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Andrea Nahles Von einer Politikerin zur machtbewussten Ministerin

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Immer optimistisch

Überhaupt bilden die Ministerin und das Silicon Valley einen bemerkenswerten Kontrast. Hier die „Freiheits-Linke“ (Nahles über Nahles), die zutiefst an Kraft und Segen des Sozialstaats glaubt, an Industrie und Tarifverträge, an Sozialpartnerschaft und Solidarität. Und dort diese Kapitalismuskultur aus dem Geiste der Hippie-Kommunen und der libertären Entrepreneure, atemberaubend dynamisch und dezidiert antistaatlich, mit einer verstörend selbstbewussten Sendung irgendwo zwischen Weltverbesserung und Weltregierung. „Wir werden herausgefordert“, sagt Nahles, „das gefällt mir, das ist inspirierend.“ Sie klingt jetzt wie einst Philipp Rösler, nur erwachsen.

Google und Facebook beispielsweise präsentieren sich der deutschen Ministerin als Orte des Überflusses, mit Edelkantinen und Fruchtsaftstationen, Partys und Fortbildungen, als Reiche gütig herrschender Absolutisten, stets besorgt um das Wohl der ihren, sodass Gewerkschaften keinen Sinn mehr zu haben scheinen. Reiche, in denen Arbeit und Privatleben so lange verschmelzen, bis man vergessen hat, was Work-Life-Balance noch war.

Serie "Wirtschaftswelten 2025"

Welche Arbeit lässt der digitale Wandel dem Menschen? Wird es gute Arbeit sein? Das sind die Fragen, die sie mit hierher genommen hat. Als sie am Flughafen von San Francisco zum letzten Mal mit all diesen Eindrücken aus dem Bus steigt, hat Nahles darauf noch keine Antworten. „Neue Regeln fallen nicht wie Schnee vom Himmel“, sagt sie. Aber ihr Optimismus, mit dem sie angereist ist, ist geblieben.

Hatte der kalifornische Gouverneur Gerald Brown nicht gefragt, was sie hier überhaupt lernen wolle? Hatten Studenten in Stanford beim Talk über Lachs und Sesamkarotten nicht vom Spirit in Berlin geschwärmt? Ebenso wie der schillernde Chef der Start-up-Schmiede Plug and Play, der jetzt in der Hauptstadt das nächste PayPal sucht? Wenn Nahles sich entscheiden müsste, ob der Wohlstand der Zukunft noch von VW oder doch von Zalando geschaffen werden sollte – sie würde wohl immer das Hergebrachte wählen. Aber Angst? Nicht ihr Ding.

Die Zukunft

Vor Kurzem hat Nahles eine Einladung bekommen, auf dem kommenden SPD-Parteitag über die Arbeit in Zeiten der Digitalisierung zu sprechen. Sie verfolgt sehr genau, dass die Kanzlerin das Thema sehr aufmerksam beobachtet. Und sie hat selbstverständlich zur Kenntnis genommen, dass ihr 4.0-Projekt in einem Strategiepapier des Willy-Brandt-Hauses auf der Habenseite verbucht wird.

Nahles registriert das alles mit der Zufriedenheit einer Ministerin, die bereits geliefert hat. Am Widerstand der Wirtschaft und der Union, wenn es um ihre Großvorhaben ging, ist sie gewachsen. Und trotz aller Kritik an ihr: Der Respekt ist es ebenfalls. Nahles lässt sich nicht so einfach wegdrücken. Man kann sich nicht mehr vorstellen, dass über sie Anekdoten erzählt würden wie über andere weibliche Kabinettsmitglieder, die Manschetten vor einem Vieraugengespräch mit Wolfgang Schäuble haben.

In Arbeit
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Es ist paradox: Sie wirkt deshalb einerseits so angekommen und ruhig in diesem Amt wie nie zuvor und anderseits von tiefer Unrast getrieben. Zwei Jahre bleiben ihr noch. Viel ist das nicht.

2017 liegt das weitere Schicksal der Partei, aber eben auch ihres, erst einmal in den Händen eines Mannes, den sie Parteifreund nennen würde, aber mehr sicher nicht: Sigmar Gabriel. Nahles weiß genau, dass sie sich für eine Zeit danach bereithalten kann. Sie kann warten. Aber sie will präpariert sein, mit ihrer Bilanz.

Im Silicon Valley trifft Nahles an einem Abend auch US-Gewerkschafter in einem Restaurant namens Bucks. Der Chef begrüßt Nahles mit einer kleinen Rede und zählt auf, welche berühmten Gründer und Regierungschefs schon hier an seinen Tischen saßen. „Ich bin keine Regierungschefin“, ruft Nahles plötzlich auf Englisch dazwischen. „Na dann“, kommt als Antwort, „arbeiten Sie halt weiter dran.“

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