WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Arbeitsmarkt Das Geschäft mit der Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit nährt ganze Branchen. Vor allem Weiterbildungsindustrie und Transferberater profitieren von Entlassungen. WirtschaftsWoche-Reporterin Cornelia Schmergal über das Geschäft mit den Arbeitslosen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Gerhard Schrader, Thomas Gerwert, Hartmut Riemann Quelle: Stefan Kröger für WirtschaftsWoche

Sie seien ungefähr so lästig wie die Schmeißfliegen. Nun ja, vielleicht streicht man das mit den Fliegen besser aus dem Protokoll, aber eine freundlichere Formulierung kommt Hartmut Riemann nun einmal nicht über die Lippen. In normalen Wochen sind es zehn Angebote, die ungefragt auf seinen Schreibtisch flattern. Doch an jenem Tag im April, einem einzigen wohlgemerkt, als die Nachricht von der Karmann-Insolvenz in der Zeitung stand, kamen gleich 30 dicke Mappen mit der Post: allesamt Bewerbungen von Beratern, die bei den Massenentlassungen behilflich sein wollten. Noch heute seufzt Riemann, wenn er an den Stapel auf seinem Schreibtisch denkt. „Das Geschäft mit dem Elend anderer Leute blüht in diesen Tagen“, sagt er.

Hartmut Riemann ist Erster Bevollmächtigter der IG Metall in Osnabrück. Und damit sitzt er an einer entscheidenden Stelle. Denn Osnabrück ist die Heimat von Karmann, und im April 2009 hat der Cabrio-Spezialist Insolvenz angemeldet. 1340 Beschäftigte erhielten damals die Kündigung.

Wann immer irgendwo ein Unternehmen in die Pleite trudelt und Entlassungen im großen Stil ankündigt, handeln Betriebsräte und Gewerkschaften mit dem Management einen Sozialplan aus. Möglichst viele Mitarbeiter, heißt es dann, sollen in eine Transfergesellschaft wechseln, dort Kurse besuchen und sich weiterbilden, um möglichst bald einen neuen Job zu finden. Und weil es für die Geburt solcher Gesellschaften Berater und Fachanwälte gibt, wird für irgendwen wieder ein Auftrag daraus. Eine ganze Branche lebt davon. Gerade jetzt.

Arbeitslosigkeit ist ein Milliardengeschäft. Auch wenn es zynisch klingen mag: Für jeden Verlierer auf dem Arbeitsmarkt gibt es irgendwo wieder einen Gewinner. Für Outplacement-Berater, so nennt man das Geschäft im Branchen-Sprech, und für alle Unternehmen, die sich im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit um die Entlassenen kümmern, dürfte 2010 ohnehin ein Bombenjahr werden.

Mehr Arbeitslose erwartet

Denn es geht abwärts am Stellenmarkt. Das treibt den Umsatz der Krisenprofiteure hoch. Noch im vergangenen Jahr konnten sich die Beschäftigten durch die Krise mogeln. Mochte das Bruttoinlandsprodukt auch um fünf Prozent zusammenschnurren – der Einbruch am Arbeitsmarkt blieb aus. Mit Kurzarbeit retteten die Unternehmen ihre Fachkräfte durch die Flaute, vorerst wenigstens. Erst 2010, orakelt Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, werde die Krise in den Unternehmen „voll ankommen“. Die Gewerkschaften prophezeien Massenentlassungen.

In ihrem neuen Jahreswirtschaftsbericht geht die Bundesregierung davon aus, dass die Arbeitslosenzahl im Durchschnitt um 320.000 auf 3,7 Millionen klettern wird. Wolfgang Franz, der Vorsitzende der fünf Wirtschaftsweisen, rechnet damit, dass 500.000 Menschen ihren Job verlieren könnten.

Doch was die Volkswirtschaft im Großen bedrängt, füttert im Kleinen ganze Wirtschaftszweige. Es gibt viele Profiteure der Arbeitslosigkeit: Zeitarbeitsunternehmen, private Jobvermittler oder ganz normale Betriebe wie jener Trampolinhersteller, der seine Geräte von arbeitslosen Ein-Euro-Jobbern zusammenschrauben lässt und dafür Zuschüsse kassiert.

