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ArbeitskräftemangelWie Vietnamesen die deutsche Pflege retten

Bis 2025 werden in Deutschland etwa 150.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt. Woher nehmen? Arbeitsminister Hubertus Heil versucht es gerade auf Werbetour in Vietnam. Seit einigen Jahren werden die Menschen für die Branche immer wichtiger.Sophie Crocoll 24.01.2024 - 12:37 Uhr

Personalmangel, hoher Zeitdruck, große Arbeitsbelastung: In der Pflege fehlen Fachkräfte. Altenpfleger und Mann mit Rollator in Heidelberg.

Foto: imago images

Mit der Pflege in Deutschland habe er nur zwei Probleme, sagt Ngọc Diễn Nguyễn. Erstens: Die anderen hätten ihm anfangs nicht vertraut, dass er weiß, was er tut. Dabei hatte er in seinem Heimatland Vietnam schon ein Pflegestudium abgeschlossen. Seine deutschen Kolleginnen und Kollegen sahen in ihm allerdings bloß den Auszubildenden, der Probleme hatte, sich auf Deutsch zu verständigen.

Und zweitens: Er habe keine Chance, sich nach der Ausbildung weiterzuentwickeln. Zu viel zu tun, zu wenig Personal: „Arbeit, Arbeit und Arbeit, keine Zeit für mich selber, um die Karriere zu entwickeln“, erzählte er der Journalistin Vanessa Vu an der Berliner Schaubühne. Ein Video der Veranstaltung kann man sich im Internet ansehen.

Ngọc Diễn Nguyễn, 1994 in Vietnam geboren, kam 2017 als Altenpflege-Azubi nach Berlin. Er ist damit eine von tausenden Pflegekräften, die Deutschland seit 2013 in Vietnam angeworben hat. Sie sollen helfen, den Fachkräftemangel in der Kranken- und Altenpflege zu lindern. Die Menschen werden dringend gebraucht: Wissenschaftler und Expertinnen rechnen damit, dass bis 2025 in Deutschland etwa 150.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt werden.

Vietnam: „Hub für Gesundheitsberufe“?

Doch woher nehmen? In Deutschland gehen die Bewerberzahlen in der Branche seit Jahren zurück. Vietnam dagegen könne ein Hub für Gesundheitsberufe werden, sagte der damalige Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) schon 2019 bei einem Besuch in dem Land. Die Bereitschaft des Landes sei da, die Integrationsfähigkeit der Menschen gut.

Das liegt auch daran, dass etwa die Hälfte der Vietnamesen jünger als 30 Jahre sind. Jedes Jahr entlassen die Schulen eine Million junge Leute auf den Arbeitsmarkt. Für die regierende Kommunistische Partei ist es essenziell, ihnen eine Perspektive zu bieten und Kooperationen einzugehen, um sie ins Ausland zu entsenden – schon allein, damit junge Vietnamesen nicht anfangen, die Legitimität des Ein-Parteien-Systems in Frage zu stellen.

Gerade ist wieder Besuch aus Deutschland da: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) bereisen Südostasien, erster Halt: Vietnam. Heil sieht das Ziel der Reise darin, noch mehr Arbeitskräften die Vorteile der Bundesrepublik deutlich zu machen. Mit seinem vietnamesischen Amtskollegen hat er eine Erklärung unterzeichnet, „um den Fachkräfteaustausch zwischen beiden Ländern zu stärken“. Die Richtung dürfte klar sein: von Vietnam nach Deutschland.

Er wolle „für Deutschland als attraktiven Standort mit guten Arbeits- und Lebensbedingungen werben“, sagte Heil dem „Spiegel“, um „kluge Köpfe und helfende Hände auch aus Vietnam und Thailand gewinnen“ zu können. Die nächsten Neuzuwanderer hat Heil gerade am Goethe-Institut in Hanoi getroffen: Auszubildende aus der Pflege und der Metallfertigung.

Dabei ist Deutschland – auch historisch bedingt – längst Zielland für Menschen aus Vietnam. Seit 2013 hat sich die Anzahl der Vietnamesen, die in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, auf fast 58.000 Menschen sogar verdoppelt. Mit Abstand die meisten von ihnen, fast 11.000 Menschen, leben in Berlin; gefolgt von München (knapp 3.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte), Hamburg, der Region Hannover und Leipzig.

Die größte Gruppe, mehr als 22.000 Menschen, sind noch immer im Gastgewerbe tätig, zeigen Daten der Bundesagentur für Arbeit – vor allem in Restaurants, Gaststätten, Imbissstuben, Cafés und ähnlichen Betrieben. Doch Pflegekräfte holen auf: Auch schon fast 8.500 Menschen arbeiten im Gesundheits- und Sozialwesen und dort vor allem in Alten- und Pflegeheimen, wie Ngọc Diễn Nguyễn in Berlin, sowie in Krankenhäusern.

