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Arbeitsmarkt Das Geschäft mit der Arbeitslosigkeit

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Josef Hoke Quelle: Gerald von Foris für WirtschaftsWoche

Doch das wohl lukrativste Geschäft ist die Weiterbildung. Es ist auch das krisensicherste, schließlich stützt der Staat die Nachfrage. Wie riesig der Markt ist, ahnt jeder, der einmal ein Jobcenter besucht hat, in dem die Broschüren der Bildungsträger von den Fensterbänken quellen. Nach Schätzungen des Bundesarbeitsministeriums leben etwa 4000 Seminar-Anbieter von öffentlichen Aufträgen.

Ein Markt mit Potenzial. „Weiterbildungsbranche trotzt der Wirtschaftskrise“, heißt es etwa im jüngsten wbmonitor, mit dem das Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) alljährlich die Stimmung der Branche ermittelt. In der neuesten Umfrage, die aus dem Oktober stammt, wies das Barometer auf einer Skala von minus bis plus 100 satte 45 Punkte aus – für alle Anbieter im Dienste der Arbeitsagentur.

Josef Hoke zum Beispiel kann über Auftragsmangel derzeit nicht klagen. Regelmäßig fährt er aus dem südbayrischen Peiting in das 90 Kilometer entfernte München, um Kurse zu leiten: Betriebswirtschafts-Seminare für Arbeitslose, die sich selbstständig machen wollen. Elektrotechnik-Grundkurse für Kurzarbeiter. Oder schlicht und einfach Bewerbungstrainings. Denn mit Bewerbungen kennt Josef Hoke sich aus.

Geld für Bildung Quelle: WirtschaftsWoche, BA

31 Jahre hat er als Informationselektroniker bei Agfa Photo in Peiting gearbeitet, zuletzt als freigestellter Betriebsratsvorsitzender. Vor fünf Jahren schlitterte das Unternehmen in die Insolvenz. Für seine Kollegen handelte Josef Hoke damals eine Transfergesellschaft aus, prallgefüllt mit Weiterbildungskursen.

Beinahe alle Kollegen am Standort landeten am Ende in einer neuen Firma. Nur Hoke nicht. „Als ehemaliger Betriebsrat ist es gar nicht so einfach, einen neuen Job zu finden“, sagt er. Und machte aus der Not ein Geschäft: „Was Transfergesellschaften angeht, habe ich von A bis Z alles selbst mitgemacht. Da macht mir so leicht keiner was vor“, sagt er. Und so berät er heute Betriebsräte, die Qualifizierungsgesellschaften gründen. Gegen Entgelt. Freiberuflich. Absolut krisenfest.

Allein im vergangenen Jahr ließen sich die Steuer- und Beitragszahler die Weiterbildungskurse der Arbeitslosenversicherung 2,264 Milliarden Euro kosten. Addiert man noch alle Eingliederungsmaßnahmen für Arbeitslose, kommen leicht zweistellige Milliardensummen zusammen.

Ständiges Dilemma

 Dabei steckt die Bildung in einem ständigen Dilemma. Qualifizierung ist der Königsweg, um Beschäftigte vor dem Jobverlust zu schützen und Arbeitslosen wieder eine Stelle zu verschaffen. Aber kein Markt ist schwerer zu organisieren als die Weiterbildung. Unzählige Anbieter bieten Kurzkurse an, deren Sinn niemand überblicken kann. Und die Zertifizierung krankt schon daran, dass die Seminare von Dienstleistern wie der Dekra geprüft werden, die teilweise auch selbst als Seminaranbieter am Markt sind.

Jahrelang litt die Weiterbildung unter einem katastrophalen Ruf. Nach dem Skandal um frisierte Vermittlungszahlen und sinnlose Fortbildungen im Jahr 2002 strich die Bundesagentur ihr Kursangebot radikal zusammen. Doch je näher die Jobkrise rückt, desto mehr denkt die Politik um. Steckten 2005 noch weniger als 200.000 Arbeitslose in Seminaren, waren es Ende 2009 schon 644.000. Mehr noch: Für Kurzarbeiter, die um ihren Job noch fürchten, schultert die Arbeitslosenversicherung nicht nur den Großteil der Seminarkosten. Seit dem vergangenen Jahr nimmt sie ihren Arbeitgebern auch alle Sozialversicherungsbeiträge ab.

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