Josef Hoke Quelle: Gerald von Foris für WirtschaftsWoche

Doch das wohl lukrativste Geschäft ist die Weiterbildung. Es ist auch das krisensicherste, schließlich stützt der Staat die Nachfrage. Wie riesig der Markt ist, ahnt jeder, der einmal ein Jobcenter besucht hat, in dem die Broschüren der Bildungsträger von den Fensterbänken quellen. Nach Schätzungen des Bundesarbeitsministeriums leben etwa 4000 Seminar-Anbieter von öffentlichen Aufträgen.

Ein Markt mit Potenzial. „Weiterbildungsbranche trotzt der Wirtschaftskrise“, heißt es etwa im jüngsten wbmonitor, mit dem das Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) alljährlich die Stimmung der Branche ermittelt. In der neuesten Umfrage, die aus dem Oktober stammt, wies das Barometer auf einer Skala von minus bis plus 100 satte 45 Punkte aus – für alle Anbieter im Dienste der Arbeitsagentur.

Josef Hoke zum Beispiel kann über Auftragsmangel derzeit nicht klagen. Regelmäßig fährt er aus dem südbayrischen Peiting in das 90 Kilometer entfernte München, um Kurse zu leiten: Betriebswirtschafts-Seminare für Arbeitslose, die sich selbstständig machen wollen. Elektrotechnik-Grundkurse für Kurzarbeiter. Oder schlicht und einfach Bewerbungstrainings. Denn mit Bewerbungen kennt Josef Hoke sich aus.

Geld für Bildung Quelle: WirtschaftsWoche, BA

31 Jahre hat er als Informationselektroniker bei Agfa Photo in Peiting gearbeitet, zuletzt als freigestellter Betriebsratsvorsitzender. Vor fünf Jahren schlitterte das Unternehmen in die Insolvenz. Für seine Kollegen handelte Josef Hoke damals eine Transfergesellschaft aus, prallgefüllt mit Weiterbildungskursen.

Beinahe alle Kollegen am Standort landeten am Ende in einer neuen Firma. Nur Hoke nicht. „Als ehemaliger Betriebsrat ist es gar nicht so einfach, einen neuen Job zu finden“, sagt er. Und machte aus der Not ein Geschäft: „Was Transfergesellschaften angeht, habe ich von A bis Z alles selbst mitgemacht. Da macht mir so leicht keiner was vor“, sagt er. Und so berät er heute Betriebsräte, die Qualifizierungsgesellschaften gründen. Gegen Entgelt. Freiberuflich. Absolut krisenfest.

Allein im vergangenen Jahr ließen sich die Steuer- und Beitragszahler die Weiterbildungskurse der Arbeitslosenversicherung 2,264 Milliarden Euro kosten. Addiert man noch alle Eingliederungsmaßnahmen für Arbeitslose, kommen leicht zweistellige Milliardensummen zusammen.

Ständiges Dilemma

 Dabei steckt die Bildung in einem ständigen Dilemma. Qualifizierung ist der Königsweg, um Beschäftigte vor dem Jobverlust zu schützen und Arbeitslosen wieder eine Stelle zu verschaffen. Aber kein Markt ist schwerer zu organisieren als die Weiterbildung. Unzählige Anbieter bieten Kurzkurse an, deren Sinn niemand überblicken kann. Und die Zertifizierung krankt schon daran, dass die Seminare von Dienstleistern wie der Dekra geprüft werden, die teilweise auch selbst als Seminaranbieter am Markt sind.

Jahrelang litt die Weiterbildung unter einem katastrophalen Ruf. Nach dem Skandal um frisierte Vermittlungszahlen und sinnlose Fortbildungen im Jahr 2002 strich die Bundesagentur ihr Kursangebot radikal zusammen. Doch je näher die Jobkrise rückt, desto mehr denkt die Politik um. Steckten 2005 noch weniger als 200.000 Arbeitslose in Seminaren, waren es Ende 2009 schon 644.000. Mehr noch: Für Kurzarbeiter, die um ihren Job noch fürchten, schultert die Arbeitslosenversicherung nicht nur den Großteil der Seminarkosten. Seit dem vergangenen Jahr nimmt sie ihren Arbeitgebern auch alle Sozialversicherungsbeiträge ab.

