Altersvorsorge Was Schwarz-Rot bei der Rente schaffen kann

Bei der Rente naht die Stunde der Wahrheit: Was kriegt die Koalition noch hin? Ein großer Durchbruch ist unwahrscheinlich - doch die Einigung auf kleinere Schritte ist vorstellbar

Die Rente ist ein Streitthema in der schwarz-roten Koalition. Quelle: dpa

Seit Monaten reden SPD und Union über die Rente. Jetzt, da die Koalition das emotionsgeladene Thema gründlich anpacken will, wird der Ton zwischen Schwarz und Rot schärfer. Doch trotz nahendem Wahlkampf zeichnet sich ab: Ein bisschen was geht womöglich noch bei Schwarz-Rot.

SPD-Chef Sigmar Gabriel macht den Antreiber. Ob er die Sozialdemokraten als Kanzlerkandidat zur Bundestagswahl führen will, will er zwar erst nächstes Jahr sagen. Aber dass der Kampf um eine Mindestrente zentrales Wahlkampfthema werden soll, wenn die Union hier nicht vorher noch mitmacht, kündigte Gabriel schon mal an. Die SPD dürfe keine Altersarmut akzeptieren.

„Für Panikmache gibt es wirklich keine Grund“, hält dem CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn entgegen. „Nur gut 3 Prozent der Über-65-Jährigen sind auf Grundsicherung angewiesen, während die Armut von Kindern bei 16 Prozent liegt, die von Alleinerziehenden bei über 30 Prozent“, so der Finanzstaatssekretär.

Die Rentenversprechen - Was die Parteien vorhaben

Tatsächlich geht es vielen der mehr als 20 Millionen Rentnern heute nicht schlecht. Das Haushaltseinkommen liegt im Schnitt bei 2543 Euro netto bei Ehepaaren im Monat, bei 1614 Euro bei alleinstehenden Männern und 1420 Euro bei Frauen. Gesetzliche Rente, private Vorsorge, Zins- und Mieteinnahmen sowie Erwerbseinkommen kommen zusammen.

Tun soll sich aber etwas für die, denen es nicht so gut geht. Das hört man aus SPD und Union von vielen Seiten. Das sind vor allem Erwerbsgeminderte, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten können und dann oft auf Grundsicherung angewiesen sind. „Ich wünsche mir zumindest Verbesserungen bei den Zurechnungszeiten“, sagt die SPD-Sozialpolitikerin Katja Mast. Die Rentenanwartschaften könnten bei frühem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben also stärker als bisher aufgestockt werden.

Schwieriger wird es bei langjährigen Geringverdienern. Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) will einen neuen Vorschlag machen - die Lebensleistungsrente aus dem Koalitionsvertrag ist längst vom Tisch. Mit ihr sollten Kleinrenten aufgestockt werden, doch viele Kleinrentner sind nicht arm. Nur 6,1 Prozent der Rentner mit Bezügen bis zu 600 Euro, knapp 400 000 Menschen, beziehen Grundsicherung. Im Gespräch sind nun etwa aus Steuermitteln finanzierte Zuschläge für arme Kleinrentner.

Heikel ist auch die Ost-West-Angleichung bei der Rente. Denn kommt sie schnell, kostet die Anhebung der Ostrenten auf Westniveau zunächst Milliarden. Offen ist, ob Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) doch noch bereit ist, dafür Steuermittel frei zu machen. Künftige Ostrentner müssten jedenfalls geringere Bezüge hinnehmen. Noch werden ihre oft geringeren Löhne bei der Rentenberechnung aufgewertet. Kommt die Renteneinheit langsam, leidet das Ansehen der Politik bei vielen im Osten wohl weiter.

Rentenprognosen für 2040

Fertig ist ein Gesetzentwurf zur weiteren Verbreitung der Betriebsrenten - doch auch hier wird hinter den Kulissen noch verhandelt. Der Arbeitnehmerflügel der CDU will Nachbesserungen.

Noch diffiziler ist die von Nahles gewollte bessere Absicherung von Selbstständigen. Spahn mahnt: „Wenn wir eine zu hohe Mindestabsicherung einfordern von 200, 300 oder 400 Euro im Monat, zwingen wir viele Kioskbesitzer, Taxifahrer und viele andere, die im Monat nur 1000 Euro übrig haben, zur Aufgabe ihrer Selbstständigkeit.“ Nicht offiziell abgeräumt ist auch die Forderung von CSU-Chef Horst Seehofer nach mehr Mütterrente.

Es gibt also reichlich Konfliktstoff - bis Kanzlerin Merkel, Seehofer, Gabriel, Nahles und Schäuble bei ihrem Rentengipfel am Donnerstag überhaupt zur Kernfrage kommen. Hauptsächlich in den Fokus gerückt ist in den vergangenen Wochen die Ankündigung einer „doppelten Haltelinie“ von Nahles und Seehofer.

