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Alternde Gesellschaft „Ruhestand der Babyboomer gefährdet den Wohlstand“

Quelle: Illustration: Daniel Stolle

Die Babyboomer gehen in Rente und stellen nicht nur die Kommunen vor große Probleme. Die „demografische Dividende“, die diese große Generation einstrich, wird für die Nachkommen zur enormen Last.

Für die meisten Deutschen, die in der zweiten Hälfte der 1950er und ersten Hälfte der 1960er Jahre geboren wurden, ging es immer aufwärts. Als sie zur Welt kamen, hatten ihre Eltern nach den Verheerungen der Weltkriege wieder Zukunftsvertrauen gefasst – es war die einzige kurze Phase steigender Geburtenraten in Europa im 20. Jahrhundert. Die Babyboomer profitierten von der jahrzehntelangen Phase stetig wachsenden Wohlstands und trugen schließlich selbst stark dazu bei. Da vorangehende Generationen relativ zahlenschwach waren (nicht zuletzt auch durch die Kriegsverluste) und daher verhältnismäßig geringe Versorgungsleistungen beanspruch(t)en, und sie selbst sehr viel weniger Kinder zeugten (rund 1,4 statt 2,2 wie ihre Mütter) und zu versorgen hatten, konnten die Babyboomer eine üppige „demografische Dividende“ einfahren: Wie keine Generation zuvor und vermutlich auch auf absehbare Zeit keine Generation danach konnten sich die heutigen Mittfünfziger bis Mittsechziger auf das Erwerbsleben konzentrieren. Nie war der Anteil der volkswirtschaftlich Produktiven so groß. Und er wird es wohl nie wieder werden.

Das Zeitfenster der „demografischen Dividende“ schließt sich und stellt alternde Wohlstandsgesellschaften vor immense Probleme. „Die Babyboomer gehen in Rente“ ist der Titel eines Symposiums, das die Körber-Stiftung am Mittwoch in Hamburg veranstaltete. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, hielt den zentralen Vortrag: Was bedeutet die Verrentung der zahlenstarken Jahrgänge für die Kommunen in Deutschland?

Klingholz stellt in einem Thesenpapier, das seinem Vortrag zugrunde liegt, Thesen auf, die das Ausmaß der in wenigen Jahren vor den deutschen Kommunen liegenden Probleme verdeutlichen. Seine „Lösungsvorschläge“ können, wie alle denkbaren anderen, die Probleme allenfalls dämpfen, aber nicht beseitigen:

  • Der Ruhestand der Babyboomer gefährdet den Wohlstand ihrer Heimatregionen: Während die Babyboomer in jüngeren Jahren erlebten, „ wie sich der gesellschaftliche Wohlstand mehrte und in den Kommunen alles wuchs, ... könnte ihre Verrentung die gute wirtschaftliche Lage nun gefährden. Vor allem in ländlichen Regionen dürfte das altersbedingte Ausscheiden der Babyboomer große Lücken in die Belegschaften reißen und die vielen, dort ansässigen und derzeit noch erfolgreichen kleinen und mittelständischen Unternehmen vor eine Bewährungsprobe stellen. Denn anders als die attraktiven Großstädte können diese Regionen nicht darauf vertrauen, dass junge Menschen nach der Schulzeit vor Ort bleiben oder von selbst herbeiströmen und damit als Nachwuchs zur Verfügung stehen. Vielmehr müssen sich die Betriebe um jeden einzelnen klugen Kopf bemühen.“ Die Kommunen sollten Unternehmen bestärken, „ihre Arbeitsbedingungen altersgerecht zu gestalten, also etwa spezielle Teilzeitmodelle anzubieten“, fordert Klingholz.
  • Früheren Neubaugebieten droht Leerstand: „Viele Babyboomer erfüllten sich ... ihren Traum vom Eigenheim. Sie zählten damals zu den klassischen Suburbanisierern, die es in den 1970er und 1980er Jahren in die Speckgürtel vor die Tore der großen Städte zog. Die Bewohner dieser mittlerweile in die Jahre gekommenen Neubauviertel werden nun gemeinsam alt, ihr Nachwuchs ist längst ausgezogen und bald stellt sich die Frage, wie lange die Menschen noch in ihren Häusern wohnen wollen oder können. Viele dieser Immobilien ... sind schlecht an öffentliche Versorgungsangebote angebunden und könnten bald in großer Zahl zum Verkauf stehen. In weniger begehrten Regionen droht dann ein Preisverfall...“.  Kommunen sollten, so Klingholz, „altersgerechte Angebote für diejenigen schaffen, die bleiben wollen und herausfinden, wie und ob die Viertel für neue Zuzügler attraktiv gemacht werden können. Im schlimmsten Fall müssen sie sogar den Rückbau ganzer Viertel planen, um den Markt zu bereinigen und einen Leerstand zu verhindern, der diese Wohngebiete noch weiter abwertet.“

