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Anders gesagt
Fridays for Future Demonstration am 14. Juni 2019 in Wien: Handeln sollen gefälligst die Regierenden. Quelle: REUTERS

Rettet ihr gefälligst das Klima!

Ferdinand Knauß Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Ferdinand Knauß Reporter, Redakteur Politik WirtschaftsWoche Online Zur Kolumnen-Übersicht: Anders gesagt

Der Ruf nach mehr Klimaschutz richtet sich stets an den Staat. Dabei wird das CO2 für die Rufenden selbst verblasen. Ihre Nachfrage ist die Ursache der drohenden Katastrophe – nicht die Politik.

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Die westlichen Wohlstandsgenießer des frühen 21. Jahrhunderts, vor allem die deutschen, sind schon eine seltsame Spezies. Die vergangenen Monate inklusive der Wahlergebnisse waren geprägt von einem emphatischen Verlangen vor allem jüngerer Menschen nach Klimaschutz.

Youtube-Rezo und seine vielen Millionen Fans ebenso wie die Fridays for Future-Bewegung klagen die Regierenden an: Die CDU und die anderen Parteien haben nichts fürs Klima getan. „Ihr zerstört, was uns allen gehört“, „Ihr habt unsere Zukunft in euren Händen“, „Ihr behandelt die Erde als wäre noch eine zweite in Reserve“, „Gebt uns eine Zukunft!“ oder „Change the System!“ steht auf den Plakaten. Zusammengefasst: Ihr Mächtigen habt es verbockt, jetzt macht es wieder gut. Das ist die Essenz dieser neuen Klimaschutzbewegung.

Der CDU ist bekanntlich auf Rezos Video keine Antwort eingefallen. Eine ehrliche und vernünftige Antwort, die all jene als „ihr“ angegriffenen Mächtigen in Politik und Wirtschaft geben könnten, wäre folgende: Glaubt ihr wohlgenährten, weitgereisten Wirtschaftswunderenkel denn, dass das CO2 im Dienste der CDU, der Bundesregierung oder der bösen Reichen und Rechten ausgestoßen wird? Ist euch nicht klar, dass es für uns alle ausgestoßen wird (einschließlich Rezo, Greta Thunberg und Annalena Baerbock)? Für eure Kerosin-verbrennenden Abi-Reisen nach Australien, für eure Strom-fressenden Smartphones und eure alljährlich neu erworbenen Sneaker.

Vielleicht wird es gerade deswegen nicht zur Kenntnis genommen, weil es so banal ist: Nicht eine untätige Politik ist die Ursache anhaltend hoher Emissionen, sondern die anhaltend hohe Nachfrage nach CO2-intensiven Produkten und Dienstleistungen. Die (deutschen) Klimaschutzziele zu erreichen, läge in unser aller Hand als Konsumenten – indem wir entsprechend weniger konsumierten.

Die Fixierung der Klimaschutzbewegung auf die Politik ist eigentlich absurd: Millionen Menschen fordern voller Enthusiasmus vom Staat, er solle gefälligst ihre Zukunft sichern, indem er ihnen verbiete oder verteuere, worauf sie selbst freiwillig verzichten könnten. Im Verlangen der meist jungen Menschen nach staatlichen Klimaschutzmaßnahmen offenbart sich auch die Verdrängung der eigenen Verantwortung. Es macht eben doch viel mehr Spaß und verschafft ein gutes Gefühl, von den Regierenden etwas einzufordern, als selbst zu verzichten.

Man stelle sich einmal die Wirkung auf die deutsche CO2-Bilanz vor: Alle 7,7 Millionen Grünen-Wähler verzichten fürderhin auf sämtliche Flugreisen (oder zumindest auf Interkontinentalreisen)! Alle Fridays for Future-Demonstranten verzichten während der Schulzeiten auf die Nutzung ihres Handys und radeln oder gehen konsequent zur Schule, statt von Mutti gefahren zu werden. Und wenn sie dann noch nach dem Abi nicht nach Australien reisten, sondern zum Zelten in die Eifel...

Die effektivste Klimaschutzbewegung wäre eine, die sich nicht um Politik und Energiewenden scherte, sondern sich das Motto zu eigen machte: Stell dir vor, es ist Verkehr – und keiner geht hin. Zumal der heute fast vergessene Ivan Illich schon 1973 vorrechnete, dass man mit dem eigenen Auto ohnehin kaum schneller unterwegs ist als mit dem Fahrrad – sofern man den Arbeitsaufwand für Kauf und Unterhalt einberechnet.

In jener Zeit übrigens vor fast einem halben Jahrhundert haben viele kluge Menschen – und zwar tendenziell eher konservative als linke – erwartet, dass die Bürger in ihrer Funktion als Konsumenten aus freien Stücken die Nachfrage nach ressourcenintensiven Gütern reduzieren oder zumindest begrenzen würden. Ludwig Erhard gehörte dazu. Er schrieb 1972: „Wir werden sogar mit Sicherheit dahin gelangen, daß zu Recht die Frage gestellt wird, ob es noch immer richtig und nützlich ist, mehr Güter, mehr materiellen Wohlstand zu erzeugen, oder ob es nicht sinnvoller ist, unter Verzichtleistung auf diesen „Fortschritt“ mehr Freizeit, mehr Besinnung, mehr Muße und mehr Erholung zu gewinnen.“

Zumindest „mehr Besinnung, mehr Muße“ wurden leider nicht zu den dominierenden Bedürfnissen der post-erhardschen Epoche. Erhards Ruf nach „Maßhalten“ verhallte ungehört – und zwar bei den Konsumenten und Produzenten ebenso wie beim Staat.

Im Gegensatz zu den Erwartungen Illichs und Erhards leben wir in einer Gesellschaft, die durch fortgesetzte Maßlosigkeit der Produzenten und Konsumenten einerseits und des fürsorglichen Kümmerstaates andererseits bestimmt ist. Bevölkert von Menschen („Bürger“ werden sie nur noch selten genannt), die höchste materielle und vor allem moralische Ansprüche haben. Sie verlangen vom Staat Klimaschutz, aber es ist ihnen vielleicht nicht wirklich klar, was die Umsetzung ihrer Forderungen bedeutet, denn sonst könnten sie diese als Konsumenten einfach selbst umsetzen. Die Untätigkeit der regierenden Politiker und die Raffgier von Unternehmen zu beklagen, die Grünen zu wählen und freitags die Schule zu schwänzen, macht aber vermutlich deutlich mehr Spaß als einfach sang- und klanglos auf Flugreisen, Mobiltelefone, neue Klamotten und mehr zu verzichten.

Wenn die gescholtene Politik aber die Forderungen erfüllt, ernst macht und die Verteuerung von CO2-Emissionen Wirkung zeigt – und das wird sie – dürfte der Spaß vorbei sein. Dann erzwingt der Staat, was man auch hätte freiwillig als Bürger leisten können. Das sorgt selten für große Zufriedenheit. Selbst ein Redakteurinnen-Schwarm wie Robert Habeck als künftiger Kanzler könnte dann ganz schnell zum verhassten Spaßverderber werden. Die Fridays for Future-Bewegung dürfte dann nur noch eine halb vergessene Episode aus jener hysterischen Epoche sein, in der sich nicht nur das Klima, sondern auch die bürgerliche Gesellschaft aus ihren altbewährten Verankerungen lösten.

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