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Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger Heavy Metal

Rainer Dulger, ab diesem Donnerstag neuer Arbeitgeberpräsident Quelle: dpa

Rainer Dulger, der neue Arbeitgeberpräsident, wird schärfer auftreten als sein Vorgänger. Und das könnte sogar in eine Zeit passen, in der die Politik einen neuen Kurs sucht.

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Wenn Rainer Dulger von seinem Unternehmen erzählen will, schweift er ab. Nicht inhaltlich, aber geografisch. Von Luxushotels in Kairo, die ihr Trinkwasser filtern müssen, ist dann die Rede oder von der Pariser Kanalisation, deren hundert Jahre alte Rohre noch so bleihaltig sind, dass das darin fließende Wasser erst aufwändig gereinigt werden muss, bevor es aus dem Hahn kommen darf.

Wasseraufbereitung ist Dulgers Kerngeschäft. Aus einem unscheinbaren Heidelberger Gewerbegebiet steuert der 56-Jährige gemeinsam mit seinem Bruder Prominent, einen Weltmarktführer für Dosiertechnik – und künftig auch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Am Donnerstag wurde Dulger zum Arbeitgeberpräsidenten gewählt und tritt damit die Nachfolge des Bremerhaveners Ingo Kramer an, der die BDA seit 2013 geführt hatte.

Die deutsche Wirtschaft bekommt damit nicht nur einen neuen Repräsentanten in der Hauptstadt, sie trifft künftig auch auf einen anderen Charakter. Auf mehr hemdsärmelige Härte statt hanseatischer Noblesse. Auch Kramer konnte laut und scharf, wenn es sein musste – unvergessen eine „Absurdistan“-Brandrede gegen die Arbeitsstättenverordnung von Andrea Nahles -, war aber doch zuallererst ein konzilianter Sozialliberaler, der sowohl zur Kanzlerin als auch zu DGB und Arbeitsministerium ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis pflegte; jemand, dem die Tränen in den Augen standen, wenn er Bildungsprojekte an Schulen oder Kitas auszeichnen durfte.

Der Nachfolger bringt da ein robusteres Temperament mit. Und er verhehlt es auch nicht. „Ich komme aus dem Tarifgeschäft – da fällt man nicht gleich um, wenn der Wind mal scharf von vorne bläst“, antwortet Dulger, wenn man ihn auf Unterschiede anspricht.  „Ich werde entschieden für unsere Sache streiten, aber immer fair im Umgang sein.“ Die BDA sei ein besonderer Spitzenverband, sagt er, und repräsentiere die deutsche Wirtschaft in ihrer ganzen Breite. „Ihre Geschlossenheit und Stärke will ich erhalten“, sagt der neue Präsident.

Als Chef von Gesamtmetall hat Dulger viele Tarifabschlüsse verhandelt – zwischen selbst- und sendungsbewussten Sozialpartnern, die jeweils für sich in Anspruch nehmen, eine Branche zu repräsentieren, die für das Beste der deutschen Wirtschaft steht: ihren Ingenieursstolz, die Liebe zu Technologie, das Exportweltmeister-Gen.

Nun also: BDA. Berlin. Die ganz große Bühne. Mehr Interessen. Mehr Druck. Und bald ein Bundestagswahljahr, das das Ende eine Ära markieren wird. Dulger dürfte die BDA gegenüber der Politik wieder stärker als Mahner von marktwirtschaftlichen Reformen positionieren. Wettbewerb, Chancengerechtigkeit, Eigenverantwortung und unternehmerische Freiheit – das seien die Grundwerte, die ihm „besonders am Herzen liegen“.

Ob man ihn nicht nur hören, sondern ihm auch folgen wird? Dass es den Spitzen der Wirtschaft in der Ära Merkel – bei allem aufrichtig gemeinten Lob für ihre Stabilität, den Pragmatismus und die Krisenfestigkeit – zu oft viel zu sozialdemokratisch zu ging, ist bekannt. Nur ob die Parteien und deren Führungskräfte nach Corona das Land nur zu gerne in eine neue, aufreibende Agendazeit führen wollen – wer weiß?

Dulger, so viel dürfte sicher sein, würde im gegenteiligen Fall den Aufrüttler geben, Bräsigkeit ist seine Sache nicht. Digitalisierung und Nachhaltigkeit würden die deutsche Wirtschaft schließlich von Grund auf verändern, meint er. Der Strukturwandel müsse gelingen – „wem, wenn nicht der deutschen Wirtschaft?“ Aber dann müsse sie die dazu notwendigen Freiheiten haben.


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So mancher in Berlin wird in diesem Ton einen neuen Verbündeten heraushören. „Herr Dulger“, sagt beispielsweise Carsten Linnemann (CDU), Chef der Mittelstands- und Wirtschaftsunion MIT, „ist ein erfolgreicher, gestandener Unternehmer, der auch sehr politisch denkt“. Seine Herkunft aus der wichtigen Metallbranche sei „für unsere Debatten, wie wir Deutschland wettbewerbsfähig halten wollen, sicher von Vorteil“.

Auf der anderen Seite der Koalition klingen die Begrüßungsworte ein wenig vorsichtiger. Nils Schmid, heute SPD-Außenpolitiker, war von 2011 bis 2016 Finanz- und Wirtschaftsminister in Dulgers Heimat Baden-Württemberg. „Ich erwarte, dass Herr Dulger in seinem neuen Amt die bewährte Sozialpartnerschaft in Deutschland offensiv vertritt und hoffe, dass er die notwendigen Transformationsprozesse im Sinne einer dialogorientierten Wirtschaftspolitik zwischen Staat, Arbeitgebern und Gewerkschaften nach Kräften unterstützt“, sagt Schmid.

Das ist der politische Korridor, in dem sich Dulger von nun an bewegen wird, ergänzt mindestens um eine dritte, grüne Dimension. Es wird spannend. Er hat es so gewollt.

Mehr zum Thema: Verbandschef Rainer Dulger hält Wirtschaftsminister Peter Altmaier für eine „Fehlbesetzung“. Aber auch Friedrich Merz sei keine Alternative.

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