandidaten Jürgen Trittin. Die Bundestagsvizepräsidentin könnte im Falle einer Regierungsbeteiligung der Grünen im kommenden Jahr ein Bundesministeramt bekleiden. Quelle: dpa
Christian Lindner, 33, FDP: Zu Beginn des Jahres sah es für den FDP-Mann gar nicht gut aus: als Generalsekretär der Bundespartei zurückgetreten, im Bundestag nur noch Hinterbänkler, ohne große Perspektive. Jetzt ist er der „neue Held der Liberalen“. Möglich wurde dies durch die vorzeitige Wahl in Nordrhein-Westfalen im Mai, wo Lindner als Spitzenkandidat volles Risiko ging. Mit Erfolg: 8,6 Prozent bedeuteten für die vielfach schon totgesagte Partei einen Triumph. Kaum jemand zweifelt heute noch daran, dass der NRW-Landeschef an die Spitze der Bundes-FDP rücken wird. Entscheidende Frage: Wann? Quelle: dpa
Katja Kipping, 34, Linke: Eigentlich hatte die Dresdnerin gar keine Ambitionen, bis an die Spitze der Linken aufzusteigen. Statt um die Vermittlung zwischen den zerstrittenen Parteiflügeln wollte sie sich um ihre erst wenige Monate alte Tochter kümmern. Als sich die Fronten im Machtkampf um die Führungsposten immer weiter verhärteten, warf sie ihren Hut dann doch noch in den Ring - und wurde Anfang Juni auf dem Göttinger Parteitag schließlich zusammen mit dem baden-württembergischen Gewerkschafter Bernd Riexinger gewählt. Die beiden haben es geschafft, den Absturz der Linken in den Umfragen zu stoppen und wieder einen leichten Aufwärtstrend herbeizuführen. Und sie haben wieder Ruhe in die Partei gebracht. Quelle: dapd
Andreas Schockenhoff, 55, CDU: Ein Vorfall im Sommer 2011 hätte die politische Karriere des Russland-Koordinators im Auswärtigen Amt beenden können: Nach einem Volksfest fuhr er betrunken nach Hause, beschädigte ein parkendes Auto und beging Fahrerflucht. Nach anfänglichen Vertuschungsversuchen trat er die Flucht nach vorn an, bekannte sich zu seiner Alkoholsucht und begab sich erfolgreich in Therapie. Nach vier Wochen kam der Baden-Württemberger in den Bundestag zurück. Jüngst initiierte er eine Bundestagsresolution mit außergewöhnlich scharfer Kritik an der russischen Führung und beklagte die Straflagerhaft für die Punkband Pussy Riot. Moskau reagierte empört, Bürgerrechtlicher dankten es ihm und Bundeskanzlerin Angela Merkel nahm die Resolution bei ihrem Besuch in Moskau im November auf. Quelle: dapd
Die VerliererChristian Wulff, 53, CDU: Es war ein steiler Absturz: Am 17. Februar musste Christian Wulff vom Amt des Bundespräsidenten zurücktreten. Die Staatsanwaltschaft hatte die Aufhebung seiner Immunität beantragt. Am Ende ging es um die Frage, wer einen Urlaub auf Sylt bezahlt hat. Doch der Rücktritt vom höchsten Staatsamt war noch nicht der Tiefpunkt: Es folgte ein demütigender Großer Zapfenstreich mit ohrenbetäubenden Protesten. Dann das Gerangel um den Ehrensold und die Buchveröffentlichung seiner Frau Bettina, von vielen als peinlich empfunden. Dann im November ein Lichtblick: Wulff hielt wieder eine öffentliche Rede in Deutschland. Das Echo war verhalten. Quelle: dapd

Aus der Mitte der Gesellschaft würde nun „gegen die Regierung aufbegehrt wie 1848 im Vormärz“ – das gibt schon wieder Beifall. „Wir wollen die eklatanten Verletzungen demokratischer, rechtsstaatlicher und ökonomischer Grundsätze stoppen. Wir wollen Schaden abwenden von der Europäischen Union und der Bundesrepublik Deutschland.“

Dann greift Lucke zu einer kräftigen Prise Populismus. Er beobachte eine „erschreckende Degeneration des deutschen Parlamentarismus“. Die Volksvertreter hätten es widerspruchslos hingenommen, dass die Stabilitätskriterien des Maastrichtvertrages verletzt wurden. Fast alle Abgeordneten seien „zu meinungslosen und überforderten Erfüllungsgehilfen der Regierung“ geworden. Deshalb trete die AfD auch für mehr Volksabstimmungen und mehr direkte Demokratie ein.

