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Anschlag in Berlin "Der psychologische Effekt ist gravierend"

Der Lkw-Angriff auf den Berliner Weihnachtsmarkt erinnert an den Anschlag in Nizza und Attacken in Israel. Sicherheitsexperte Florian Peil erklärt, warum die Politik trotz möglicher Parallelen nicht überreagieren sollte.

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Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Peil, auf einem Berliner Weihnachtsmarkt ist ein Lastwagen in eine Menschenmenge gefahren. Mindestens zwölf Menschen wurden getötet, mehr als vierzig verletzt. Was bedeutet so eine Tat für das Sicherheitsgefühl in Deutschland?
Florian Peil: Eine solche Tat ist geeignet, bei vielen Menschen das Gefühl von Sicherheit in Deutschland zu untergraben und das Vertrauen in den Staat und die Sicherheitsbehörden zu schwächen. Wir sollten uns vor Augen halten, dass es in einer freien Gesellschaft wie der unseren keinen hundertprozentigen Schutz vor Terrorismus gibt. Ebenfalls sollte man sich vor Augen halten, dass die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Terroranschlags zu werden, äußerst gering ist. Der psychologische Effekt auf eine Gesellschaft ist hingegen viel gravierender: Wenn die Menschen nicht mehr auf den Weihnachtsmarkt gehen, weil sie sich durch Terroristen bedroht fühlen, dann haben die Terroristen gewonnen.

Große Terroranschläge in Europa

Die Tat ruft Erinnerungen an den Anschlag in Nizza im Sommer hervor. Terrorgruppen wie der IS haben bereits 2014 zu Attacken mit Fahrzeugen aufgerufen und im Netz finden sich Leitfäden für ein solches Attentat. Hätten die Behörden in Deutschland sich auf so ein Tatschema vorbereiten können?
Die Idee, Anschläge mittels Fahrzeugen zu verüben, ist nicht neu und auch keine Erfindung des IS. Bereits 2010 hat Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) in ihrem Propagandamagazin Inspire diese Vorgehensweise vorgestellt. Der IS hat diese Idee übernommen. Von daher ist ein solchen Szenario nicht neu und den Behörden bekannt.

Zur Person

Das Perfide am Terrorismus ist ja, dass wir nur in einigen Fällen frühzeitig erfahren, welcher Terrorist wann auf welche Weise zuschlagen will. Soll man alle öffentlichen Plätze nur deswegen durch Poller schützen, weil der IS in einem Propagandamagazin Anschläge mittels Fahrzeugen vorschlägt? Die Kosten würden in die Millionen gehen. Wenn ein Anschlagsversuch dann ausbleibt, haben die Terroristen trotzdem gewonnen, weil sie den Steuerzahlern erhebliche zusätzliche Kosten aufgebürdet hätten. Von daher: Es bleibt ein ständiges Abwägen zwischen Kosten und Nutzen solcher Maßnahmen.

Wie hat Frankreich nach dem Anschlag in Nizza reagiert? Was kann Deutschland daraus lernen?
Gegenwärtig ist die Bedrohungslage in Frankreich noch deutlich größer als in Deutschland, deswegen ist das schwierig zu vergleichen. Hierzulande ist es von entscheidender Bedeutung, besonnen auf einen möglichen Terroranschlag zu reagieren. Wann immer eine Gesellschaft mit Hass und Rache reagiert, hat sie bereits verloren. Es geht aber darum, dass wir unsere Werte wie die Freiheit verteidigen, indem wir sie leben. Geben wir den Terroristen nicht, was sie wollen.

In Israel, wo es Anschläge mit Fahrzeugen bereits öfter gab, finden sich an nahezu jeder Bushaltestelle Poller, die so etwas verhindern sollen.
In Ländern, in denen es wiederholt zu derartigen Angriffen gekommen ist, sind solche Schutzmaßnahmen natürlich notwendig. In Deutschland war das bislang nicht der Fall, zumal die Bedrohung durch den Terrorismus nicht im Ansatz mit der in Israel zu vergleichen ist. Was dort gerechtfertigt sein mag, würde hier völlig unangemessen wirken. Diese Attacke in Berlin dürfte aber zu einem Umdenken führen, so dass in der Folge entsprechende Schutzvorrichtungen zumindest an zentralen Plätzen installiert werden.

"Die Schutzmaßnahmen müssen erhöht werden"

Was macht das Tatschema – ob es jetzt eine Amokfahrt war oder ein Terroranschlag – so gefährlich?
Das Perfide ist, dass es so einfach ist: Ein Alltagsgegenstand wird in eine Waffe umfunktioniert. Lkw sind im Stadtbild alltäglich, sie fahren zu Tausenden überall in Deutschland herum, von daher fällt ein solcher nicht auf. Mit einem Lkw in eine Menschenmenge zu rasen, erfordert weder besonders aufwendige Planung noch Aufklärung, zumal bei der Vielzahl von Weihnachtsmärkten in dieser Jahreszeit. Es ist weitaus schwieriger, die Materialien zum Bau einer Bombe in ausreichender Menge zu beschaffen. Dabei ziehen Sie viel eher die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich.

Lassen sich Großveranstaltungen wie ein Weihnachtsmarkt überhaupt schützen?
Grundsätzlich ja. Doch ein solcher Vorfall spricht dafür, dass die Schutzmaßnahmen nochmals erhöht werden sollten. Der Zugang zu solchen Plätzen muss stärker reguliert werden, von daher braucht es zunächst an zentralen Plätzen gezielte bauliche Maßnahmen und mehr Personal. Auch die Menschen selber haben die Möglichkeit, etwas zu tun. Sie können wachsamer sein, aufmerksamer für das, was um sie herum passiert. Wer seine Augen offen hält, erkennt eine potentielle Bedrohung früher als derjenige, der es nicht tut. Das verschafft einem mitunter die Sekunden, die man braucht, um sich in Sicherheit zu bringen. Wachsamkeit erhöht ihren Handlungsspielraum.

Nur wenige Minuten nach dem Angriff wurden über ein bundesweites Meldesystem Polizeikräfte in ganz Deutschland alarmiert und ihre Präsenz erhöht. Was bringt so etwas?
Die Lage ist bei einem solchen Ereignis zunächst immer unklar und unübersichtlich. Die Behörden müssen grundsätzlich auf die Möglichkeit vorbereitet sein, dass es mehrere Teams von Terroristen gibt, die parallel an unterschiedlichen Orten zuschlagen wollen. Das würde die Schockwirkung eines solchen Angriffs deutlich erhöhen. Entsprechend müssen die Behörden reagieren. Entwarnung gibt es erst, wenn diese Möglichkeit ausgeschlossen werden kann, weil zum Beispiel die Ermittlungen ergeben, dass es sich um einen Einzeltäter handelt, wie etwa bei dem Amoklauf in München.



Die Informationslage ist nach wie vor dünn. Das hielt Rechtspopulisten aber schon Montagabend nicht davon ab, die Tat mit dem Flüchtlingsstrom in Verbindung zu bringen.
Rechtspopulisten glauben, durch markige Worte Stärke zu zeigen. Tatsächlich machen sie sich mit der pauschalen Verdammung von Flüchtlingen oder Muslimen zu Helfershelfern der Jihadisten. Denn ein Ziel beispielsweise des IS ist es ja, unsere Gesellschaften zu spalten. Dazu instrumentalisieren sie interne gesellschaftliche Spannungen. Und die Rechtspopulisten sind ihre willigen Helfer.

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