WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Anders gesagt
Die Bundeswehr lässt auf der Bildungsmesse didacta in Köln einen Luftballon steigen. Quelle: imago images

Die Bundeswehr – nur ein Arbeitgeber wie jeder andere?

Ferdinand Knauß Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Ferdinand Knauß Reporter, Redakteur Politik WirtschaftsWoche Online Zur Kolumnen-Übersicht: Anders gesagt

Im Schatten der großen Attraktivitätsoffensive bleibt der eigentliche Daseinszweck der Bundeswehr verschleiert. So wird das nichts mit der Überwindung der Misere.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Die Bundeswehr macht sich attraktiv. Die Bundesregierung gönnt den freiwillig Wehrdienstleistenden mehr Sold und erhöht die Sozialleistungen. Zugleich soll eine verstärkte Berufsförderung den Soldaten nach Dienstende den Schritt ins zivile Arbeitsleben erleichtern. Zeitlich perfekt abgestimmt verkündete die Personalverwaltung der Bundeswehr kürzlich, wie erfolgreich man als Arbeitnehmer-Weitervermittler sei. Dabei ist das seit Jahrzehnten kein Geheimnis: Ehemalige Zeitsoldaten findet man wohl in fast allen Berufsfeldern inklusive Topmanagement, die IG-Metall entsendet sogar einen früheren Offizier in den Siemens-Aufsichtsrat.

Die Maßnahmen selbst sind nicht verkehrt. Verkehrt ist allerdings: Die Bundeswehr scheint im Schatten der großen Attraktivitätssteigerungsoffensive ihre eigentliche Existenzberechtigung vergessen machen zu wollen. Auf Werbeplakaten an öffentlichen Plätzen und auf ihren Internet-Auftritten wird die eigentliche Arbeit, die die Bundeswehr vergibt, so sehr verschleiert, dass man sich über das wenig befriedigende Produkt eigentlich nicht wundern sollte.

Das beginnt schon mit dem ersten Eindruck, den die deutschen Streitkräfte jedem Interessierten von sich selbst vermitteln. Wer sich auf der Website bundeswehrkarriere.de über entsprechende Möglichkeiten erkundigen will, sieht zunächst sechs sympathisch lächelnde, völlig unmartialische Menschen; einen Krawattenträger, eine Ärztin, eine Obergefreite mit Papieren in der Hand, eine wohlgeschminkte Marine-Offizierin, einen Piloten, einen Feuerwehrmann von hinten, einen Obermaat mit Aktenkoffer. Keine Waffe zu sehen. Im Online-Fragebogen wird gleich zu Anfang gefragt: „Möchten Sie in Ihrem Beruf auch eine Schusswaffe verwenden?“ Klickt man „Nein, auf keinen Fall“ ein, scheint man trotzdem willkommen zu sein – und erhält den Hinweis auf Azubi-Stellen als Gärtner oder Maler und Lackierer.

Man bekommt jedenfalls nicht den Eindruck, dass die Bundeswehr in erster Linie Menschen sucht, die bereit und willens sind, Soldat zu werden. Der frühere Verteidigungsminister Volker Rühe hat jüngst in einem Interview deutlich gemacht, was im vermeintlich modernen, von Beratungsunternehmen gemanagten Verteidigungsministerium offenbar niemand glauben möchte: „Sie können Bewerbern niemals sagen: Bei uns könnt ihr viel Geld verdienen. Auch Flachbildschirme auf der Stube sind das falsche Signal. Was die Soldaten wollen, ist gute Ausbildung und Wertschätzung.“

Zum Vergleich ein Online-Besuch bei der britischen Armee: Hier feuern Infanteristen aus allen Rohren, ein Kampfpanzer stürmt durchs Gelände, Fallschirmjäger stürzen sich aus dem Flugzeug. Auf jedem Bild sind Kämpfer und Waffen zu sehen. Militär eben. Gefällt sicher nicht jedem. Aber vermutlich denen, die bereit und willens sind, Soldaten zu werden und im Ernstfall kampfbereit zu sein. Und nur um die geht es.

