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Arbeitsmarkt Das Geschäft mit der Arbeitslosigkeit

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Holger Klekamp Quelle: Stefan Kröger für WirtschaftsWoche

So reicht die Spannbreite inzwischen weit: Beschäftigte ohne Schulabschluss, die als Wackelkandidaten auf dem Jobmarkt gelten, drücken die Seminarbank genauso wie Ingenieure in Kurzarbeit oder jene Karmann-Beschäftigte, die ihre Stellen längst verloren haben.

7200 Beschäftigte hatte der Auftragsfertiger in Osnabrück mal, inzwischen sind es nur noch 900. Jedes Mal, wenn Entlassungen anstanden, rangen Riemann und der stellvertretende Betriebsratschef Gerhard Schrader dem Management in nächtlichen Verhandlungen die Zusage ab, für die Gekündigten eine Transfergesellschaft einzurichten. Und das bedeutete Kurse für alle – und etwas Schonfrist.

„Durch Transfergesellschaften entsteht kein einziger Arbeitsplatz“, gibt auch Gewerkschafter Riemann zu. Die Betroffenen hätten aber den Vorteil, dass sie effektiver bei der Suche nach einer neuen beruflichen Perspektive unterstützt würden – „und dass ein möglicher Absturz in Hartz IV nach hinten geschoben wird“.

Den Absturz verschieben

Erst einmal in Sicherheit bringen, so könnte man das auch nennen. In der Gesellschaft landet, wer mit dem alten Chef einen Aufhebungsvertrag unterzeichnet. Ein gutes Geschäft für alle Beteiligten, außer vermutlich für die Beitragszahler. Die Bundesregierung darf sich freuen, weil die Betroffenen gar nicht erst in der offiziellen Arbeitslosenstatistik auftauchen. Der Arbeitgeber schafft sich auf einen Schlag alle Kündigungsklagen vom Hals. Die Beschäftigten verlängern ihr Arbeitslosengeld, schließlich überweist die Arbeitsagentur bis zu einem Jahr lang bis zu 67 Prozent des letzten Gehalts, und häufig legt der alte Betrieb noch etwas obendrauf. Und die Chefs der Transfergesellschaft profitieren sowieso.

Weil die Auffanggesellschaften rechtlich unabhängig sein müssen, werden sie von externen Profis organisiert. Bei Karmann beispielsweise ging der Zuschlag an die Berater von Silberstreif Personaltransfer. Der Name ist übrigens kein Witz, sondern das Produkt eines eigens angeheuerten Marken-Designers. Früher einmal hieß die Firma Schaffer und kümmerte sich vor allem darum, gekündigten Führungskräften neue Jobs zu verschaffen.

Vielleicht kommt es noch aus dieser Zeit, dass Thomas Gerwert für Notfälle aller Art drei Wechselkrawatten hinter seinem Schreibtisch deponiert hat, in Rot, Aubergine und Grün. Gerwert ist Partner bei Silberstreif und leitet das Projekt Karmann. Vor seinem Büro warten nun die Lackierer und Facharbeiter auf Beratung. Kräftige Männer, die ihre Hände um die dünnen Bewerbungsmappen auf ihrem Schoß klammern und sich in ihren Anzügen sichtbar unwohl fühlen. „Eine Zeitlang geht es zuerst immer darum, Trauerarbeit zu leisten“, sagt Gerwert.

Profiling der Ex-Karmänner

Nur 100 Meter weiter liegt die modernste Lackierstraße Europas, die längst stillsteht. In dem flachen Gebäude vor dem Karmann-Haupttor, in dem jetzt die Transfergesellschaft sitzt, wurden früher Kleinteile gestanzt. Heute organisieren Gerwert und sein Team hier Kurse für die alte Karmann-Belegschaft, finanziert mit Zuschüssen der Bundesagentur für Arbeit. Sogar der Europäische Globalisierungsfonds ist im Fall Karmann eingesprungen. 9,5 Millionen Euro war das letzte Qualifizierungspaket am Ende schwer.

„Anfangs wollten hier beinahe 100 Beschäftigte den Busführerschein machen“, erzählt Gerwert. „Aber weil die auf dem Markt in der Region ja nie einen Job finden würden, haben wir andere Angebote erarbeitet.“ Und so haben Gerwert und seine Leute Stärken und Schwächen der Ex-Karmänner analysiert, „Profiling“ nennen sie das, die einen zu Solar-Messen gefahren, um ihnen einen Job als „Servicetechniker für Windkraft“ anzupreisen, und die anderen zu Schweißern und Logistik-Fachkräften weitergebildet.

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