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Arbeitsmarkt Das Ende der Massenarbeitslosigkeit

Der Ökonom Hilmar Schneider lobt den Kündigungsschutz, hält Kombilöhne für Unfug – und fordert eine Arbeitspflicht für Hartz-IV-Empfänger.

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Hilmar Schneider Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

Herr Schneider, der Aufschwung am Arbeitsmarkt hält an, Bundeswirtschaftsminister Brüderle hält sogar Vollbeschäftigung in Deutschland für möglich. Teilen Sie diesen Optimismus?

Es gibt für Vollbeschäftigung keine wissenschaftliche Definition. Manche Wissenschaftler sehen diese bereits bei einer Arbeitslosenquote von vier bis fünf Prozent erreicht. Es gibt ja immer Jobwechsler und Arbeitslose, die schon eine neue Stelle haben und nur eine Wartezeit bis zum ersten Arbeitstag überbrücken. Eine Wirtschaft ganz ohne Arbeitslose ist unmöglich. Fakt ist aber: Unser Arbeitsmarkt hat sich von der Rezession atemberaubend schnell erholt. Und der Trend zeigt weiter nach oben.

Wo landen wir 2010 bei den Arbeitslosenzahlen?

Bei im Schnitt 3,2 Millionen, womöglich noch darunter. Das wäre in jedem Fall der niedrigste Stand seit 1992.

Rund 50 Prozent aller neuen Arbeitsverträge sind derzeit befristet. Trauen die Arbeitgeber dem Aufschwung nicht?

Das kann sein. Wir sehen seit Längerem einen Trend zu befristeten Verträgen. Das muss aber nicht so bleiben: Wenn sich der aktuelle Fachkräftemangel zuspitzt, könnte die unbefristete Vollzeitstelle zum wichtigen Wettbewerbsfaktor beim Kampf um Personal werden.

Könnte ein geringerer Kündigungsschutz dazu führen, dass noch mehr Jobs entstehen, wie manche Ökonomen glauben?

Sicher würde dies manche Unternehmen animieren, mehr Leute einzustellen. Aber ebenso sicher würden sie im Krisenfall leichtfertiger entlassen. Beide Effekte scheinen sich über die Zeit hinweg gegenseitig aufzuheben. Ohne Jobsicherheit sinkt zudem der Anreiz für Arbeitnehmer, in die eigenen Fähigkeiten zu investieren, sich weiterzubilden.

Also soll das Arbeitsmarktregime so bleiben, wie es ist?

Der strenge Kündigungsschutz hat sein Gutes. Hätten die Unternehmen beim ersten Anzeichen der Krise ihre Belegschaften einfach entlassen können, hätten sie davon zweifellos Gebrauch gemacht - so wie das in den USA geschehen ist. So waren sie gezwungen, nach Ausweichlösungen zu suchen. Das Ergebnis ist, dass deutsche Unternehmen mit dem Wiederanziehen der Konjunktur aus dem Stand heraus in der Lage sind, die Nachfrage zu bedienen. Jetzt haben sie die Nase vorn gegenüber Wettbewerbern, die sich erst neu sortieren müssen.

Wie nachhaltig ist denn der Aufschwung am Arbeitsmarkt?

Der Arbeitsmarkt ist auch für kommende Rezessionen gut gerüstet – und der demografische Wandel wird unsere Beschäftigungslage komplett umkrempeln. Die meisten machen sich noch gar keine Vorstellung davon, was da auf uns zukommt. Das Thema Massenarbeitslosigkeit können wir für die kommenden Jahrzehnte abhaken. Von 2013 bis 2035 fehlen der Wirtschaft rechnerisch alle vier bis fünf Jahre rund eine Million Erwerbstätige. Der Arbeitsmarkt wird zum Arbeitnehmermarkt, auf dem Fachkräfte von den Unternehmen hofiert werden...

...mit deutlich höheren Löhnen?

Ja, wahrscheinlich. Es könnte sogar zu Firmenpleiten kommen, weil Unternehmen die Leute, die sie brauchen, schlicht nicht mehr bezahlen können. Manche Betriebe dürften auch abwandern.

Lässt sich die Fachkräftelücke durch Zuwanderer schließen?

Nur zum Teil. Ohne neue Zuwanderer geht es nicht – aber es sollte eine strikte Steuerung nach ökonomischen Kriterien geben, ein Punktesystem etwa. Parallel dazu müssen wir das Potenzial der hier lebenden jungen Migranten heben.

Arbeitssuchende warten in der Quelle: AP

Die Arbeitswelt verändert sich auch strukturell. Wie sehen die Jobs von morgen aus?

Die Erwerbsbiografien werden bunter. Gerade für hoch Qualifizierte verliert der einzelne Arbeitgeber als Instanz, von der man monatlich seinen festen Lohn bezieht, an Bedeutung. Sie werden zunehmend für mehrere Arbeitgeber arbeiten, in Teams und Projekten. Das passiert vor allem dort, wo sich Produktionsprozesse nicht standardisieren lassen, wo es auf Kreativität ankommt, auf Wissen und unternehmensnahe Dienste. Es entsteht ein unglaublich bunter Markt...

