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Anders gesagt
Eine Lebensmittellieferung der Welthungerhilfe kommt in Kongo an. Quelle: imago images

Die unendliche Entwicklungspolitik

Ferdinand Knauß Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Ferdinand Knauß Reporter, Redakteur Politik WirtschaftsWoche Online Zur Kolumnen-Übersicht: Anders gesagt

Antworten auf die zentralen Fragen für die Entwicklung Afrikas hat die Welthungerhilfe nicht zu bieten. Aber dass Deutschland zu wenig dafür ausgibt, meint der Verein zu wissen. Wer finanziert ihn eigentlich?

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„Viel Geld, aber nicht genug.“ Der Satz aus einem Blog-Beitrag der Welthungerhilfe-Mitarbeiterin Marion Aberle ist die kondensierte Zusammenfassung des am Donnerstag präsentierten Berichts „Compass 2019“ von Welthungerhilfe und Terre des Hommes. Er handelt nach eigenem Anspruch von der „Wirklichkeit der deutschen Entwicklungspolitik“. Doch man lernt daraus wenig über die deutsche Politik und so gut wie gar nichts über die Entwicklung in Afrika, sondern eigentlich vor allem über die Berichter selbst. Der Bericht ist ein leider repräsentatives Dokument für die verdeckte aber strukturelle Selbstbezüglichkeit der professionellen Entwicklungshilfe.

„Deutschland verfehlt Entwicklungshilfeziel“ ist der Beitrag der Mitautorin Aberle überschrieben. Die vorgeworfene Verfehlung bezieht sich auf die ODA-Quote, die im Zentrum des Berichts steht: Im Rahmen der Vereinten Nationen haben sich 1972 die OECD-Staaten inklusive Deutschland vorgenommen, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für „Official Development Assistance“ aufzuwenden. Damals nannte man noch Entwicklungshilfe, was heute meist „Entwicklungszusammenarbeit“ genannt wird. Im Gegensatz zur Nato-Vorgabe, zwei Prozent des BIP für Verteidigung auszugeben, hat die Bundesregierung die ODA-Quote mit 0,67 Prozent (absolut: 22,18 Milliarden Euro) allerdings nur knapp unterlaufen. Es gibt – Stand 2017 – überhaupt nur fünf OECD-Staaten, die eine höhere als die deutsche ODA-Quote aufweisen (Großbritannien, Dänemark, Luxemburg, Norwegen und Schweden). Andere, auch wohlhabendere Staaten, wie die USA, Kanada, Finnland geben sehr viel weniger für Entwicklungszusammenarbeit aus als Deutschland.

Weil die Zuwendungen stagnierten, fordert Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe „ deshalb einen finanziellen Stufenplan für die kommenden Jahre, um die Lebensbedingungen von benachteiligten Familien insbesondere auf dem Land langfristig zu verbessern.“ Was er nicht sagt, aber für ihn und alle in der Entwicklungshilfe hauptamtlich Tätigen gilt: Ein solcher langfristiger Stufenplan würde auch die Finanzlage der Hilfsorganisationen – und ihrer Mitarbeiter – langfristig und planbar verbessern.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Niemand entscheidet sich für ein Berufsleben als Mitarbeiter einer Entwicklungshilfeorganisation mit dem Ziel, persönlich reich zu werden. Da gibt es geeignetere Wege. Aber die eigene Existenz zu sichern, dürfte für jegliche Organisation und vor allem für jeden, der von ihr fest angestellt ist, durchaus ein nachvollziehbares und selbstverständliches Ziel sein – auch für die Vereine Welthungerhilfe und Terre des Hommes.

Beide beziehen die Mittel, aus denen sie ihre Aktivitäten finanzieren („Seit der Gründung im Jahr 1962 wurden in mehr als 8.900 Auslandsprojekten 70 Ländern mit 3,53 Milliarden Euro gefördert“, schreibt die Welthungerhilfe auf ihrer Website) nur zum Teil aus privaten Spenden. Bei Terre des Hommes machen Spenden zwar den größeren Teil der Einnahmen aus – 16,79 Millionen Euro, also 63,4 Prozent der Gesamteinnahmen für 2017. Bei der der sehr viel gewichtigeren Welthungerhilfe sieht das ganz anders aus: Im aktuellsten Jahresbericht von 2017 erfährt man, dass von den 261,66 Millionen Euro „Spenden und anderen Zuwendungen“ 207,88 Millionen Euro „öffentliche Zuwendungen“ sind, davon kommen 67,8 Millionen Euro von der Uno, 25,3 Millionen Euro von der EU, der restliche Löwenanteil aber von der Bundesregierung: rund 114,78 Millionen Euro.

