Amoklauf in München Schäuble-Spezialeinheit nahm Marburger Waffendealer fest

Der Lieferant der Münchner-Attentatswaffe wurde vom Zoll festgenommen. Die Behörde kämpft auch gegen den Terror und nimmt das Darknet ins Visier.

Das Zollfahndungsamt Frankfurt präsentiert eine bei einem mutmaßlichen Waffenhändler in Marburg sichergestellte Glock 17. Quelle: dpa

Die Festnahme des 31-jährigen Darknet-Waffendealers in Marburg am Dienstag erfolgte nicht durch die Polizei. Vielmehr waren es Beamte des Zolls, die den mutmaßlichen Lieferanten der Tatwaffe an den Münchner Attentäter zunächst ermittelten und dann dingfest machten. 

Die Verhaftung nahm eine der jüngsten und besten Spezialeinheiten Deutschlands vor, die sich hinter dem nichtssagenden Kürzel ZUZ versteckt. Die Rede ist von der knapp 60 Mann starken Zentralen Unterstützungsgruppe Zoll, die mit der GSG 9 der Bundespolizei vergleichbar ist und dem Amtsbereich von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) untersteht.

Zahl der Einsätze des ZUZ nimmt zu

Die ZUZ übernimmt Einsätze, die für normale Zollbeamte zu gefährlich sind. Und deren Zahl nimmt rapide zu. Allein 2015 wurden die ZUZ-Beamten rund 100-mal angefordert, ein Anstieg von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Die Tendenz scheint sich 2016 fortzusetzen“, teilt die Generalzolldirektion in Bonn mit. Der Grund ist erschreckend. Man habe es beim Zoll mit „einer gestiegenen Gewaltbereitschaft der Täter in allen Deliktbereichen“ zu tun, heißt es in der Behörde.

Immer häufiger ginge es um schwere und organisierte Kriminalität. Beispielhaft dafür nennt die Generalzolldirektion den Markt für Schwarzarbeit, auf dem hohe Gewinne zu erzielen seien. Diese würden Täter „durch gesteigerte Gewalt gegenüber anderen Tätern und auch den Strafverfolgungsbehörden“ schützen. Vor allem Osteuropäer sorgten für mehr Brutalität.

Zudem müssen sich die Beamten auf immer neue Herausforderungen einstellen – insbesondere die boomenden Geschäfte im Darknet – also jener verschlüsselte und anonyme Hinterraum des Internets, in dem der Handel mit Waffen, Sprengstoff und Drogen blüht. Auch der Amokläufer von München beschaffte sich dort seine Tatwaffe, eine Glock 17 aus der Slowakei. Über eine eigene Internetabteilung versuchen sich die Zollfahnder Zugang zu diesem Teil des Internets zu verschaffen.

