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Altmaier besucht Mittelstand Wie Mittelständler und Start-ups voneinander lernen sollen

Wirtschaftsminister Peter Altmaier Quelle: dpa

Peter Altmaier ist auf Versöhnungstour und will erfahren, was den deutschen Mittelstand bewegt. Im Gepäck hat er Vorschläge für Entlastungen - und hofft auf den Digitalisierungsbeschleuniger Start-ups.

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Peter Altmaier erinnert sich. 2017 sei er, damals Kanzleramtschef, an der Uni Münster bei einem Gründerclub gewesen: „Waren Sie da auch dabei?“ Seine Gesprächspartnerin wirkt überrascht. „Ja“, antwortet sie, das sei sie gewesen. Nun treffen sich Lara von Petersdorff, 24, und der CDU-Politiker wieder. Petersdorff hat inzwischen ein Start-up gegründet, Altmaier ist Bundeswirtschaftsminister geworden – und gerade unterwegs in Bielefeld.

Dort steht er in einem Großraumbüro mit unverputzten Wänden und Avocado-Schnittchen auf den Stehtischen, in dem junge Gründer an ihren Ideen arbeiten. Die Bertelsmann Stiftung hat hier ihre Founders Foundation untergebracht, ein gemeinnütziges Unternehmen, das Start-up-Gründer ausbildet und unterstützt. Und, das ist der Kern der Idee: sie mit dem in der Region traditionell starken Mittelstand zusammenbringt, auf dass beide davon profitieren – die jungen Unternehmen, indem sie Kunden und vielleicht auch Geldgeber gewinnen, und die Mittelständler, indem sie bei der Digitalisierung aufholen.

Denn während Konzerne längst mit Start-ups zusammenarbeiten, machen das erst verhältnismäßig wenige Mittelständler – und das, obwohl es ihnen schwerer fällt als den Großen, sich auf den digitalen Wandel einzustellen.

Das hat auch Lara von Petersdorff festgestellt. Ihr Unternehmen Lytt hat eine Plattform geschaffen, über die Mitarbeiter anonym Probleme melden und um Hilfe bitten können, beispielsweise wenn sie gemobbt oder sexuell belästigt werden. Zu Petersdorffs Kunden zählt bislang unter anderem die Deutsche Bahn. Auch kleinere Unternehmen würde sie gern gewinnen – doch das sei schwieriger, weil das Thema dort institutionell noch nicht so verankert sei wie in Konzernen.

Die Gründerin hat deshalb eine Idee für Altmaier: eine Förderung, die für Mittelständler einen Anreiz schafft, mit Start-ups zu arbeiten. „Dann könnten wir auf Personalabteilungen zugehen und sagen: Wir werden vom Staat gefördert, wenn wir das zusammen machen“, sagt Petersdorff. Sie glaubt, das könne für mittelständische Unternehmen ein Grund mehr sein, „sich darauf einzulassen“.

Altmaier ist da schon in ein anderes Gespräch vertieft, er hat in diesen Tagen viele Termine. Noch bis Samstag reist der Wirtschaftsminister zu deutschen Mittelständlern, fährt nach Ostwestfalen-Lippe, ins Sieger- und ins Sauerland und schließlich nach Stendal in Sachsen-Anhalt, dahin, wo kleine und größere inhabergeführte Unternehmen sitzen, einige von ihnen Weltmarktführer.

Die Reise ist auch eine Art Versöhnungsangebot, nachdem Altmaiers Industriestrategie Anfang des Jahres bei vielen mittelständischen Unternehmern das Gefühl hinterlassen hatte, Altmaier bevorzuge Konzerne und ignoriere die Belange derer, die immerhin fast sechs von zehn Arbeitsplätzen in Deutschland stellen und mehr als drei Viertel aller Ausbildungsplätze.

Denn in seiner Industriestrategie forderte Altmaier europäische Champions, die es mit den großen Rivalen auf dem Weltmarkt, vor allem aus den USA und China, aufnehmen können, Unternehmen, wie sich eines aus dem von der EU-Kommission untersagten Zusammenschluss von Siemens und Alstom ergeben hätte.

Viele mittelständische Unternehmer irritierte das. Besonders leidenschaftlich kritisierte Reinhold von Eben-Worlée, Präsident der Familienunternehmer, den Wirtschaftsminister und nannte ihn einen „Totalausfall“. Für seine Reise wünschte Eben-Worlée Altmaier „reichlich Erkenntnisse zu den spezifischen Bedürfnissen des Mittelstands“.

