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Anders gesagt
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Wenn dein Chef sagt, wie du wählen sollst

Ferdinand Knauß Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Ferdinand Knauß Reporter, Redakteur Politik WirtschaftsWoche Online Zur Kolumnen-Übersicht: Anders gesagt

Vor den Wahlen zum Europäischen Parlament üben sich deutsche Konzerne in politischem Paternalismus. Nicht nur für die geschulmeisterten Mitarbeiter ist das ist ein bedenklicher Rückschritt.

Vor Reichstagswahlen im 19. Jahrhundert war es unter Gutsherren üblich, dem Gesinde und den Pachtbauern einzuschärfen, wen diese zu wählen hätten. Nämlich in aller Regel den Kandidaten der Konservativen. Auch der Besitzer des seinerzeit größten Stahlkonzerns der Welt, Alfred Krupp (1812-87), kümmerte sich ähnlich fürsorglich um seine Arbeiter. „Genießet, was Euch beschieden ist. Höhere Politik treiben erfordert mehr freie Zeit und Einblick in die Verhältnisse, als dem Arbeiter verliehen ist“, steht in einem seiner zahlreichen Memoranden an die Belegschaft. Vor allem machte er ihnen immer wieder klar, wen sie keinesfalls zu wählen hatten: nämlich die damals als „Reichsfeinde“ geltenden Sozialdemokraten. Er ließ schwarze Listen führen über Arbeiter, die bei SPD-Veranstaltungen gesehen wurden. Die mussten mit Entlassung rechnen. Ja, so war das tatsächlich im alten, rückständigen, autoritären, undemokratischen Kaiserreich.

In einer modernen, fortschrittlichen, emanzipierten, demokratischen Gesellschaft sollte derartiger Paternalismus eigentlich unvorstellbar sein. Was geht schließlich den Chef an, wen ich wähle? Die Wahlen sind schließlich frei und geheim. Auch geht es ihn nichts an, ob ich überhaupt wähle. Die Teilnahme an politischen Wahlen ist schließlich ein Recht, aber keine Pflicht.

101 Jahre nach dem Ende des Kaiserreichs sind heutige Unternehmenslenker offenbar wieder anderer Ansicht. Sie meinen wie die damaligen Gutsherren und Industriemagnaten, dass die Menschen, die für sie arbeiten, einen politischen Rat von ihnen nötig hätten.

Die Chefs der Revierkonzerne E.On, Evonik, RWE und Thyssenkrupp (also Alfred Krupps Nachfolger) forderten in einer konzertierten Aktion schon im März ihre Mitarbeiter auf, an den Wahlen teilzunehmen. Sie empfahlen keine bestimmte Partei, aber warnten vor „Populisten“ und „europafeindlichen Kräften“. Nun haben in dieser Woche auch der Handelsverband HDE und mehrere große Handelsketten einen vergleichbaren Aufruf gestartet. Edeka, Rewe, Ikea, Galeria Karstadt Kaufhof, Douglas, Butlers, der Zara-Mutterkonzern Inditex, der MediaSaturn-Mutterkonzern Ceconomy und die Handelskooperation Markant sind dabei. Der Präsident des HDE, Josef Sanktjohanser, ließ sich so zitieren: „In allen Mitgliedsstaaten gewinnen populistische und antieuropäische Parteien an Einfluss. Uns allen muss klar sein, dass die Zukunft des europäischen Projekts auf dem Spiel steht.“

Die Chefs meinen es sicher gut mit ihren Mitarbeitern und dem Gemeinwohl – so wie Alfred Krupp vermutlich auch. Und natürlich kann auch ein Spitzenmanager oder Verbandsfunktionär, wie jeder Bürger, sich öffentlich zu allgemeinpolitischen Fragen äußern, die über das Interesse des Unternehmens oder Verbandes hinausgehen. Problematisch für die politische Kultur wird es erst, wenn er dies, wie bei den erwähnten Aktionen der Fall, im Namen seines Unternehmens oder seiner Institution tut und dabei explizit seine Mitarbeiter zu einer politischen Handlung oder Haltung auffordert. Die Unternehmensführer maßen sich dann nämlich an, ihre Mitarbeiter nicht nur als solche, sondern auch in deren Rolle als Staatsbürger anzusprechen. Arbeitgeber haben sich aber nicht in Lebensbereiche ihrer Beschäftigten einzumischen, die sie nichts angehen.

In der Wahlkabine bleibt natürlich ohnehin glücklicherweise jeder Mitarbeiter der betreffenden Unternehmen allein mit seinem politischen Urteil und Gewissen. Aber Demokratie erschöpft sich eben bekanntlich nicht in dem Kreuzchen auf dem Wahlzettel. Sie funktioniert nur, wenn die politische Meinungs- und Willensbildung frei und ohne drohende Sanktionen stattfinden kann. Jeder Mitarbeiter der beteiligten Unternehmen weiß aber nach solchen Kampagnen, dass er sich gegen die eigene Führung stellt, wenn er sich als Nichtwähler oder gar Unterstützer „antieuropäischer Parteien“ zu erkennen gibt. Wer also noch Karriere machen will in einem dieser Unternehmen, überlegt sich das vermutlich zweimal.

Dass gegen diese paternalistische Anmaßung und Grenzüberschreitung der Unternehmensführungen keine deutlich vernehmbare Kritik laut wurde, offenbart die erstaunlich geringe Sensibilität der deutschen Öffentlichkeit für die Notwendigkeit der Trennung zwischen gesellschaftlichen Sphären. Diese Trennung, konkret das möglichst weitgehende Freihalten des privaten und beruflichen Lebens von politischen Imperativen, ist eine unabdingbare Voraussetzung bürgerlicher Freiheit. Das Private, ebenso wie die Arbeitswelt, vor politischem Bekenntnisdruck zu schützen, ist die vorderste Verteidigungslinie einer freien Gesellschaft gegen das, was politische Denker wie Hannah Arendt mit dem Begriff des „Totalitarismus“ beschrieben: einer Herrschaft, die alle Menschen ganz und gar, total, erfassen will.

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