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Anders gesagt
E-Scooter: Bloß ein Spielzeug? Quelle: dpa

Der E-Scooter ist kein Fahr- sondern ein Spielzeug

Ferdinand Knauß Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Ferdinand Knauß Reporter, Redakteur Politik WirtschaftsWoche Online Zur Kolumnen-Übersicht: Anders gesagt

Der Verkehrsminister und die deutsche Öffentlichkeit nehmen die Dinger viel zu ernst. E-Tretroller sind kein Beitrag zur Verkehrswende, sondern Indiz der Infantilisierung des Konsumenten.

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Das größte Erfolgserlebnis der vergangenen Woche hatte ich auf dem Fahrrad. Ich bin kein besonders guter Fahrer und mein Trekking-Rad ist von mittlerer Qualität. Dennoch bereitete es mir keine große Mühe, zwei junge Männer zu überholen, die auf E-Scootern vor mir fuhren. 

Ich gebe zu, es war mir eine Genugtuung. Sieh an, dachte ich mir stolz, in meinen Beinen steckt mehr Kraft als in den Batterien dieses vermeintlich so innovativen Fortbewegungsmittels. Und das soll nach Ansicht von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer eine zumindest innerstädtische Alternative zum Auto sein? 

Das ist ganz offensichtlich Quatsch. E-Tretroller werden nicht den latenten Infarkt des automobilen Individualverkehrs kurieren. Zur Energieersparnis und zur Klimabilanz werden sie auch nicht positiv beitragen, sondern eher sogar negativ. Wegen der E-Roller wird kaum ein Verbrennungsmotor stillstehen – nicht nur, weil sie langsamer sind.

Das ist auch ohne große Nutzungsstudie allein aus Anschauung und Verstandesnutzung evident: Die kleinen Dinger, die kaum größer sind als jene echten Roller, mit denen man nur durch Fußabtritt vorwärtskommt, sind keine Alternative zum Auto, ja nicht einmal zur Vespa. Sie sind nur eine allzu verlockende, spaßigere Alternative für Fortbewegungsmittel, die mit Muskelkraft – der mit Sicherheit stets ökologischsten, in der Regel gesündesten und sehr oft auch ökonomischsten Antriebsquelle – betrieben werden. Wer bislang Fahrrad fährt oder einfach zu Fuß geht, wird nun in Versuchung gebracht, ein paar Euros zu berappen und sich elektrisch zu bewegen.

Der E-Tretroller, diese bei näherer Überlegung ziemlich banale Innovation, bedeutet noch nicht einmal eine Ausweitung mobiler Möglichkeiten für alte, gehbehinderte, gebrechliche Menschen. Schließlich muss man auf den Dingern stehen und benötigt ein relativ hohes Maß an Körperbeherrschung. 80-Jährige werden sich das vermutlich meist nicht zutrauen.

Und zu guter Letzt haben die Roller nicht die geringste Gepäcktragefähigkeit.

Der E-Tretroller ist nicht wirklich ein Fahrzeug, weil er nichts kann, was andere Geräte nicht besser und effektiver können. Er ist ein albernes Spielzeug. Ein Produkt für unerwachsene Menschen, die jeden neuesten Schrei immer mitmachen zu müssen glauben. Ein Produkt, das keinen Fortschritt (wie auch immer man den definierte) bedeutet, sondern allein die flüchtigen Gelüste einer zunehmend infantilisierten Konsumgesellschaft herauskitzelt und dann befriedigt. 

Statt sich auf so ein albernes Spielzeug zu stellen, sollte man lieber noch einmal Benjamin Barbers Buch „Consumed!“ (2007) lesen, in dem er darlegt, wie überflüssige Güter Kinder zu Konsumenten und Erwachsene zu infantilen Markenfetischisten und Opfern ihrer künstlich erzeugten Bedürfnisse machen.

Die E-Scooter sind los

Was Barber nicht schrieb: Diese kindlichen Konsumenten sind zugleich meist in zunehmendem Maße moralisiert. Man will seine Konsumlust und Unrast durch ein gutes Gewissen kompensieren, damit der Konsum weiter Spaß macht – denn die ökologischen Nebenwirkungen (nicht nur der wachsenden Mobilität) sind ja unübersehbar. Da kommt der E-Tretroller gerade recht. 

„E“ wie Elektro. Das genügt in Zeiten von Fridays for Future und Energiewende, um den Eindruck von aktivem Klimaschutz und ökologischem Bewusstsein zu verschaffen. Da knattert nichts und kein einziges CO2-Molekül kommt hinten raus. Dass E-Tretroller, sofern dafür nicht Autos stehen gelassen werden, nicht „grün“ sind, sondern einen zusätzlichen Energiebedarf schaffen, für sie also mehr fossile Energieträger verbrannt, ausländischer Atomstrom importiert oder zusätzliche Windräder aufgestellt werden müssen, scheint dagegen nicht zu jucken. 

Hätte man die dummen Dinger deswegen nicht zulassen sollen? Nein. Nicht unbedingt. Anderes elektrisches Spielzeug ist ja auch nicht verboten. Aber die Ernsthaftigkeit, mit der ein Minister und die gesamte Öffentlichkeit diese Pseudo-Innovation zu einem Verkehrs- und Umweltpolitikum machten, war nicht weniger lächerlich als der E-Scooter selbst. 

Hätte man die Dinger also verbieten sollen? Nein, das ist vermutlich völlig unnötig. Wenn die kleinen und großen Kinder sich ausgetobt haben und einmal auf dem E-Tretroller von einem Fahrradfahrer überholt wurden, werden sie das Interesse an den Dingern schnell verlieren. 

Wer zwei gesunde Beine hat, sich garantiert emissionsfrei und außerdem höchst effizient fortbewegen will, wird weiterhin dem Fahrrad den Vorzug geben. Und wer dem Reiz des motorisierten Fahrens auf zwei Rädern nicht widerstehen kann, der wird sich angesichts der läppischen Geschwindigkeit bald größeren Zweirädern zuwenden, auf denen man sitzen kann.

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