Auch personell und institutionell ist die Welthungerhilfe sehr eng mit dem deutschen Staat verbunden: Ihr Schirmherr ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, ehrenamtliche Präsidentin ist die frühere Deutsche-Bank-Managerin Marlehn Thieme, nebenbei auch Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung und des ZDF-Fernsehrates. Außerdem erfährt man im Jahresbericht für 2017: „Mitglieder des Deutschen Welthungerhilfe e. V. sind unter anderem der Präsident des Deutschen Bundestags, die Vorsitzenden der Bundestagsfraktionen sowie Kirchen, Verbände und Vereinigungen“. Die Forderungen von Welthungerhilfe an die Bundesregierung, „um Hunger und Armut weltweit noch effektiver zu bekämpfen,“ – zum Beispiel: „Die ‚Sonderinitiative Eine Welt ohne Hunger‘ des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zu verstetigen“ – sind also letztlich auch ein kleiner Schauplatz des vielfältigen Verteilungskampfes zahlreicher staatlicher und quasistaatlicher Institutionen um den großen Steuerkuchen.

Während in diesem „Kompass 2019“ die Forderungen an die deutsche Regierung zahlreich sind, fehlen weitestgehend Überlegungen über den eigentlichen Zweck von Entwicklungspolitik. Ökonomische Entwicklungsziele, deren Erreichen Hunger und Armut nachhaltig beseitigen und somit weitere Entwicklungshilfe überflüssig machen würde, spielen keine Rolle.

Die Frage zum Beispiel, was die Lehren aus dem ökonomischen Erfolg Ruandas und anderer afrikanischer Leuchttürme der Entwicklung, geschweige denn des historischen Aufstiegs asiatischer, einst rückständiger, heute wohlhabender Länder sein könnten, wird nicht gestellt, geschweige denn beantwortet. Möglicherweise auch aus Angst davor, dass in der Erklärung für diese Erfolge Organisationen wie die Welthungerhilfe nicht vorkommen könnten. Also lieber weitermachen wie seit 1962 – aber mit „Mehr Kohärenz, mehr Vehemenz, mehr Nachhaltigkeit“ – und mehr Geld natürlich.

Geradezu skandalös ist die Blindheit der Welthungerhilfe für den offensichtlichen zentralen Grund der gegenwärtigen afrikanischen Probleme: Das drastische Bevölkerungswachstum und seine gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Umstände werden mit keinem Satz erwähnt! Damit ist die Welthungerhilfe leider keineswegs eine Ausnahme, sondern voll im entwicklungspolitischen Mainstream.

Auch in offiziellen Papieren des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit, etwa in dem am 27. März vom Kabinett verabschiedeten Papier „Fortschreibung und Weiterentwicklung der Afrikapolitischen Leitlinien der Bundesregierung“ wird das entscheidende Thema Familienplanung nur gestreift: „Die demografische Entwicklung stellt in vielen Ländern eine große Herausforderung für das Bemühen dar, die Entwicklungs- und Wohlstandsgewinne zu erhalten. Um diese Herausforderungen zu bewältigen, bedarf es verstärkter Anstrengungen in Schlüsselbereichen wie sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechte, Bildung und sozialer Sicherung.“ Wie die „verstärkten Anstrengungen“ aussehen sollen, erfährt man nicht.

Volker Seitz, früherer deutscher Botschafter in Kamerun und Mitunterzeichner des „Bonner Aufrufs“ für eine andere Entwicklungspolitik kommentiert: „Wer die Reduktion der Geburtenzahlen in Afrika fordert, wird bei uns immer noch des Neokolonialismus verdächtigt und in die rechte Ecke gestellt. Obwohl Afrika extrem hohe Geburtenraten hat, kann ich mich in den letzten dreißig Jahren an keine Diskussion über die notwendige Reduktion der Geburtenzahlen erinnern. Es herrscht bei uns weiter Ratlosigkeit.“

Ob Welthungerhilfe oder BMZ, die real existierende Entwicklungshilfeszene scheint implizit von der Annahme auszugehen, dass sowohl die Hilfsbedürftigkeit der Empfänger als auch die moralische Verpflichtung der Geber endlos sein werden. Zwar erinnert man an das Ziel des G7-Gipfels in Elmau, 500 Millionen Menschen bis 2030 von Hunger zu befreien. Aber nie hört oder liest man da einen Satz wie: „Bis zum Jahr …. soll die Abhängigkeit der Entwicklungsländer von unserer Hilfe spätestens enden.“ Was sonst sollte schließlich das eigentliche Ziel aller Bemühungen sein? Wie sonst sollte die Forderung der Welthungerhilfe „Für eine Afrika-Kooperation auf Augenhöhe“ jemals von der wohlfeilen Phrase zur praktizierten Wirklichkeit werden?

Solange Helfer Helfer und Hilfsempfänger Hilfsempfänger bleiben, können sie sich niemals wirklich auf Augenhöhe begegnen - das können sie nur als Geschäftspartner.

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