Die 10 schlimmsten Fehler bei der Vorsorge
Schlecht informiertDie Deutschen kaufen Autos, Computer, Küchengeräte und gehen auf Reisen. Vor dem Kauf werden oft zahlreiche Testberichte gelesen. Geht es allerdings um Versicherungen und die eigene Vorsorge, sieht dies anders aus. Dabei sind ausreichende Informationen wichtig, um teure Fehlabschlüsse zu vermeiden. Quelle: Institut GenerationenBeratung IGB Quelle: Fotolia
Lückenhafte VorsorgeOft werden einzelne, wichtige Teile der Altersvorsorge vergessen. Dazu gehören: 1) individuelle Vorsorgevollmacht 2) Patientenverfügung 3) Klärung der Finanzen im Pflegefall 4) Testament Quelle: Fotolia
Die falschen Berater„Freunde, Familie und Bekannte in alle Vorsorgefragen einzubeziehen, ist wichtig und stärkt die Bindung zueinander. Doch sich allein auf ihren Rat zu verlassen, wäre fatal“, sagt Margit Winkler vom Institut GenerationenBeratung. Denn nur ausgebildete Finanzberater könnten auch in Haftung genommen werden. Sie sind verpflichtet, alle besprochenen Versicherungen und Vorsorgeprodukte zu dokumentieren. Quelle: Fotolia
Vorsorge ist nicht gleich VorsorgeJeder sollte seine Altersvorsorge an seine eigenen Bedürfnisse anpassen, pauschale Tipps von Beratern oder Freunden taugen in der Regel wenig. Je nach Familiensituation können andere Versicherung und Vorsorgeleistungen wichtig sein. „Vor allem in Patchwork-Situationen oder bei angeheirateten Ehepartnern gelten andere Spielregeln in der Vorsorge", sagt Winkler. Quelle: Fotolia
Schwarze Schafe Deshalb ist bei der Auswahl des Beraters Vorsicht geboten, in der Branche sind schwarze Schafe unterwegs. Geht ein Berater nicht auf die persönliche Situation ein oder preist ein bestimmtes Produkt besonders an, sollten die Kunden hellhörig werden.
Informiert ins GesprächWer Fehlern im Zuge von Falschberatung entgehen will, der muss sich vorher selber informieren. Je besser der Kunde im Beratungsgespräch selber informiert ist, desto eher kann er schlechte Berater enttarnen. Quelle: Fotolia
Vorsorge-FlickenteppichBeraterin Winkler warnt davor, zu viele Verträge bei vielen verschiedenen Beratern abzuschließen. Am Ende drohten Versicherte, den Überblick zu verlieren, besser sei eine ganzheitliche Lösung, die auf die individuelle Situation abgestimmt ist. Quelle: Fotolia
Sinnlose versus sinnvolle VersicherungenEinige Versicherungen, wie die private Haftpflichtversicherung, sind essentiell. Auch die Berufsunfähigkeitsversicherung ist wichtig und sollte vorhanden sein. „Wer seinen Kindern später nicht auf der Tasche liegen möchte, sollte auch den Pflegefall unbedingt absichern“, rät Winkler. Gleichzeitig gibt es aber auch zahlreiche überflüssige Policen, die nicht für jeden und in jedem Alter notwendig sind. Quelle: Fotolia
Hochriskante AnlagenWer im Alter gut versorgt sein will, der sollte nicht auf hochriskante Anlagen setzen. Anteile an geschlossenen Fonds oder Genussscheine bringen nicht unbedingt eine sichere Rente. Quelle: Fotolia
Alles auf eine Karte setzenWinkler warnt davor, nur auf eine Anlageart zu setzen. Neben der gesetzlichen und betrieblichen Altersvorsorge ist auch private Vorsorge wichtig, etwa durch ein gut gestreutes Portfolio, welches beispielsweise offene Fonds oder Immobilienwerte enthalten könne. Quelle: Fotolia

Nahles will eine Mindestgrenze beim Rentenniveau für 2045 nennen - aber ohne Explosion der Beiträge. Ohne Reformen dürfte das Verhältnis der Rente zum Durchschnittslohn laut Regierung bis dahin von heute 48 auf 41,6 Prozent fallen, die Beiträge von 18,7 auf 23,4 Prozent steigen. Ein Prozentpunkt Rentenniveau mehr oder weniger kostet rund 6 Milliarden Euro. Unionsforderungen, das Rentenalter an die Lebenserwartung zu koppeln, lehnt die SPD ab.

Wie kann die Politik hier Leitplanken setzten? Der Präsident der Deutschen Rentenversicherung, Axel Reimann, erwartet keine schnelle Lösung. „Wo genau diese Leitplanken liegen sollen, wird letztlich ein Ergebnis des gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses sein.“

Nahles will offene Fragen in einem eigenen Rentenkonzept beantworten - einen Wahlkampf übers Rentenniveau lehnt sie ab. Da kommt es wohl gerade recht, dass die Union mit einer neuen Rentenkommission liebäugelt. Erstmal sollen Experten über Monate die heikle Angelegenheit beraten.

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