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Angst-Republik Deutschland Ein Land im Ausnahmezustand

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Flucht und Panik

Entspannt verfolgt ein Makler Quelle: dpa

Dass das massenmedial verbreitete Bild von der Explosion in einem Atommeiler eine ikonografische Wucht entfaltet, die Bestürzung hervorruft und Besorgnis erregt, überrascht nicht. Dass aber allein Deutschland diese Betroffenheit zum Maßstab eines schleunigen politischen Kurswechsels nimmt, der unverkennbar Züge von Flucht und Panik trägt – das wirft die bange Frage auf, ob ausgerechnet Angela Merkel noch nüchtern genug ist, um komplexe Probleme sachgerecht zu lösen. Die Bundesregierung tut ja nicht nur so, als habe sich durch das Erdbeben in Japan das Risiko eines Flugzeugabsturzes auf ein deutsches Atomkraftwerk erhöht. Sie tut auch noch so, als könne sie dieses Risiko durch eine eilige Überprüfung der Kernkraftwerke in Zukunft ausschließen. Selten war Politik so unseriös.

Die Überspanntheit der Bundesregierung beim Kurswechsel in der Kernkraftfrage steht noch dazu in einem merkwürdigen Kontrast zu der aufreizenden Lässigkeit, mit der sie ihre zentralen Positionen in der Euro-Krise räumt. Nichts zeigt so deutlich wie die zufällige Koinzidenz beider Ereignisse, dass der Kanzlerin das Gespür fehlt für einen verantwortlichen Umgang mit Risiken. Vor wenigen Monaten noch verteidigte sie vehement das Gut der europäischen Einheit. Sie adressierte die Furcht der Deutschen vor einem schwachen Euro, versprach eine europäische Stabilitätskultur und widersetzte sich Plänen für eine Transferunion. Heute steht Deutschland mit einer Bareinlage in Höhe von 22 Milliarden Euro für klamme Partnerländer gerade – und Merkel ist die bröckelnde Europa-Empathie der Deutschen schnuppe.

Ob Atomunfall, Euro-Krise oder Bankenrettung – in allen drei Fällen zeichnet sich Merkels Könnerschaft nicht durch eine sorgfältige Risikokalkulation aus, sondern durch das Bearbeiten des eingetretenen Schadensfalls. Das Prinzip Nachträglichkeit ist geradezu das Kennzeichen ihrer Kanzlerschaft. Merkel besorgt die anfallende Arbeit und erledigt die auftauchenden Probleme, sie lässt sich von den Versäumnissen der Vergangenheit einholen und vollstreckt die politische Gegenwart – ohne ordnenden Ehrgeiz und erkennbaren Gestaltungswillen. Bestenfalls. Schlimmstenfalls nimmt sie tagespolitische Fäden auf, ohne sie abzuwickeln. Die demografische Krise, der Umbau des Sozialstaates, die Staatsverschuldung, die Pensionslasten und die Gesundheitskosten, das alles sind Großrisiken, die unterhalb der News-Oberfläche wachsen – und die Merkel so lange nachlässig zu adressieren droht, bis es wieder mal zu spät ist.

Risiko und Gefahr

Wie aber sähe eine vernünftige Bearbeitung von Risiken aus, die weder mit der Angst der Menschen spielt noch selbst panikgetrieben ist? Eine Politik, die so unterschiedlich konkrete Risiken wie Klimawandel, Schweinegrippe, Weltwirtschaftskrise und Strahlentod nicht tagespolitisch abmoderiert, sondern ernsthaft adressiert und das Vertrauen ins politische Risk Management mehrt? Nun – am Anfang müsste die Einsicht stehen, dass Risiken sich prinzipiell nicht beherrschen lassen, sondern dass man sie eingeht – und dass eine Gesellschaft sich darauf verständigen muss, welche Risiken sie zu welchem Preis akzeptieren oder minimieren will.

Der Soziologe Ulrich Beck hat die „Risikogesellschaft“ vor einem Vierteljahrhundert auf einen einfachen Nenner gebracht: „In der fortgeschrittenen Moderne geht die gesellschaftliche Produktion von Reichtum systematisch einher mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken.“ Becks Kollege Niklas Luhmann hat daraus den methodischen Schluss gezogen, dass die Unterscheidung zwischen Risiko und Sicherheit eine politische Konstruktion ist: Wer sich ihrer bedient, täuscht vor, Risiken ausschließen zu können. Luhmann empfiehlt, zwischen Gefahr und Risiko zu differenzieren: Für einen Nichtraucher stellt Lungenkrebs eine Gefahr dar. Ein Raucher hingegen geht das Risiko ein, an Lungenkrebs zu erkranken.

Eine technisch zugerüstete Moderne, so Luhmann, zeichnet sich dadurch aus, dass die Gefahren (etwa durch Ernteausfälle oder mangelnde Hygiene) in ihr weniger werden – und dass die (kalkulierbaren) Risiken sich in ihr vermehren: „Wo Kontrolle ist, wächst das Risiko auch.“ Luhmann macht es am Beispiel des Regenschirms deutlich: Seit es ihn gibt, ist die Gefahr, dass man bei einem Regenschauer nass wird, gebannt – und das Risiko in der Welt, das man eingeht, wenn man den Schirm nicht mitnimmt. Anders gesagt: Es gehört zur Definition von Risiko, vom Schadenseintritt nicht überrascht werden zu können – sondern mit ihm zu rechnen.

Das Vertrauen bleibt

Versicherungsmathematiker haben den soziologischen Befund längst auf eine griffige Formel gebracht: Für sie ist Risiko das Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß. Allein eine kernkraftfreundlich gestimmte Politik hat jahrelang so getan, als könne man den Schadensfall eben doch ausschließen – und an der Sicherheitsfiktion festgehalten. Dazu hat sie sich den Begriff des Restrisikos angeeignet – und versucht, es in der gesellschaftlichen Debatte zum Verschwinden zu bringen. Leider hat sie dabei vergessen, dass es eine Populärversion von Murphys berühmtem Gesetz gibt: Es besagt, dass alles, was schiefgehen kann, irgendwann auch schiefgehen wird. Das vermeintliche Restrisiko („Zehn hoch minus sechs…“) ist eben keine gefühlte Null, wie uns die Atomfreunde weismachen wollten. Dass es auch nach Fukushima einen GAU geben wird, ist zu 100 Prozent wahrscheinlich – solange es Atomkraft gibt.

Eben deshalb mag Japans „Apokalypse“ durchaus das Weltbild der Kanzlerin erschüttern – nicht aber unser Vertrauen in die Kunst der Ingenieure. Die Vorteile des zivilisatorischen Fortschritts (Komfort, Gesundheit, Lebenserwartung) sind so evident, dass sie keiner weiteren Erklärung bedürfen. Der Gedanke, dass die vernünftige Steuerung eines Teils der Risiken, die der technische Fortschritt induziert (Ressourcenverbrauch) nur mithilfe des technischen Fortschritts gelingen kann, ist eine Binsenweisheit, seit es den Gegensatz von unberührter Natur und menschlichem Einfluss nicht mehr gibt. Im Prinzip verhält sich die Sache ganz einfach: Stufen wir ein Risiko als hoch ein (Klimawandel), müssen wir auch bereit sein, für seine Steuerung einen hohen Preis zu bezahlen – auch wenn der Schadensfall nicht eintritt (Schweinegrippe). Stufen wir ein Risiko als zu hoch ein (niedrige Eigenkapitalquoten der Banken, Atomkraft), müssen wir es aus der Welt schaffen. Rein ins Risiko also – und raus aus der Angst!

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