Alternative für Deutschland Das Parteivolk folgt dem Professor

Beim Gründungsparteitag der Anti-Euro-Partei kommen nicht Rentner und Rechtsradikale zusammen, sondern die ganz normalen Bürger aller Altersklassen. Nun startet die Gruppe in den Bundestagswahlkampf.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit seien „verraten und verkauft worden“. Quelle: dpa

Kurz weht ein Hauch von Revolution durch den Saal. Schon beim ersten Satz des Eröffnungsredners Konrad Adam springen die ersten von ihren Plätzen auf und applaudieren stehend. Dabei hat der amtierende Sprecher der neuen „Alternative für Deutschland“ als Begrüßung nur gesagt, dass dieser Gründungsparteitag „der erste einer hoffentlich noch langen Reihe“ sei. Schon brandet Jubel auf.

Kräftiger Beifall auch, als Adam die Repräsentanten der amerikanischen und der niederländischen Botschaft begrüßt; der Beobachter der von der EU-Komission dagegen kassiert Buhrufe. Adam fährt fort: „Nehmen Sie die Botschaft mit nach hause, dass auch wir retten wollen – nicht unbedingt den Euro, aber Europa.“

Adam, einst führender konservativer Intellektueller bei der „FAZ“ und der „Welt“, erinnert an die Rede des britischen Premierministers Winston Churchill 1946 in Zürich, bei der dieser die Einheit Europas beschwor (wenn auch ohne Großbritannien). Europa sei eine „faszinierende Idee“, sagt Adam, doch nachdem „Irland gerettet, Griechenland unter Kuratel gestellt und Zypern zu einem hohen Preis heraus gekauft“ wurde, stünde „Europas Name steht für Enttäuschung und Empörung“. Der Gedanke Europas sei „gründlich diskreditiert“.

Fakten zur Anti-Euro-Bewegung „Alternative für Deutschland“ (AfD)

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit seien „verraten und verkauft worden“. Und polemisch-populistisch resümiert er: „Wem Gott ein Amt gibt, dem nimmt er auch den Verstand.“ Der Sprecher, der in anderen Parteien dem Vorsitzenden entspricht, kritisiert die „neue deutsche Sprachpolizei, die von uns verlangt, die Dinge beim falschen Namen zu nennen“. Als gute Europäer gälten diejenigen, die sagen, dass Deutschland am meisten vom Euro profitiert, und diejenigen als schlechte, die Griechenland gern aus dem Euro austreten sähen. Als solidarisch gelte, wenn die einen zwei Jahre länger arbeiten müssen, damit andere drei Jahre früher in Rente gehen dürfen. Das gern für die neue Partei gebrauchte Etikett wendet Adam ins Gegenteil: „Wenn die gewählten Volksvertreter uns entmündigen, dann sollten wir selbstbewusst genug sein, den Vorwurf des Populismus als Auszeichnung zu betrachten. Demokratie ist eine äußerst populistische Veranstaltung, weil sie dem Volk das letzte Wort gibt.“

Die wichtigsten Köpfe in der AfD

Es holpert zu Anfang noch kräftig. Dass das Tagungspräsidium zu wählen ist, hat der stellvertretende Parteisprecher Schünemann leider vergessen und muss erst von Lucke mehrfach darauf hingewiesen werden. Auch die Gegenprobe der Nein-Stimmen fällt noch etwas schwer. „Und bitte auch nach Enthaltungen fragen“, tönt es aus der Tiefe des Saales. Richtiges Chaos bricht dann bei den Kandidaturen für die Parteiführung aus. Denn insgesamt haben sich schon vor dem Parteitag 150 Interessenten für die wenigen Ämter gemeldet, und während der ersten Minuten des Parteitages kommen noch einmal rund 20 Bewerber hinzu. Völlig illusorisch, dass die sich alle persönlich vorstellen dürften – denn das wären selbst bei nur zwei Minuten Redezeit pro Kopf fast sechs Stunden Bewerbungsreden.

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