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Anders gesagt
Besser als jeder Herbststurm: Laubbläser im vollen Einsatz. Quelle: dpa

Der Lärm von Greta Thunberg und Laubbläsern

Ferdinand Knauß Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Ferdinand Knauß Reporter, Redakteur Politik WirtschaftsWoche Online Zur Kolumnen-Übersicht: Anders gesagt

Vor dem Klima-Untergang fürchten sich viele, aber auf irgendwas verzichten will kaum jemand. Nicht einmal auf sinnlose Laubbläser und E-Roller. Greta macht es vor.

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Der Herbst hat noch gar nicht begonnen, ein paar Blättchen lassen die Bäume erst fallen. Dennoch hört man sie jetzt schon dröhnen, zumindest da wo ich wohne, in Düsseldorf-Oberkassel: Laubbläser. Und längst sind es nicht mehr nur Mitarbeiter kommunaler Dienstleister, die mit diesen energiefressenden und Lärm und CO2 produzierenden Ungetümen tun, was Menschen jahrhundertelang auch ganz gut mit einem Besen oder Rechen und zwei gesunden Armen vollbrachten.

Und dennoch erleben die Dinger offenbar anhaltenden Verkaufserfolg. Firmen wie Bosch, Stihl oder Makita bieten eine riesige Palette der Geräte mit dem Blas-Rüssel. Eine 2006 begonnene Gegen-Initiative des Naturschutzbunds NABU „Mit Besen und Rechen für die Natur!“ ist längst vergessen.

Die Laubbläser sind ein ähnliches Phänomen wie nun die so genannten E-Tretroller. So wie der tatsächliche Effizienzgewinn des E-Rollers gegenüber dem Fahrrad oder herkömmlichen Roller nahe Null sein dürfte, bringt auch der Laubbläser – zumindest für Hausbesitzer, die damit nur ihr Gärtlein oder den Bürgersteig freiblasen – wohl kaum einen rational begründbaren ökonomischen Vorteil gegenüber Besen und Rechen. Es macht, vermute ich, einfach mehr Spaß. Der Laubbläser ist eigentlich kein Werkzeug, so wie auch der E-Roller kein ernstzunehmendes Fahrzeug ist, sondern ein Spielzeug. Außerdem schont man seine Muskeln. Um die dann teuer im Fitnesscenter zu trainieren.

Der Erfolg von Laubbläsern und E-Rollern findet in ebenjener Gesellschaft statt, deren Leitmedien die Angst vor der CO2-bedingten Klimakrise zum beherrschenden Thema gemacht haben und ein sechzehnjähriges Kind als Prophetin des drohenden Untergangs verehren. Der Tenor dieser Angst-Religion ist stets: Tut endlich was! Haltet ein, kehrt um, rettet unsere Zukunft! Man klagt „die Politik“ an und „die Wirtschaft“, also die erwachsenen Eliten (die sich dafür bedanken und in die Verehrung des Kindes einstimmen), verlangt von ihnen die „Great Transformation“, die Abkehr von den bisherigen Grundlagen des Wohlstands.

Aber selbst tut man eben nichts. Beziehungsweise man ist nicht bereit, das bleiben zu lassen, was das Beklagte eigentlich verursacht: Denn es sind ja nicht Politiker und auch nicht Vorstandsvorsitzende oder böse Spekulanten und Reiche, für die Energie benötigt und Ressourcen verbraucht, CO2 ausgestoßen und dadurch vermutlich das Klima verändert wird. Zumindest nicht nur. Es sind alle Konsumenten. Und die allermeisten Konsumenten sind genauso wenig zu wirklichem Verzicht bereit wie die Produzenten. Nicht einmal wenn der Verzicht eigentlich gar nicht so weh täte. Wie der auf lächerliche E-Roller und lärmende Laubbläser.

Stattdessen ist vielmehr ein ganzer neuer Wirtschaftszweig entstanden, geprägt vor allem von Vermarktungsspezialisten, Werbern und Non-Profit-Organisationen (deren Angestellte aber auch Geld verdienen), die den Konsumenten einen neuen Konsum mit scheinbar „nachhaltigen“ Produkten und besserem Gewissen ermöglichen. So verzichtet man nicht auf Flugreisen, sondern kompensiert sie durch Spenden an Klimaschutzprojekte.

Und außerdem gibt es ja Greta. Dieses von Millionen verehrte Kind hat gerade wie ein Heiland quasi die Konsumsünden der westlichen Wohlstandsgesellschaft auf sich geladen und vermeintlich gebüßt, indem sie nicht etwa mit dem Flugzeug nach New York reiste, sondern mit einer Segelyacht.

Man muss gar nicht erst die CO2-Bilanz dieses Segel-Turns und vor allem des hochprofessionalisierten PR-Begleit-Theaters im Vergleich zu einem Flugticket berechnen, um festzustellen, wie abgeschmackt und verlogen die Aktion ist. Denn was als Opfer erscheinen soll, ist doch bei näherer Betrachtung eher das Gegenteil: Aus einem banalen Flug wurde eine zweiwöchige Heldenreise mit der Welt als Publikum.

Natürlich ist das alles nicht Greta selbst vorzuwerfen. Weil sie eben noch ein Kind ist. Sie ist innerhalb nur eines Jahres zum verkaufsfördernden Idol einer obszönen PR-Maschinerie gemacht worden, die das Bedürfnis einer zugleich kindlich und gottlos gewordenen Gesellschaft nach Happening und Erlösung vom Bösen bedient. Ohne allerdings Opfer und Askese zu verlangen, die zum Wesen ernsthafter Erwachsenen-Religionen gehören. Die Ersatzreligion predigt zwar Scham ob der Konsumsünden, aber davon zu lassen – nein, das verlangt sie nicht. Man soll einfach „nachhaltig“ weiter konsumieren und zusätzlich Ablassbriefe 2.0 kaufen (Spenden an NGOs und Klimaschutzprojekte zum Beispiel).

Und zuletzt: Geld verdienen zu wollen – ob mit einer Fluglinie, Public Relations oder dem Vermieten von Immobilien – ist nicht per se unmoralisch. Komfortabel leben zu wollen auch nicht. Sofern man sich dabei an die einfachen Regeln moralischer Konvention (zum Beispiel: Mitbürger nicht durch Laubbläser-Lärm nerven!) und geltendes Recht hält. Unmoralisch ist es aber zu lügen, und erst recht, die Lüge zur Grundlage eines Geschäftsmodells zu machen.

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