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Anders gesagt

Die wahre Bildungsmisere

Ferdinand Knauß Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Ferdinand Knauß Reporter, Redakteur Politik WirtschaftsWoche Online Zur Kolumnen-Übersicht: Anders gesagt

Die Universitäten leiden nicht in erster Linie an fehlendem Staatsgeld und auch nicht an der Ökonomisierung des Studiums. Wirklich schlimm ist, dass das Ethos der Offenheit und Wahrheitssuche verlorengeht.

Im politischen Betrieb herrscht totale Einigkeit darüber, dass Bildung und Wissenschaft nicht Gedöns sind, sondern zentrale Institutionen der Gesellschaft und damit auch zentraler Aufgabenbereich der Politik. „Bildung ist unsere einzige Ressource“ und „Wir müssen in Bildung/Technologie investieren“ gehören zu den beliebtesten Politiker-Phrasen. Gerne auch irgendwie garniert mit den Allerwelts-PR-Begriffen „Zukunft“ und „Wohlstand“, wenn man sich etwa auf einen „Pakt“ zur Digitalisierung der Schulen einigt. Da widerspricht natürlich niemand.

Und dennoch ist der Niedergang der Institutionen Schule und Universität unübersehbar für jeden, der das nicht unbedingt übersehen will – aus ideologischem oder Eigeninteresse. Das liegt nicht allein, ja, noch nicht einmal vorrangig an der akuten Politik der gegenwärtig Regierenden.

Dass nun ausgerechnet der Etat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu Gunsten der sozialstaatlichen Umverteilungspläne der Bundesregierung überproportional geschröpft wird, ist aus volkswirtschaftlicher Perspektive fraglos falsch. Und dass die zuständige Ministerin sich dagegen noch nicht einmal vernehmbar wehrt – im Gegensatz zu ihren für Entwicklungshilfe und die Bundeswehr zuständigen Kabinettskollegen, kann auch niemanden überraschen.

Anja Karliczek fliegt schließlich erstens noch tiefer unter jeglichem Radar der medialen Wahrnehmung als ihre Vorgängerin. Und zweitens ist der Hotelerbin und Bankkaufrau die akademische Welt wohl noch fremder als der Ärztin und Sozialpolitikerin Ursula von der Leyen das Soldatentum. Möglicherweise hat die promovierte Physikerin und Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel sie sogar genau deswegen eingestellt. Ruhe ist schließlich in der merkelisierten CDU die erste Politikerpflicht.

Aber eigentlich sind ein paar hundert Millionen Euro mehr oder weniger nicht der wichtigste Grund, sich Sorgen zu machen um Bildung und Forschung.

Derzeit redet man in Parlamenten, Talkshows und pathetischen Gastbeiträgen viel von den „europäischen Werten“, die zu pflegen und zu bewahren sich die Regierenden gerne zu Gute halten. Hier ist mal ein echter und ganz konkreter europäischer Wert.

Vielleicht, nein, mit Sicherheit das Wunderbarste, Wertvollste und Edelste, was dieser Kulturkreis sich selbst und der ganzen Menschheit geschaffen hat. Der große Philosoph Karl Jaspers hatte, als er 1901 Student in Heidelberg wurde, „das Bewusstsein, gleichsam heilige Räume zu betreten“: „Da gehöre ich der Gemeinschaft an, die nichts will als bedingungslos und uneingeschränkt Wahrheit“. Eine schöne Definition für das akademische Ethos. Die Universität, diese, um nochmals Jaspers zu zitieren, „große, übernationale, abendländische Sache“, hat seit rund einem Jahrtausend all die Kriege und Katastrophen dieses Erdteils tapfer überstanden.

Doch jetzt, nachdem sie in wenigen Jahrzehnten zu einer gigantischen Ausbildungsindustrie gemacht wurde (allein in Deutschland fast 20.000 Studiengänge!), droht sie wirklich zu verkommen. Und zwar nicht wegen mangelnder Finanzierung, sondern aus eigener Schwäche. 