Wie die digitale Parallelwelt funktioniert
Tor-Browser
Die Zwiebel mit ihren vielen Schalen: Die Abkürzung TOR steht für: The Onion Router – das Zwiebel-Netzwerk. Die kostenlose Open-Source-Software, einst vom US-Militär entwickelt, dient dazu, die eigene IP-Adresse zu verschleiern, indem sie Anfragen nicht direkt an die Zieladresse im Netz schickt, sondern über eine Kette von Proxyservern leitet. Jeder Proxy kennt nur seinen Vorgänger und Nachfolger, aber keiner kennt den ursprünglichen Absender der Anfrage und gleichzeitig den Empfänger. Das sieht in der Praxis dann so aus. 
Seitenadressen bestehen im anonymen Web aus einer zufällig gewählten, und ständig wechselnden Kombination von Zahlen und Buchstaben. Das erschwert das surfen. Deswegen bieten einige Seiten wie „The Hidden Wikki“, Orientierungshilfe. DeepDotWeb ist auch über das freie Internet zugänglich. Hier finden sich Foren, Fragen und Übersichten rund um das Thema Deepweb/Darknet. 
Tor ist nicht nur zum surfen auf nicht frei zugänglichen Websites nützlich. Auch ganz "normale" Seiten können hier anonym und datensicher angesteuert werden. Gleichzeitig lassen sich auch einige Unternehmen mit einer speziellen .onion Adresse registrieren. So hat zum Beispiel Facebook 2014, als erste große Firma einen offen sichtbaren Tor-Dienst mit eigener Adresse im Anonymisierungsnetz Tor aufgesetzt. 
Grams ist die gängigste Suchmaschine für Drogenmärkte im Darknet. Zwar ist der Drogenmarkt im Internet gegenüber dem Straßenhandel (mit einem geschätzten Umsatz von 320 Milliarden Dollar pro Jahr weltweit) noch klein, aber bereits hart umkämpft. Die Betreiber leben gut von der Verkaufsprovision, die sie für jeden Deal erhalten, der auf ihrer Seite geschlossen wird. Laut FBI sollen beim damals 29-jährigen Marktführer Dread Pirate Roberts von der Seite Silkroad, Bitcoins im Wert von 150 Millionen Dollar sichergestellt worden sein. Im Oktober 2013 wurde der US-Amerikaner Ross Ulbricht, der angebliche Silk-Road-Betreiber, ausfindig gemacht und vom FBI verhaftet. Der heute 32-Jährige wurde zu lebenslanger Haft ohne Bewährung verurteilt. 
Aufgrund der steigenden Konkurrenz haben sich Nachfolger wie Alphabay oder Nucleus vom anarchischen Neunzigerjahre-Look verabschiedet und orientieren sich nun an der Optik des legalen Onlinehandels. Da Vertrauen auf anonymen Marktplätzen ein knappes Gut ist, reagieren die Kunden stärker auf die üblichen Onlinereize wie einprägsame Logos, erkennbare Marken, hochauflösende Produktfotos und Marktstandards wie Kundenprofil, Konto-Übersicht und ausführliche Angebotslisten. Drogen sind auf fast jedem Marktplatz der größte Posten, daneben lassen sich hier jedoch auch Waffen, Hacker, Identitäten, Kreditkarten und andere Dinge erwerben. In den dunkelsten Ecken, die allerdings auch im Darknet nicht ohne weiteres zugänglich sind, finden sich sogar Menschenhandel, Kinderpornographie und Live-Vergewaltigungen. 
Ob gehackte Paypal, Amazon oder Ebay-Konten, eine neue Kreditkarte oder die Dienste eines Hackers, der mit Hilfe einer DDoS-Attacke (Distributed Denial of Service) eine Seite lahmlegen soll. Im Darknet werden Angriffe bzw. Daten jeglicher Art angeboten. Für nur ein Pfund, könnte man hier eine russische Kreditkarte mit hohem Verfügungsrahmen erwerben. Auch persönliche Daten wie Namen, Geburtsdaten, Adressen, EMails und alle erdenklichen Zugänge einer bestimmten Person werden hier für wenige Dollar angeboten. Zur Zeit vor der US-Wahl besonders beliebt: personenbezogene Daten, aufgelistet nach Bundesstaaten in Amerika.

Inzwischen könne Schäubles Sonderkommando auch bei Terrorlagen eingesetzt werden, erklärt die Generalzolldirektion: „Die Sicherheitsbehörden stehen im engen Austausch, der ggf. auch zu einer Anforderung der ZUZ führen kann.“ Diese nimmt bereits an bundesländerübergreifenden Übungen im Zusammenhang mit terroristischen Anschlägen teil.

Seit 2015 ist die ZUZ offizielles Mitglied im Nordverbund der SEKs. Aufgrund der Festlegung in den jeweiligen Polizeigesetzen der Bundespolizei und der Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Hessen, Saarland, Sachsen und Schleswig-Holstein können Einsatzmaßnahmen der ZUZ auf Anforderung der Bundespolizei und der Länderpolizei mit allen polizeilichen Befugnissen erfolgen. Umgekehrt kann Schäubles Spezialeinheit nicht mehr alle Zolleinsätze selbst durchführen und muss stellenweise Unterstützung von der GSG 9 oder Sondereinsatzkommandos (SEK) der Länder anfordern.

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