Dabei wollte Altmaier schon bei seinem Amtsantritt Mittelstandsminister sein, so hatte er es angekündigt. Er habe von Anfang an die feste Überzeugung gehabt, „dass wir alle beim Mittelstand etwas gutmachen müssen“, sagte Altmaier denn auch, als er jetzt seine Pläne vorstellte. Die wichtigsten Punkte: Gesellschafter eines Personenunternehmens sollen künftig höchstens 45 Prozent Einkommensteuer bezahlen müssen – derzeit, heißt es aus dem Ministerium, liege der Satz für manche Gesellschafter um einige Prozentpunkte darüber. Für Gewinne, die wieder in das Unternehmen investiert werden, soll die Steuer von derzeit etwa 30 Prozent auf 25 Prozent gesenkt werden.

Außerdem will Altmaier die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung weiter senken: 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte seien vertretbar, sagte er. Auch die Bürokratie soll weiter abgebaut werden, zunächst, indem die elektronische Archivierung vereinfacht und eine einheitliche elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung eingeführt wird. Was nach Details klinge, spare mittelständischen Betrieben etwa eine Milliarde Euro, sagte Altmaier.

Er will auch weiterhin den Solidaritätszuschlag vollständig abschaffen – was ihm Finanzminister Olaf Scholz (SPD) bislang allerdings verwehrt. Ohnehin wird sich zeigen müssen, wie weit Altmaier mit seinen Vorschlägen kommt, für die er SPD-Kollegen wie Scholz und Arbeitsminister Hubertus Heil braucht.

Start-ups gehören zum Mittelstand

Auf Start-ups wie das von Lara von Petersdorff, die Altmaier, wenn er von Mittelständlern spricht, immer wieder gezielt anspricht, zielen vor allem zwei Punkte der Strategie: Damit junge Unternehmen auch wenn sie wachsen über genug Geld verfügen, will das Ministerium stärker private und institutionelle Investoren gewinnen – das können neben Versicherungen auch Familienunternehmer sein.

Zweitens denkt das Ministerium bei der Reform des Arbeitszeitgesetzes auch an Start-ups. Statt einer täglichen soll in Zukunft eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden gelten – und zwar auch für tarifungebundene Unternehmen, also eben Mitarbeiter von Start-ups, die ihren Arbeitstag, so stellt man sich das zumindest im Ministerium vor, auch mal für mehrere Stunden unterbrechen, um sich ans Wasser zu legen, und dafür dann abends länger arbeiten wollen.

Aber lassen sich der traditionelle deutsche Mittelstand und junge, oft digitale Unternehmen wirklich so einfach zusammendenken? Friederike Welter, die Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn, glaubt an mehr Verbindendes als Trennendes. Politiker und Unternehmensvertreter, die ins Silicon Valley führen, begeisterten vor allem zwei Dinge, sagt Welter: die Innovationskraft und das schnelle Wachstum der Unternehmen dort.

Eine falsche Wahrnehmung, findet Welter: „Mittelständler sind innovativ.“ Nur richten sich ihre Produkte – im Gegensatz zu Apple und Amazon – meist nicht an Menschen, sondern an andere Unternehmen. Daher, sagt Welter, würden viele Innovationen im Mittelstand statt durch Forschung und Entwicklung durch Kundenwünsche ausgelöst. Auch, dass Unternehmen im Silicon Valley sehr schnell sehr groß würden, stimme nicht pauschal. Die meisten wüchsen erst nach zehn oder 15 Jahren stark. Unternehmen wie Apple zehrten zwar noch vom Geist des mystischen Tals, „aber mittlerweile sind viele auch etabliert“.

Umgekehrt hat Welter bei deutschen Start-ups eine interessante Beobachtung gemacht: Sie fühlten sich dem Mittelstand oft nicht zugehörig. Seit kurzem erst wandele sich das. „Manche sagen nun offensiv: Wir sind auch Mittelstand – sie nutzen den Begriff auch wie eine Marke, die im Ausland Gewicht hat.“

Peter Altmaier jedenfalls sagt, er wünsche sich, „dass Mittelständler und Start-ups künftig häufiger zusammenfinden“ – ob man nicht die Founders Foundation auch nach Passau, Görlitz oder in seine Heimatstadt Saarlouis bringen wolle? „Dann können Sie sich austauschen, welche Ideen geflogen sind – und welche abgesoffen wie eine Bleiente.“ Ob der Minister da vielleicht finanzielle Unterstützung zur Verfügung stellen könnte, lautet die Gegenfrage. Der bietet an, einige Treffen zu organisieren: „Sie kommen mit zwei, drei Start-ups und erläutern Ihr Modell – und wir laden die Mittelständler ein.“ Na immerhin.

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