Was der Zweck der britischen Streitkräfte ist, steht in fetten Lettern auf der Homepage: „To protect the nation“. Auf der Website der britischen Marine steht übrigens auch: „Protecting our economy“. Letzteren Zweck offen zu benennen, wurde dem deutschen Ex-Bundespräsidenten und ehemaligen Leutnant der Panzertruppe Horst Köhler bekanntlich derart kritisch vorgehalten, dass er zurücktrat.

Das fundamentale Problem der Bundeswehr – nicht wissen zu wollen, wofür man eigentlich existiert – ist in der Bundesverteidigungsministerin selbst personifiziert. Ebenso wie ihre oberste Dienstherrin im Kanzleramt meidet die frühere Arbeitsministerin Ursula von der Leyen so weit es irgendwie geht öffentlich das Soldatische. Deutlich wurde das etwa bei ihrer jüngsten Sommerreise. Zehn Stationen besuchte sie zwischen dem 24. Juli und 4. September 2018. Doch bei keiner einzigen Kampftruppe ließ sie sich blicken. Stattdessen besuchte sie vier Kommandostäbe, zwei Schulen, ein Bildungszentrum, zwei Transporthubschrauber-Einheiten. Allein beim Artilleriebataillon 295 in Stetten am kalten Markt wird ihr der Anblick von Waffensystemen vermutlich nicht erspart geblieben sein. Diejenigen, die im Ernstfall das höchste Risiko tragen, sind der Ministerin aber offenbar keinen Besuch wert.

Streitkräfte sind nicht in erster Linie dazu da, ein besonders attraktiver, familien- und minderheitenfreundlicher, diverser Arbeitgeber zu sein. Streitkräfte sind dazu da, kämpfen zu können. Klingt nicht schön. Ist es auch nicht. Es ist das ernsteste aller Geschäfte und wenn es tatsächlich nicht nur geübt, sondern ausgeführt werden muss, ist es bekanntlich das schrecklichste: Menschen „außer Gefecht“ setzen, also mit Absicht zu verletzen und zu töten.

Trotzdem muss ein Staat, wie Richard von Weizsäcker einmal sagte, Streitkräfte haben, damit er nicht herumgeschubst werden kann. Eigentlich eine weltweit unwidersprochene Feststellung – nur nicht in der wirklichkeitsfeindlich-unpolitischen Öffentlichkeit Deutschlands. Alles Reden deutscher Regierungspolitiker von „internationaler Verantwortung“ und „Multilateralismus“ ist leeres Geschwätz und wird im Zweifelsfall nichts bedeuten, wenn Deutschland nicht glaubwürdig militärische Einsatzfähigkeit in die Waagschale werfen kann.

Gerade deswegen, weil es das ernsteste und existentiellste Feld der Politik ist, sollten Politiker es nicht verschleiern und umdeuten. Eine Bundeswehrführung und eine Verteidigungsministerin, die ihr höchstes Ziel darin sieht, die Streitkräfte zum attraktiven und höchsten gesellschaftlich-moralischen Ansprüchen genügenden Vorzeige-Arbeitgeber zu machen, verwechseln Mittel und Zweck. Glückliche Soldaten mit flexiblen Dienstzeiten, wohnlichen Kasernen und kostenloser Betreuung für Kinder rechtfertigen nicht an sich die wieder steigenden Ausgaben des Steuerzahlers für die Bundeswehr, sondern nur ihre tatsächliche Einsatzbereitschaft.

Erst wenn man im Verteidigungsministerium, in der Bundesregierung und im Rest der deutschen Gesellschaft wieder halbwegs Klarheit darüber gewonnen hat, was deutsche Streitkräfte sein müssen und können sollen, wird deren gegenwärtige Misere vielleicht überwunden werden. Dann wird übrigens auch der Soldatenberuf wieder attraktiver.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%