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Analyse zum Anschlag in Berlin Ohnmächtig gegen den Terror?

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Neue Qualität des Terrors


Dahinter steht eine neue Qualität des Terrorismus: Nicht vernetzte, unauffällige Täter, die sich extrem schnell radikalisieren und mit alltäglichen Gegenständen an unverdächtigen Orten eine Spur des Schreckens hinterlassen. Dagegen gibt es kaum präventive Mittel.

Gerade bei Einzeltätern, die sich erst vor ein paar Wochen oder gar Tagen radikalisiert hätten, sei es kaum möglich, zu entsprechenden Erkenntnissen zu kommen und Anschläge im Vorfeld zu verhindern, skizzierte einmal der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow, die Herausforderung für die Sicherheitsbehörden.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass solche Einzeltäter im klassischen Sinne nicht in Netzwerke eingebunden sind, keinen konkreten Instruktionen folgen und ihre Pläne nicht vorher mit anderen teilen. Das macht es Polizei und Geheimdiensten besonders schwer, ihnen auf die Spur zu kommen. Im Fall des Berliner Anschlags ist noch nicht geklärt, ob der Täter in die Kategorie der einsamen Wölfe fällt.



Seit einiger Zeit häufen sich aber auch Fälle von Einzeltätern, die zwar alleine Anschläge ausführen oder vorbereiten, dabei aber Anweisungen folgen – also gesteuert werden, etwa von Mitgliedern der Terrormiliz IS. „Sorge bereitet uns ein neuer Tätertypus, bei dem es sich nur scheinbar um Einzeltäter handelt“, sagte Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen kürzlich. „Diese Attentäter werden virtuell aus dem Ausland über Instant Messaging ferngesteuert.“

Solche Kontakte wurden etwa bei den Attentätern von Ansbach und Würzburg festgestellt. Der eine sprengte sich auf einem Platz vor einem Musikfestival in die Luft und verletzte 15 Menschen. Der andere ging mit Axt und Messer in einer Regionalbahn auf Fahrgäste los und verletzte mehrere Passagiere. Beide waren Flüchtlinge – und hatten zuvor wohl über Chats Instruktionen und „Ratschläge“ von IS-Leuten bekommen, wie sie am besten vorgehen sollten.

Ob das im Berliner Fall auch so abgelaufen ist, lässt sich derzeit nicht sagen, die Ermittlungen laufen. Gleichwohl wirft die Attacke auf den Weihnachtsmarkt ein Schlaglicht auf ein weiteres Problem, mit dem sich die Sicherheitsbehörden konfrontiert sehen – das Flüchtlingsthema.

Wie seinerzeit der Würzburger Angreifer könnte der Berliner Täter als Flüchtling getarnt nach Deutschland gekommen sein – doch das sind bislang nur Spekulationen. Trotzdem stellen viele hochrangige Politiker diesen Zusammenhang her – wie der bayrische Ministerpräsident. „Wir sind es den Opfern, den Betroffenen und der gesamten Bevölkerung schuldig, dass wir unsere Zuwanderungs- und Sicherheitspolitik überdenken und neu ausrichten“, erklärte CSU-Chef Horst Seehofer am Dienstag in München. Das bayerische Kabinett werde ab 16 Uhr auf einer Sondersitzung über die Sicherheits- und Flüchtlingspolitik in Deutschland beraten. Innenminister Thomas De Maiziere (CDU) betonte zwar stets, dass die Anschlagsgefahr unabhängig von den Flüchtlingen hoch sei. Allerdings wollte er auch nicht einen Zusammenhang zwischen Flüchtlingen und Terrorismus ausschließen.

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