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Anders gesagt
Quelle: imago images

Sei keine Fachkraft!

Ferdinand Knauß Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Ferdinand Knauß Reporter, Redakteur Politik WirtschaftsWoche Online Zur Kolumnen-Übersicht: Anders gesagt

„Fachkräftemangel“ ist einer der erfolgreichsten Framing-Begriffe. Dahinter stecken nicht nur Interessen, sondern eine inhumane Vorstellung von der Wirtschaft als Selbstzweck.

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Es ist lange kein Tag vergangen, an dem nicht dieses hässliche Wort in Pressemitteilungen und Agenturmeldungen auftauchte: „Fachkräftemangel“. Wenn dereinst einmal ein Historiker die Geschichte des „Framings“ im deutschsprachigen Raum im ersten Drittel des 21. Jahrhunderts schreiben sollte, so wird der Fachkräftemangel darin eine Hauptrolle spielen.

Wer auch immer dies Wort vor einigen Jahren erfunden hat, war jedenfalls ein großer Framing-Meister. Denn er oder sie hat es geschafft, mit einem einzigen Wort nicht eine neutrale Zustandsbeschreibung, sondern eine bestimmte, problematisierende Wertung und eine alarmierende Aufforderung zum Handeln zu etablieren. Weil dieses Wörtchen so oft und allerorten zu hören und lesen ist, versinken die vereinzelten Widerworte dagegen in diesem Schwall. Zumal er sich aus Unternehmen, Wirtschaftsverbänden und öffentlichen Behörden gleichermaßen ergießt.  

Schauen wir uns das Wort näher an. Zunächst werden da aus Arbeitern und Angestellten „Kräfte“ gemacht. Kraft ist ein Begriff in der Physik, der Wissenschaft von der unbelebten Natur. Menschen werden also zu einer leblosen Größe erklärt. Weiter: Der Fachkräftemangel ist ein Mangel. Wem mangelt es da? Deutschland? Den „Fachkräften“ selbst? Natürlich nicht.

Ist das, was man uns in diesem Begriff als Mangel und großes volkswirtschaftliches Problem darstellt, nicht eigentlich vielmehr der Sieg nach jahrzehntelangem Kampf gegen die Massenarbeitslosigkeit? Ist es nicht für eine Gesellschaft und Volkswirtschaft viel besser, wenn ein Unternehmen nun zwar vielleicht fünf statt früher drei Monate lang nach einem geeigneten Bewerber suchen muss, aber dafür kaum noch ein Ingenieur, Betriebswirt oder Mechatroniker jahrelang arbeitslos bleibt? Für jede potentielle „Fachkraft“, also die große Mehrheit der arbeitnehmenden Bürger, ist die Situation, die der Frame „Fachkräftemangel“ zum Problem erklärt, also tatsächlich eher das Gegenteil.  

Nur aus zweierlei, sehr verengten Perspektiven kann man von einem „Mangel“ sprechen: Aus derjenigen von Personalchefs, die natürlich von Berufs wegen immer unzufrieden sein müssen mit der Zahl und Qualifikation ihrer Bewerber, und aus derjenigen der BIP-Wachstumsdogmatiker, die noch immer in Politik, Wirtschaftswissenschaft und -journalismus den Ton angeben. Wer glaubt, dass der letzte Sinn allen Wirtschaftens die unbedingte Steigerung des BIP und anderer Kennzahlen sei, der sieht eben die daran beteiligten Menschen als Mittel zu diesem Zweck – und ihre abnehmende Zahl als Problem     

Man muss wahrlich kein Antikapitalist sein, um hinter dem Frame des „Fachkräftemangels“ ein erschreckendes Indiz der Fetischisierung der Wirtschaft beziehungsweise des Wirtschaftswachstums zu erkennen. Die intellektuellen Väter der Sozialen Marktwirtschaft wären entsetzt. Ludwig Erhard: „In der Sozialen Marktwirtschaft ist Wirtschaft kein Selbstzweck, sondern sie soll im Dienst der Menschen stehen. Die Menschen arbeiten in der Sozialen Marktwirtschaft, um zu leben, sie leben nicht, um zu arbeiten. Ziel der Sozialen Marktwirtschaft ist Wohlstand für alle. Der Mensch wird nicht als Werkzeug, Instrument oder Mittel zum Zweck angesehen, sondern der Mensch steht im Mittelpunkt. Insbesondere als Verbraucher ist er Maßstab und Richter allen wirtschaftlichen Tuns: Die Wirtschaft ist für die Menschen da, nicht umgekehrt.“

Erstaunlich, dass ausgerechnet in einer Zeit, die sich für ganz besonders human hält und in der Politiker stets von „den Menschen“ reden, diese Menschen zu „Kräften“ erklärt und damit entmenschlicht werden. Noch erstaunlicher, dass diese Menschen sich gefallen lassen, zu einer knappen Ressource und Mittel zum Wirtschaftswachstum erklärt zu werden – neben Dingen wie Energie, seltenen Erden und Kupfer.

Sind wir diesem wachstumsfetischistischen „Framing“ schicksalhaft ausgeliefert? Keineswegs. Die Tatsache, dass in manchen Branchen die Unternehmen gerne mehr Menschen mit bestimmten Fähigkeiten einstellen würden als nun einmal in ihrem Einzugsgebiet leben, könnte man natürlich auch ganz anders „framen“. Warum reden wir nicht einfach von einem „Arbeitsüberangebot“? Vermutlich nur, weil es keine organisierte Interessengruppe mit professioneller, „Framing“ betreibender Propagandamaschinerie gibt, die dafür eintritt.

Was es allerdings gibt, oder zumindest geben sollte, ist eine kritische Öffentlichkeit mit einer kritischen Presse als Speerspitze. Ihre Kritik sollte – so zumindest die Idealvorstellung einer freiheitlichen, offenen Gesellschaft – immer da einspringen, wo mächtigen Interessen das mächtige Gegengewicht fehlt. „Frames“ sind sprachliche Maskierungen der Wirklichkeit. Die Aufgabe von Journalisten ist es, Masken herunter zu reißen.  

Wenn ausgerechnet das größte journalistische Organ Deutschlands, die ARD, statt Propaganda-Frames zu entlarven lieber versucht, eigene „Frames“ zur Rechtfertigung ihrer eigenen öffentlich finanzierten Privilegien zu etablieren, so ist das mehr als besorgniserregend. Der interne „Framing"-Ratgeber der ARD ist kein kleiner Fehltritt, sondern eine Schande für den deutschen Journalismus.

Was heute das „Framing“ ökonomischer, ideologischer und anderer mächtiger Interessen ist, entspricht in etwa dem, was Immanuel Kant 1784 „selbstverschuldete Unmündigkeit“ nannte. Für die „Frames“ der Propagandisten jeglicher Couleur gilt darum dasselbe wie für die Autorität feudaler Herrschaft im Ancien Régime: Sie sind nur solange wirksam, wie sie unwidersprochen geglaubt werden. Kants „Wahlspruch der Aufklärung“ bleibt also auch 235 Jahre später hochaktuell: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Oder ganz konkret: Sei keine Fachkraft!

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