Dieser Wirtschaftszweig beschäftigt damit inzwischen mehr Menschen als Kosmetiksalons, die lange an zweiter Stelle folgten: 5500 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte aus Vietnam zählt die Statistik dort. Es ist allerdings schwer, diese Kategorie genau zu erfassen, da Gewerbeanmeldungen von Nagelstudios in den Kommunen nicht einheitlich erfolgen, sondern sie als Kosmetiksalons, aber auch als Kleinstgewerbe, Freiberufler oder andere angemeldet werden können.

Ngọc Diễn Nguyễn ist über den Krankenhaus- und Pflegeheimbetreiber Vivantes nach Deutschland gekommen. Ein Tochterunternehmen des Konzerns rekrutiert schon seit mehr als zehn Jahren Pflegekräfte aus Vietnam für die Ausbildung in Deutschland – zunächst in einem Pilotprojekt des Wirtschaftsministeriums, seit 2016 in Zusammenarbeit mit einem vietnamesischen Regierungspartner eigenständig.

Die Idee: Das in Hanoi ansässige Goethe-Institut organisiert bereits vor Ort Sprachkurse, ein Jahr lang unterrichten Lehrer und Lehrerinnen des Instituts die Pflegekräfte, um sie auf ihren neuen Lebens- und Arbeitsort vorzubereiten.

Insgesamt seien das 1100 Stunden Deutschunterricht, einschließlich der Fachsprache, wie man sie in Krankenhäusern und Pflegeheimen brauche, berichtete während Altmaiers Besuch 2019 Matthias Jakuš, der damalige Leiter der Spracharbeit des Instituts. Das samt Kost und Logis für die Teilnehmenden bereitzustellen sei schon teuer, sagte er.

10.000 Euro für eine Anwerbung

Die deutsche Anwerbeagentur Anders Consulting berechnet eine Gesamtinvestition je vietnamesischem Arbeitnehmer in der Pflegebranche von etwa 10.000 Euro, wenn die neuen Beschäftigten bereits das deutsche Sprachniveau B2 erreicht haben sollen.

Eine lohnende Investition? Man blicke der weiteren Zusammenarbeit und neuen Projekten „erwartungsvoll und mit vollster Zufriedenheit“ entgegen, teilt die Vivantes Forum für Senioren GmbH mit. Bislang hat das Unternehmen mehr als 850 vietnamesische Auszubildende in Deutschland empfangen. Etwa 90 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die das Examen bestanden haben, würden als Fachkraft übernommen. Wie viele das sind, lässt das Unternehmen offen.

Langfristig blieben etwa ein Drittel der dann Übernommenen im Unternehmen, schreibt der Berliner Pflegeheimbetreiber weiter, diese Beschäftigten „sind auch noch zum aktuellen Zeitpunkt unsere Mitarbeitenden“. Etwa zwei Drittel jedoch „scheiden während der laufenden Tätigkeiten innerhalb von zwei bis drei Jahren aus dem Unternehmen aus“. Nicht gerade ein kleiner Anteil.

Immerhin: Nur wenige Menschen verließen Deutschland und gingen zurück nach Vietnam; die meisten setzten ihre berufliche Karriere in anderen Bereichen des Gesundheits- und Pflegewesens fort. Die Rivalität um Pflegekräfte ist groß, Arbeitgeber müssen sich abheben. So zahlt beispielsweise das Malteser-Tochterunternehmen Wohnen & Pflegen Prämien von bis zu 5000 Euro in Regionen, wo sie nur sehr schwer an Mitarbeitende kommt. 

Ein Gewinn für den deutschen Arbeitsmarkt

Für die Pflegekräfte aus Vietnam jedenfalls lässt sich sagen: Selbst wenn sich die Investition für einzelne Unternehmen nicht immer lohnen mag, der deutsche Arbeitsmarkt profitiert.

Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Auswertung des Forschungs- und Beratungsinstituts für Infrastruktur- und Gesundheitsfragen (IGES), das Projekte des Wirtschaftsministeriums in Vietnam untersucht hat. Besonders fällt auf: Keine einzige der befragten deutschen Einrichtungen gab an, dass vietnamesische Mitarbeiter wegen einer Kündigung durch den Arbeitgeber ausgeschieden wären.

Vier von fünf der vom IGES befragten vietnamesischen Pflegefachkräfte teilten denn auch mit, mit der Arbeit in der Pflege zufrieden bis sehr zufrieden zu sein. Mit Einschränkungen: Personalmangel, hoher Zeitdruck und die große Arbeitsbelastung sorgten ebenso für Unzufriedenheit wie Schwierigkeiten mit Kolleginnen oder Kollegen. Probleme, die wohl alle Beschäftigten in der Pflege kennen, egal welcher Staatsangehörigkeit.

Dass es anfangs auf den Stationen oft Probleme miteinander gibt, weiß man auch beim für Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zuständigen Regionalverband Nordost des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK). Der Verband gibt regelmäßig berufspolitische Seminare, auch für vietnamesische Pflegekräfte.

Ngọc Diễn Nguyễn weiß inzwischen, wie er solche Situationen auflöst. „Ich hab' schon immer gesagt: Lass mich machen, guck' einfach“, erzählte er an der Schaubühne. Wenn andere dann sehen, was er kann, wachse ihr Vertrauen „nach und nach“.

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