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Annalena Baerbock Grüner wird es gerade nicht mehr

Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin und Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. Quelle: dpa

Die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock muss ihr erstes gravierendes Problem bewältigen: sie hat Nebeneinkünfte viel zu spät gemeldet. Bleibt es nicht der einzige Fehler, hat sie ein Problem. Ein Kommentar.

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Wenn Kampagnen aus dem Ruder laufen, sich alles gegen Kandidaten verschworen hat, immer neue Probleme und Debatten die eigenen Botschaften komplett überlagern, dann haben amerikanische Wahlkämpfer dafür eine sehr prägnante Zustandsbeschreibung: When the shit hits the fan… Sehr frei und vornehm übersetzt: Wenn Du denkst, es läuft schon bescheiden, wird es noch bescheidener.

Nein, so weit sind die deutschen Grünen noch nicht. Aber der Kontrast ist dennoch bemerkenswert: Noch vor wenigen Wochen brillierte die Partei bei der Nominierung der Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, wirkten die Grünen wie ein makel- und reibungslos organisierter Kanzlerinnenwahlverein mit voller Kommunikationskontrolle. Spätestens seit nun bekannt wurde, dass Baerbock mehrere Zehntausend Euro an Nebeneinkünften an die Bundestagsverwaltung nachmelden musste, ist es damit vorbei.

Die grüne Wahlkampagne ist in den Mühen der Ebene angelangt, dort wo es sumpfig und gefährlich werden kann. Der Anspruch jedenfalls, anders und besser zu sein als die Regierungsparteien, sauberer, transparenter, muss erst einmal ad acta gelegt werden. Die grüne Fassade, sie zeigt erste Risse. Und die medialen Scheinwerfer sind voll auf sie gerichtet.



In diesen Tagen und Wochen wird sich erweisen, ob Baerbock und ihr Team der organisatorischen und kommunikativen Aufgabe gewachsen sind, der sie sich gestellt haben. Die absurden Vorwürfe gegen ihren akademischen Lebenslauf wurden noch professionell und unaufgeregt abgeräumt. Die Frage, was Baerbocks Mann im Lobby-Dienste der Deutschen Post im Falle einer Kanzlerschaft machen würde, geklärt (er würde Hausmann). Doch bis zum Wahltag Ende September ist es noch ein weiter Weg.

Die Nachmeldung von Nebeneinkünften, die kurz danach mit Cem Özdemir auch noch ein weiterer prominenter Grüner vollzog, besitzt da eine andere Qualität. Die Grünen waren es schließlich, die in der Maskenaffäre der Union brutalstmögliche Aufklärung verlangten, hohe Maßstäbe der Transparenz und Moral anlegten. Nun gilt auch für Wahlkämpfe: Man sieht sich zweimal im Leben. So manch harter Satz von damals klingt heute ziemlich hohl.

Es gibt keine perfekte Wahlkampagne – diese banale Erfahrung haben nun auch die Grünen machen müssen. Am Ende gewinnt immer auch der (oder die) mit den wenigsten Stockfehlern und der höchsten Krisenreaktionskompetenz. Stand heute hat Annalena Baerbock mit ihren Nebeneinkünften einen heiklen Lapsus erstens eigenständig und zweitens gerade noch frühzeitig ausgemerzt.

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Will heißen: Wenn keine Verfehlung ähnlicher Qualität hinzukommt, wird ihr Einkommen im August und September keine Rolle mehr spielen. Markiert dies hingegen erst den Anfang weiterer Enthüllungen, die grüne Ansprüche und Wirklichkeit auseinanderklaffen lassen, dürfte das Kanzleramt für Baerbock unerreichbar sein.

Mehr zum Thema: Für die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock wird das Private politisch – und vielleicht noch heikel. Ihre Partei will Lobbyismus stärker regulieren. Und ausgerechnet ihr Mann arbeitet als Lobbyist bei der Deutschen Post.

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