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Altersarmut Kein Geld für die Altersvorsorge

Noch geht es vielen Rentnern in Deutschland gut. Damit dies so bleibt, ist künftig jedoch mehr private Altersvorsorge nötig. Doch die meisten Geringverdiener haben dafür kein Geld.

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Sozialministerin Ursula von der Leyen hat einen Diskurs über das Rentensystem in Gang gesetzt und unter anderem eine Aufstockung von niedrigen Renten zur Diskussion gestellt. Rentner, die ihr Leben lang gearbeitet haben, aber aufgrund niedriger Einkommen nur eine Rente unterhalb des Sozialhilfeniveaus beziehen, sollen unter bestimmten Voraussetzungen bessergestellt werden.

Das Leitmotiv dieses Vorschlags – wer jahrzehntelang gearbeitet und in die Rentenkasse eingezahlt hat, müsse besser dastehen als Sozialhilfeempfänger ohne jahrzehntelange Berufstätigkeit – trifft das Gerechtigkeitsempfinden der Bürger. Die überwältigende Mehrheit war immer der Auffassung, dass es einen Zusammenhang zwischen der Höhe der Altersbezüge und der beruflichen Tätigkeit geben sollte.

Die Bürger halten eine Zunahme von Altersarmut für wahrscheinlich – und Armut generell schon heute in Deutschland für ein Problem. Eine im internationalen Vergleich sehr wohlhabende Gesellschaft hat allerdings andere, wesentlich höhere Maßstäbe, was ein befriedigender Lebensstandard ist und wo Armut beginnt. Die Kopplung der offiziellen Armutsdefinition an die Einkommensstruktur – als arm gilt, wessen Bezüge um 50 Prozent unter dem Einkommensmedian in seinem Land liegen – führt in wohlhabenden Ländern zu anderen Ergebnissen als in armen Ländern und führt bei steigenden Durchschnittseinkommen teilweise zu einer höheren Zahl als arm eingestufter Bürger.

Die Bevölkerung selbst hat andere Vorstellungen von Armut. 43 Prozent der Bürger stufen Menschen als arm ein, die keinerlei finanzielle Spielräume haben und nur mit Einschränkungen ihren Lebensunterhalt bestreiten können. 17 Prozent schließen auch diejenigen ein, die nur geringe finanzielle Spielräume haben. 39 Prozent sehen dagegen nur Menschen als arm an, die ihren Lebensunterhalt nicht selbst bestreiten können und ständig auf Unterstützung angewiesen sind.

Zurzeit stufen knapp zehn Prozent ihre wirtschaftliche Lage als „eher schlecht“ ein, weitere drei Prozent eindeutig als „schlecht“. Die ältere Generation zieht eine überdurchschnittlich positive Bilanz ihrer finanziellen Lage. Während 44 Prozent aller Bürger ihre wirtschaftliche Lage mit „gut“ bis „sehr gut“ bewerten, ist dies bei 51 Prozent der 60-Jährigen und Älteren der Fall. Nur sechs Prozent von ihnen bewerten ihre wirtschaftliche Lage als „eher ungünstig“, zwei Prozent eindeutig als „schlecht“. Dies deckt sich mit den staatlichen Statistiken, die ausweisen, dass Altersarmut zurzeit ein zahlenmäßig begrenztes Problem ist. Es ist auch kaum zu erwarten, dass sich der Kreis der Betroffenen kurzfristig stark erhöht.

Dies legen zwar einige Prognosen mit Blick auf die wachsende Zahl von Minijobs und Berufsverläufe mit häufigen Unterbrechungen nahe. Dabei wird aber meist übersehen, dass der Anstieg unterbrochener Erwerbsbiografien teilweise auf Frauen zurückgeht, die nach der Familienphase in den Beruf zurückkehren – während sie früher in weit höherem Anteil dauerhaft ausgeschieden sind. Die Aussichten von Frauen auf eigene Alterseinkünfte haben sich durch ihre steigende Erwerbsquote deutlich verbessert, wenn auch die ausgeprägte Präferenz für Teilzeitbeschäftigung hier kontraproduktiv wirkt.

Die Zunahme der Minijobs wäre nur dann ein Indikator für künftig wachsende Altersarmut, wenn diese Beschäftigungsform Vollzeitstellen verdrängen würde. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Vollzeiterwerbstätigen zwar um etwa 1,5 Millionen gesunken; gleichzeitig ist jedoch die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter um zwei Millionen zurückgegangen.

Obwohl es nur eine begrenzte Zahl von Menschen betrifft, ist eine Aufstockung von Renten, die unterhalb des Sozialhilfeniveaus liegen, sinnvoll. Ob dies für alle Voraussetzungen gilt, an die diese Aufstockung geknüpft werden soll, ist jedoch fraglich. So sind nicht nur mindestens 30 Jahre Erwerbstätigkeit nötig, sondern auch der Nachweis eigenverantwortlicher Altersvorsorge: Mindestens über die vergangenen fünf Jahre der Berufstätigkeit sollen kontinuierlich Beiträge in die eigenverantwortliche Altersvorsorge investiert worden sein. Dies erfordert frei verfügbare Mittel, die bei Geringverdienern oft nicht vorhanden sind. Von den 50- bis 59-Jährigen mit niedrigem sozioökonomischem Status haben 41 Prozent nach dem Begleichen von notwendigen Lebenshaltungskosten keinerlei finanziellen Spielraum; weitere sieben Prozent beziffern den Spielraum auf weniger als 50 Euro.

Es ist zwar richtig, Anreize für eigenverantwortliche Vorsorge zu setzen. Die überwältigende Mehrheit der finanziell schlecht Gestellten hält die eigene Altersvorsorge auch für unzureichend und würde gern mehr dafür tun. Die meisten haben dafür jedoch nicht die finanziellen Mittel. Eigenverantwortung ist ein Konzept für Bevölkerungsgruppen mit finanziellem Spielraum – nicht für diejenigen, die jeden Monat neu bangen, ob sie über die Runden kommen.

Renate Köcher ist Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach und Mitglied des Aufsichtsrates mehrerer Dax-Unternehmen.

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