...mit neuen Problemen. Nicht jeder Arbeitnehmer ist qualifiziert und kreativ.

Ja, das Riesenproblem, das wir lösen müssen, ist die Frage, wie wir mit gering qualifizierten Menschen umgehen. Die Qualifikationsanforderungen werden künftig weiter steigen. Das birgt die Gefahr, dass Menschen, die diese Anforderungen nicht erfüllen, aus der Erwerbsgesellschaft herausfallen. Es geht um Menschen, deren Produktivität so niedrig ist, dass die Löhne, die sie am Markt erzielen könnten, kaum oder gar nicht über ihren staatlichen Transfers liegen...

...weshalb der Anreiz, einen Job anzunehmen, oft nicht übermäßig ausgeprägt ist.

Das kann man den Leuten nicht zum Vorwurf machen, das ist ökonomisch rational. Für den Wohlfahrtsstaat aber ist das fatal: Er subventioniert das Nichtarbeiten – oder im Extremfall die Schwarzarbeit. Da hilft auch die gute Konjunktur nicht: Der Aufschwung am Arbeitsmarkt geht an den gering Qualifizierten vorbei.

Vielleicht weil es für sie kaum Jobs gibt.

Ach was. Es gibt einen riesigen Bedarf für einfache Tätigkeiten. Der wird ja vielerorts auch gedeckt – in der Schattenwirtschaft. Denken Sie an all die Dinge, die Sie zu Hause ungern erledigen, das ließe sich alles delegieren. Ich bin in einem Wassersportverein. Auf dem Parkplatz dort bewacht ein Rentner die Autos. Der sagt mir schon seit Jahren, er wolle aufhören. Aber der Mann steht da immer noch, weil man für ihn keinen Ersatz findet. Das zeigt doch: Es gibt einfache Jobs. Aber die, die sie ausüben könnten, haben dafür keinen Anreiz.

Lässt sich dies durch Kombilöhne ändern, wenn also der Staat niedrige Löhne aufstockt?

Das funktioniert nur, wenn die Lohnzuschüsse extrem hoch liegen – und dann sind sie unfinanzierbar. Hinzu kommt: Je höher der Kombilohn, umso höher die Sogwirkung auf Leute mit einem festen Job. Viele stellen sich durch Reduzierung ihrer Arbeitszeit und ein aktives Herbeiführen der Bedürftigkeit besser, als wenn sie weiter Vollzeit arbeiten.

Und was ist mit Mindestlöhnen?

Wenn der Parkwächter 10 statt 6 Euro bekommt, freut er sich kurzfristig. Ich fürchte nur, dass der Parkplatzbetreiber dann schnell eine automatische Schranke aufstellt – und der Job ist weg. Der Staat kann keinen Arbeitgeber zwingen, Jobs anzubieten, die sich nicht rechnen. Mindestlöhne sind daher kontraproduktiv, gerade für gering Qualifizierte.

Bleibt die Radikalstrategie. Der Sachverständigenrat hat angeregt, die Hartz-IV-Regelsätze um 30 Prozent zu kürzen und Hinzuverdienstmöglichkeiten zu erhöhen.

Das ist politisch auf absehbare Zeit nicht durchsetzbar. Was meinen Sie, was los wäre, wenn die Regierung so etwas beschließt? Dann bekommen wir hier Straßenkämpfe.

Was bleibt denn dann übrig?

Wir müssen staatliche Transfers künftig an eine Gegenleistung koppeln. Das erzeugt bei den Empfängern den größtmöglichen Anreiz, auch gering bezahlte Arbeiten anzunehmen. Wir nehmen den Leuten dabei keinen Cent von ihren Ansprüchen weg, sondern sagen ihnen: Der Staat hilft euch. Dafür müsst ihr auch etwas für den Staat tun.

Das klingt etwas naiv. Wollen Sie Millionen Hartz-IV-Empfänger in die Parks zum Müllsammeln schicken?

Nein, der öffentliche Job ist Mittel zum Zweck, er ist zunächst nur eine Drohung. Bei vielen Menschen wirkt so etwas. Wenn sie eh arbeiten müssen, werden sich die meisten nach einer Alternative auf dem ersten Arbeitsmarkt umsehen. Übrig bleiben jene, die am Markt wegen ihrer Defizite oder Lebenslage keinen höheren Lohn erzielen können als die Stütze. Diese Menschen sind wirklich auf staatliche Hilfe angewiesen und benötigen einen vom Staat bereitgestellten Job. Dabei geht es aber nur um rund 500 000 Personen. Das ist machbar.

Was sagen Sie einer privaten Gärtnerei, die weniger Aufträge bekommt, weil die Kommune ihre Beete von Hartz-IV-Empfängern pflegen lässt?

Durch eine Arbeitspflicht sinkt die Zahl der Transferempfänger. Damit gewinnt die öffentliche Hand zusätzliche Mittel für öffentliche Aufträge. Die kommen dann nicht nur dem Landschaftsgärtner zugute, sondern auch anderen Betrieben.  

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