  • Künftige Rentner erwartet im Alter soziale Isolation: „Die Babyboomer haben häufig keine Kinder oder diese leben weit entfernt ... . Etwa 13 Prozent der 50- bis 65-Jährigen sind ledig, der Hauptteil davon Männer. Hinzu kommen rund 14 Prozent geschiedene und 4 Prozent verwitwete Personen. Mit steigendem Alter nimmt der Anteil von Verwitweten zu. Häufig sind es die Frauen, die ihre Männer überleben. Fehlt ihnen ein soziales Netz, drohen im schlimmsten Fall soziale Isolation und Einsamkeit.“ Manche von ihnen, erwartet Klingholz, könnten sich an eine Erfindung ihrer Jugendzeit erinnern und Wohngemeinschaften mit Gleichaltrigen gründen.
  • Pflegebedürftige Babyboomer werden ein großes Problem: Dass sich die Gesamtzahl und erst recht der Anteil derer, die auf Pflege im Alter angewiesen sind, deutlich erhöhen wird, ist unabwendbar. Dazu kommt: Immer seltener können Angehörige vor Ort die Pflege übernehmen (heute: zwei Drittel der Bedürftigen) – auch weil ein großer Teil der Babyboomer gar keine Nachkommen hat. Klingholz empfiehlt Kommunen, „gemeinsam mit den heute und künftig Betroffenen nach Konzepten zu suchen, die eine angemessene Pflege ermöglichen und professionelle Dienste ergänzen“. Was er so nicht anspricht: Wie effizient auch immer man die Pflegearbeit organisiert, sie wird letztlich einen größeren Teil der gesamtgesellschaftlichen Arbeitskraft beanspruchen und damit die ökonomische Produktivität senken. Mit anderen Worten: Die demografische Dividende schlägt um in eine demografische Last.

  • Vor allem Frauen und Migranten aus der Babyboomer-Genration droht Altersarmut. Klingholz: „Die Babyboomer haben größtenteils in Wohlstand gelebt. Dennoch erwartet einen Teil die Altersarmut. Besonders unter Frauen, Migrantinnen und Migranten und Geringqualifizierten könnte die Rente nicht zum Leben reichen. Frauen haben häufig – trotz veränderter Rollenbilder und Familienarrangements – den größten Teil der Sorgearbeit für Kinder und ältere Angehörige übernommen und deshalb beruflich zurückgesteckt oder in Teilzeit gearbeitet. Sie haben so weniger Versorgungsansprüche und sind anfälliger für Armut im Alter.“

Was das Thesenpapier jedoch auch betont: Wer heute mit 65 in Rente geht, ist im Schnitt so fit und leistungsfähig wie 1970 ein 55-Jähriger. Die Frage liegt nahe, warum dann ein 65-Jähriger nicht einfach noch einige Jahre weiter Leistungen erbringt, statt sie zu beanspruchen. Tatsächlich ist die Erwerbstätigenquote der Babyboomer im Vorrentenalter auch deutlich gestiegen, wie Klingholz betont: „2015 waren 84 Prozent der 50-jährigen Frauen erwerbstätig, noch im Jahr 2000 waren es lediglich 69 Prozent. Bei den 60-jährigen Frauen ist der Unterschied noch deutlicher. Hier hat sich die Quote zwischen 2000 und 2015 um fast 48 Prozentpunkte auf 66 Prozent erhöht. Bei den heute 50-jährigen Männern der Babyboomer-Jahrgänge hat sich die Erwerbsbeteiligung zwischen 2000 und 2015 kaum verändert. Anders sieht es bei den 60-Jährigen aus. Hier stieg die Erwerbstätigenquote von 2000 bis 2015 um 36 Prozentpunkte auf 77 Prozent.“

Weitgehend ausgeblendet blieb beim Symposium die Frage der drohenden Überlastung der Sozialversicherungen. Dabei dürften die Probleme der Kommunen verglichen mit denen der Sozialversicherungen noch vergleichbar harmlos sein. Das ganze Ausmaß der „Nachhaltigkeitslücke“ des deutschen Staats, das Finanzwissenschaftler wie Bernd Raffelhüschen beklagen, ist eng verbunden mit den sozialstaatlichen Zahlungsverpflichtungen gegenüber der Babyboomer-Generation. Diese ist, wie Raffelhüschen in der WirtschaftsWoche betonte, „verantwortlich dafür, dass es in Zukunft zu wenig Beitragszahler geben wird“. Darum sei es gerechtfertigt gewesen, im Rahmen der Agenda 2010 die Beiträge konstant zu halten und das Rentenniveau der schwindenden Zahl der Beitragszahler anzupassen.

Die Babyboomer haben in jüngeren Jahren die „demografische Dividende“ eingestrichen. Diese beruhte vor allem auf Leistungen der vorangehenden Generation, die neben dem Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft auch noch viele Kinder großzog. Nun wird, da die Babyboomer selbst viel weniger Kinder großzogen als für ein nachhaltig funktionierendes Umlageverfahren der Rentenversicherung nötig gewesen wäre, aus der Dividende das, was Finanzwissenschaftler „implizite Staatsschuld“ nennen. Laut Berechnungen von Raffelhüschen und Kollegen sind diese künftigen Zahlungsverpflichtungen des Staates deutlich höher als die offizielle „explizite Staatsschuld“ (68,1 Prozent des BIP). Beide zusammen ergeben aktuell eine Verschuldung von knapp 200 Prozent des BIP.

Wenn nun, wie Finanzminister Scholz plant, das Rentenniveau bis 2040 - also bis alle Babyboomer verrentet sind- garantiert wird, bedeute das, so Raffelhüschen, dass die Beiträge zur Rentenkasse von derzeit 18,6 Prozent bis 2040 auf 29 Prozent des Bruttoverdiensts steigen müssten. „Wenn sie das nicht tun, steigen eben die Steuern exorbitant. Auf ein Niveau, das nicht mehr akzeptabel sein wird. Die Steuer- und Beitragszahler von morgen sind ja die jungen Menschen – und die sind so wenige, dass sich das Rentenniveau eigentlich nach unten anpassen müsste.“

Wenn also die nach den Babyboomern Kommenden geschröpft würden, um diesen weiter die demografische Dividende zu zahlen, könnte zu den von Klingholz beschriebenen Herausforderungen noch eine weitere treten: die schwindende Bereitschaft der Jüngeren, für Ältere überhaupt zu zahlen. Ausweichversuche, etwa durch Selbständigkeit oder auch Auswanderung, könnten zunehmen.

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