Bei der Aushöhlung des Maastricht-Vertrages rede man „über Wortbruch bis hin zum politischen Betrug“. Aber Beifall gibt es auch, als der Ökonom feststellt: „Den Griechen geht es schlecht, wir sollten uns nicht über sie erheben. Wir sollten Solidarität üben mit diesen Staaten.“ Denn die Rettungsmaßnahmen kämen nicht den Menschen in den südeuropäischen Ländern zugute, sondern fließe an „amerikanische Hedgefonds, französische Banken, britische Versicherungsgesellschaften und unserem alten deutschen Bekannten, der Hypo Real Estate“. Schonungslos listet Lucke auf, wie der Maastricht-Vertrag seit Bestehen mehr als 80 Mal gebrochen wurde; wie die rot-grüne Bundesregierung als erstes das Abkommen aushöhlte, als das Defizitverfahren gegen Deutschland und Frankreich verhindert wurde; wie mit dem Eurorettungsschirm ESM das Bail-out-Verbot des unterlaufen Vertrages ausgehebelt wurde. Dass die Alternative als „Anti-Euro-Partei“ bezeichnet wird, stört Lucke nicht. „In der Tat ist die Auflösung des Euro-Währungsgebietes in seiner jetzigen Form eine unserer zentralen Forderungen, denn sie entspricht der ökonomischen Vernunft.“ Bloß allein auf die Ökonomie wolle sich die Gruppe nicht reduzieren lassen.

Die Anti-Euro-Thesen der „Alternative für Deutschland“

Clever ist Luckes Hinweis auf die politischen Verrenkungen im Falle Zyperns. Dort war eine 17 Milliarden Euro-Lücke aufgetaucht, die mit neun Milliarden Euro Hilfsgeldern aus dem ESM geschlossen werden soll. Über dieses Paket stimmt der Bundestag in dieser Woche ab. Doch Ende vergangener Woche wurde bekannt, dass auf der Mittelmeerinsel noch weitere fünf Milliarden gebraucht werden. Bemerkenswert findet Lucke, dass die Bundesregierung – in seiner Interpretation: wegen der AfD – nun darauf dränge, dass Zypern diese neue Lücke aus eigenen Mitteln selbst schließt. „Warum hat die Bundesregierung das nicht gesagt, als es um die neun Milliarden Euro ging?“ Lucke spricht mit Anglizismen. Beim mühsamen Einsammeln der Stimmzettel warnt er vor dem „Bottleneck“, die Helfer bittet er, die Anzeige auf der Leinwand „hochzuscrollen“. Das kontrastiert hübsch zum T-Shirt eines Parteifreundes: „Wem’s im Hirn zu eng isch, der spricht Denglisch.“ Ein älterer Mann hat eine schwarz-rot-goldener Schärpe über sein Hemd gebunden.

Das Wahlprogramm ist sehr kurz und allgemein

Wahlversprechen, und was daraus wurde
1988: „ Eins ist sicher: die Rente“ (CDU)Noch im Sommer forderte Bundessozialministerin Ursula von der Leyen, eine Zuschussrente einzuführen. Das soll die Armut im Alter verhindern, die viele Deutsche fürchten. Denn die staatliche Rente allein reicht längst nicht mehr. Schon 2001 führte die Bundesregierung mit der Riester-Rente eine zusätzliche Vorsorge-Möglichkeit ein. 1988 klangen noch andere Töne: Einen abgesicherten Lebensabend versprach damals CDU-Sozialminister Norbert Blüm im Wahlkampf. Mit dem Spruch „Eins ist sicher: die Rente“ hatte die CDU für sich geworben. Quelle: AP
1990: CDU will Aufbau Ost aus der Porto-Kasse zahlen„Blühende Landschaften“ versprach Kanzler Helmut Kohl 1990 in den neuen Bundesländern. Dafür hatte er vor der Bundestagswahl ausgeschlossen und wollte die Wiedervereinigung „aus der Portokasse“ finanzieren. Stattdessen kam der Solidaritätszuschlag. Dieser sollte aber nicht lange bleiben. 1996 versprach Kohl: „Der Solidaritätszuschlag ist bis Ende 1999 endgültig weg.“ Heute gibt es ihn immer noch. Quelle: dapd
2005: SPD schließt eine höhere Mehrwertsteuer ausFranz Müntefering fand es 2005 als Vizekanzler „unfair“, dass die Regierung „an dem gemessen wird, was in Wahlkämpfen gesagt worden ist“. Seine SPD hatte im damaligen Wahlkampf gesagt, dass es mit ihre keine höhere Mehrwertsteuer geben würde. Die CDU hatte sich für eine Erhöhung um zwei Prozentpunkte eingesetzt. Schließlich wurden es drei Prozentpunkte – mit der SPD als Koalitionspartner. Quelle: dpa/dpaweb
2005: CDU will erst raus aus dem Atomausstieg - und dann doch nichtSchon im Wahlkampf 2005 stellt die CDU den unter der SPD beschlossenen Atomausstieg in Frage. Raus aus dem Ausstieg wagt sie sich jedoch erst 2010 in einer Koalition mit der FDP. Lange fest hält sie daran nicht. Kanzlerin Angela Merkel änderte ihre Haltung ein knappes Jahr später nach der Atom-Katastrophe von Fukushima. Im Juni 2011 beschlossen Bundestag und Bundesrat, die sieben ältesten deutschen Atomkraftwerke und das Kraftwerk Krümmel sofort stillzulegen sind. Die restlichen deutschen Kernkraftwerke sollen bis 2022 abgeschaltet werden. Quelle: AP
2008: Hessens SPD will erst ohne, dann mit der LinkenRoland Koch als hessischen Ministerpräsidenten zu Fall bringen: Das war 2008 das Ziel von SPD-Spitzenkandiidatin Andrea Ypsilanti im hessischen Wahlkampf. Dafür wollte sie sogar ihr Wahlversprechen brechen, keine Koalition mit der Linken einzugehen. „Wir werden uns nicht einmal von ihr tolerieren lassen. Auch nach dem Wahlabend nicht, garantiert!“ Das waren Ypsilantis Worte vor der Wahl gewesen. Als sie sich nach der Wahl doch von der Linken tolerieren lassen wollte, ließ sie nach heftigem Widerstand von ihrem Vorhaben ab und trat zurück. Quelle: dpa
2009: CDU und FDP wollten das Kindergeld auf 200 Euro erhöhen200 Euro Kindergeld versprach die FDP vor der Bundestagswahl 2009. Die Koalition mit der CDU einigte sich sogar auf diese Erhöhung – geschehen ist seit dem nichts: Der Kindergeld-Satz liegt derzeit bei 184 Euro für das erste und zweite Kind, sowie 190 Euro für das dritte Kind. Laut einem Bericht der Bild-Zeitung von November 2012 können Eltern immerhin auf eine Erhöhung von zwei Euro bis spätestens 2014 rechnen. Quelle: AP
2009: CDU will Eingangssteuersatz senkenZum Jahresbeginn2013 dürfen sich die Steuerzahler über eine Erleichterungen freuen. Der Grundfreibetrag steigt ab jetzt schrittweise bis 2014 von 8.004 auf 8.354 Euro. Der Eingangssteuersatz bleibt jedoch gleich. Dabei hatte die CDU im Wahlkampf 2009 versprochen, ihn in zwei Schritten von 14 auf zwölf Prozent zu senken. Quelle: dpa