Gekaufte Studienplätze und ausgeschlossene Andersdenkende

In den USA ist bekannt geworden, dass exklusive Elite-Universitäten – Yale, Stanford, Georgetown und andere – sich von Dutzenden reichen Eltern, darunter die Hollywood-Schauspielerin Felicity Huffman, bestechen ließen. So kamen deren, in den offiziellen Zulassungsverfahren chancenlosen Kinder, an die Unis. Man darf wohl vermuten, dass diese Fälle nur die Spitze des Eisbergs sind. Die Gefahr derartiger Korruption ist im amerikanischen Unisystem sozusagen strukturell gegeben.

Amerikas Geldadel perpetuiert sich von alters her auch durch ein mit horrenden Gebühren erkauftes Studium an einer der Ivy-League-Unis, die zum Teil allein privat finanziert sind. An amerikanischen Universitäten konkurriert also seit jeher das akademische Ethos der Suche nach Wahrheit mit dem ökonomischen Ethos möglichst vorteilhafter Arbeitsmarktqualifikation.

In der großen Zeit der deutschen und anderen alten europäischen Universitäten, also zum Beispiel im Heidelberg des Jahres 1901, das Jaspers kannte, herrschte das akademische Ethos weitgehend unangefochten. Davon ist nicht mehr viel übrig. Studenten, die heute an eine deutsche Uni kommen, finden allenfalls noch Reste und Nischen der „heiligen Räume“ – falls sie die überhaupt suchen. Universitäten werden heute als Ausbildungsdienstleister betrachtet, als ökonomische Investitionen des Staates für die Volkswirtschaft und des Studenten für sein Berufsleben.

Diese wohl unvermeidbare Folge der politisch gewollten Bildungsexpansion würde die Universität als Institution vielleicht trotzdem unbeschadet lassen, wenn wenigstens in den unökonomischen Nischen (etwa den Geisteswissenschaften) das akademische Ethos der bedingungslosen Wahrheitssuche „heilig“ bliebe. So wie es die amerikanischen Universitäten mustergültig taten. Zumindest bis vor einiger Zeit.

Die größte Gefahr für die Universität ist, dass die Nischenbewohner selbst die Wahrheitssuche immer schärfer bedingen und einschränken. Und zwar im Gegensatz zu finsteren Zeiten der Vergangenheit ganz ohne drohende Scheiterhaufen oder Konzentrationslager.

Punktabzug in Klausuren für Studenten, die keine Gender-Sternchen setzen, sind nur die offiziellen und offen sichtbaren Indizien dafür. Subtiler sind die Automatismen der Ausschließung und Diffamierung von nicht konformen Professoren, wie sie an Universitäten in Deutschland und anderen westlichen Ländern immer öfter zu beobachten sind. Der streitbare Historiker und Bestseller-Autor Niall Ferguson hat diese Tendenz zum Sich-Abschließen gegen Andersdenkende – also in der Regel nicht-linke, konservative – Akademiker in einem viel beachteten Interview in dieser Woche in der „Neuen Zürcher Zeitung“ beklagt: Die Liberalen und Konservativen gewannen den Kalten Krieg und bestimmten die Wirtschaftsordnung, die Linken aber gewannen die kulturelle Hegemonie an den Universitäten und in den Medien – und die setzen sie jetzt, so Ferguson, knallhart durch: „Evidenzbasierte Argumente spielen keine Rolle mehr. … Wenn eine Person attackiert und isoliert wird, dann wenden sich für gewöhnlich alle von ihr ab“.

Ferguson hat den Kern der Bildungsmisere aufgespießt. Weder fehlendes Geld vom Staat noch die Ökonomisierung des Studienbetriebes sind die größten Gefahren für die Universität. Was im Bildungs- und Wissenschaftsbetrieb in Deutschland und im Rest der westlichen Welt am meisten fehlt, ist nicht Geld oder Widerstand gegen den Kommerz. Es ist Mut.

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