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Anders gesagt

Politischer Moralismus führt in die Unmoral

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So einfach ist das also?

„Moral oder, als Gegenteil, Unmoral, nämlich die böse Absicht, die wissentlich und willentlich auf Kosten anderer, ja auch Menschheitskosten, ihren Vorteil sucht,“ hält Lübbe fest, „ist ein überaus schwacher Erklärungsgrund für die Mißlichkeiten unserer zivilisatorischen Lage.“ Natürlich gibt es Kriminelle, die Müll illegal in Malaysia abladen oder Altöl im Wald ablassen, aber kriminelle Unmoral ist nicht die Ursache unserer ökologischen Probleme.

Viel unbequemer, aber zielführender und außerdem dem gesellschaftlichen Frieden dienlicher ist die Akzeptanz der Wirklichkeit jenseits von Schuldzuweisungen: Niemand hat 1984 den „sauren Regen“ und das „Ozonloch“ gewollt. Und die Gletscher schmelzen heute nicht, weil böse Menschen dies bewusst und willentlich herbeigeführt haben.

„Die Zivilisationslasten, die uns bedrücken“, stellt Lübbe klar, „haben überwiegend die handlungstheoretische Charakteristik von Nebenfolgen“. Das ist keineswegs eine Verharmlosung dieser Folgen – sondern öffnet den Blick für wirklichkeitsnähere als moralisierende Antworten. Wir sind – um von Lübbes Text abzuheben – als Mitglieder von Industriegesellschaften alle zugleich Nutznießer der gewollten ökonomischen Wohlstandsgewinne und mitverantwortlich für die verheerenden ökologischen Nebenfolgen.

Nein, die Menschheit wird nicht „zur Vernunft“ kommen

Die ökologische Lage wurde nicht durch den bösen Willen von bestimmten mehr oder weniger moralisch defizitären Menschengruppen so bedrohlich. Sondern durch die kognitiv und praktisch nicht mehr beherrschbare Komplexität der Verschränkung von menschlichen Aktivitäten mit dem Rest der Natur. Die exponentielle Zerstörung der Natur seit rund 200 Jahren ist keine Folge eines moralischen Verfalls, sondern sie resultiert aus der exponentiell zunehmenden Tiefe der Eingriffe moderner Gesellschaften durch ökonomisches Handeln in ökologische Systeme. Was Ökonomen Wertschöpfung nennen, ist aus ökologischer Perspektive ein Konsum an Naturressourcen. Welche endlich sind.

Dieser vertieften Komplexität ist vermutlich nicht beizukommen mithilfe dessen, was Lübbe das „Pathos der Menschheitsrettungsmoral“ nennt, welches auf Globalkonferenzen von selbsternannten Multilateralistinnen und Multilateralisten zelebriert wird. Die Menschheit wird vermutlich nicht, wie das Aktivisten aber auch viele Wissenschaftler in ihren empörten Appellen immer wieder mahnen, „zur Vernunft“ kommen. Denn die Menschheit ist als Akteurin erstens höchst abstrakt und zweitens pflegt sie aller historischen Erfahrung nach nicht so rational zu handeln, wie sich das Jürgen Habermas vorstellt. Und das gilt nicht erst seit Donald Trump.

Außerdem: Dass die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen eine unbedingte Aufgabe ist, bedarf keiner moralischen Appelle mehr. Dieses Gebot ist moralisch so einleuchtend und unzweideutig, wie das Verbot zu stehlen. Niemand, der ernst genommen werden will, kann diesem Gebot grundsätzlich widersprechen.

Aber Naturschutz ist eine konkrete Aufgabe und keine Bekenntnisreligion. Jeder kann dazu beitragen, dass in seiner eigenen Lebenswirklichkeit und Zuständigkeit die Eingriffe in die Natur nicht tiefer werden. Technische und sachpolitische Fragen nach den besten und effizientesten Lösungen, die offen, sachlich und demokratisch beantwortet werden sollten, spielen dabei die entscheidende, konstruktive Rolle. Das gilt auch für die Akzeptanz des abnehmenden Grenznutzens des Zivilisationsprozesses. Ganz unabhängig von der Klimaproblematik wird es in diesem Jahrhundert darauf ankommen, sich, wie Lübbe schreibt, „in den Grenzen der zivilisatorischen Entwicklungsmöglichkeiten einzurichten“. Auch da wird nicht die Brandmarkung von Bösewichtern weiterhelfen, sondern politischer, ökonomischer und ökologischer Realismus – und verantwortungsbereite Praktiker vor Ort.

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