Aber das sind Nebensächlichkeiten. Bemerkenswert ist, wie die Partei dem 50-jährigen Hoffnungsträger folgt. Das Wahlprogramm sei sehr kurz und allgemein gehalten, damit es eine möglichst große Einigkeit gäbe. Denn die AfD vereinige Menschen, die aus den unterschiedlichsten politischen Richtungen stammten. Deshalb habe man nur Positionen ins Programm aufgenommen, die dem gesunden Menschenverstand entsprächen. Das findet Beifall. Und Lucke geht noch weiter. Wichtig sei nun vor allem, dass die Partei wahlkampffähig werden. Von Berlin solle „ein starkes Zeichen der Geschlossenheit“ ausgehen, wirbt der Vorsitzende.
Die etablierte Konkurrenz warte doch nur darauf, dass die Neulinge sich zerstreiten würden. Den Bürgern müsse sich die AfD deshalb präsentieren als „die starke, einige Kraft, die eine Alternative für Deutschland ist“.

Anteil Deutschlands an der Euro-Rettung

Luckes Vorschlag ist auch etwas revolutionär: „Wir beschließen das Wahlprogramm, bevor wir es diskutieren. Dann haben wir am Ende auf jeden Fall ein beschlossenes Wahlprogramm, egal, welchen weiteren Verlauf der Parteitag nimmt.“ Und keine Gegenstimme regt sich. Erst wenn im Laufe des Abends, nach den Vorstandswahlen, noch Zeit wäre, sollen Änderungen beraten werden. Also beschließen die Mitglieder das Wahlprogramm erst mal auf Vorrat. Und Lucke geht noch weiter: Weil die junge Partei bisher noch keine Zeit gehabt hätte, über programmatische Feinheiten im Detail zu debattieren, wolle man „heute nur die Dinge verabschieden, die wir mit einer klaren Mehrheit beschließen können“, bittet Lucke. Deshalb solle nur akzeptiert werden, was 75 Prozent Zustimmung erhält. Wieder nicken die Parteimitglieder mit überwältigender Mehrheit. Kaum eine Abstimmung im Laufe des Tages, die mehr als 10, 12 Gegenstimmen bringt.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

So gehen auch die Wahlen für die drei Vorstandssprecher aus. Über 90 Prozent bekommt Lucke bei seiner Kandidatur. Auch die beiden anderen neuen Sprecher sind die alten Führungskräfte: Die Unternehmerin Frauke Petry aus Leipzig, eine promovierte Chemikerin, und der Publizist Konrad Adam. Für die Partei kann der Wahlkampf nun beginnen. Und das bedeutet, innerhalb weniger Wochen die vereinzelt noch fehlenden Landesverbände aufzubauen, Kandidaten für die Wahlkreise zu nominieren und Landeslisten aufzustellen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%