Holger Klekamp Quelle: Stefan Kröger für WirtschaftsWoche

So reicht die Spannbreite inzwischen weit: Beschäftigte ohne Schulabschluss, die als Wackelkandidaten auf dem Jobmarkt gelten, drücken die Seminarbank genauso wie Ingenieure in Kurzarbeit oder jene Karmann-Beschäftigte, die ihre Stellen längst verloren haben.

7200 Beschäftigte hatte der Auftragsfertiger in Osnabrück mal, inzwischen sind es nur noch 900. Jedes Mal, wenn Entlassungen anstanden, rangen Riemann und der stellvertretende Betriebsratschef Gerhard Schrader dem Management in nächtlichen Verhandlungen die Zusage ab, für die Gekündigten eine Transfergesellschaft einzurichten. Und das bedeutete Kurse für alle – und etwas Schonfrist.

„Durch Transfergesellschaften entsteht kein einziger Arbeitsplatz“, gibt auch Gewerkschafter Riemann zu. Die Betroffenen hätten aber den Vorteil, dass sie effektiver bei der Suche nach einer neuen beruflichen Perspektive unterstützt würden – „und dass ein möglicher Absturz in Hartz IV nach hinten geschoben wird“.

Den Absturz verschieben

Erst einmal in Sicherheit bringen, so könnte man das auch nennen. In der Gesellschaft landet, wer mit dem alten Chef einen Aufhebungsvertrag unterzeichnet. Ein gutes Geschäft für alle Beteiligten, außer vermutlich für die Beitragszahler. Die Bundesregierung darf sich freuen, weil die Betroffenen gar nicht erst in der offiziellen Arbeitslosenstatistik auftauchen. Der Arbeitgeber schafft sich auf einen Schlag alle Kündigungsklagen vom Hals. Die Beschäftigten verlängern ihr Arbeitslosengeld, schließlich überweist die Arbeitsagentur bis zu einem Jahr lang bis zu 67 Prozent des letzten Gehalts, und häufig legt der alte Betrieb noch etwas obendrauf. Und die Chefs der Transfergesellschaft profitieren sowieso.

Weil die Auffanggesellschaften rechtlich unabhängig sein müssen, werden sie von externen Profis organisiert. Bei Karmann beispielsweise ging der Zuschlag an die Berater von Silberstreif Personaltransfer. Der Name ist übrigens kein Witz, sondern das Produkt eines eigens angeheuerten Marken-Designers. Früher einmal hieß die Firma Schaffer und kümmerte sich vor allem darum, gekündigten Führungskräften neue Jobs zu verschaffen.

Vielleicht kommt es noch aus dieser Zeit, dass Thomas Gerwert für Notfälle aller Art drei Wechselkrawatten hinter seinem Schreibtisch deponiert hat, in Rot, Aubergine und Grün. Gerwert ist Partner bei Silberstreif und leitet das Projekt Karmann. Vor seinem Büro warten nun die Lackierer und Facharbeiter auf Beratung. Kräftige Männer, die ihre Hände um die dünnen Bewerbungsmappen auf ihrem Schoß klammern und sich in ihren Anzügen sichtbar unwohl fühlen. „Eine Zeitlang geht es zuerst immer darum, Trauerarbeit zu leisten“, sagt Gerwert.

Profiling der Ex-Karmänner

Nur 100 Meter weiter liegt die modernste Lackierstraße Europas, die längst stillsteht. In dem flachen Gebäude vor dem Karmann-Haupttor, in dem jetzt die Transfergesellschaft sitzt, wurden früher Kleinteile gestanzt. Heute organisieren Gerwert und sein Team hier Kurse für die alte Karmann-Belegschaft, finanziert mit Zuschüssen der Bundesagentur für Arbeit. Sogar der Europäische Globalisierungsfonds ist im Fall Karmann eingesprungen. 9,5 Millionen Euro war das letzte Qualifizierungspaket am Ende schwer.

„Anfangs wollten hier beinahe 100 Beschäftigte den Busführerschein machen“, erzählt Gerwert. „Aber weil die auf dem Markt in der Region ja nie einen Job finden würden, haben wir andere Angebote erarbeitet.“ Und so haben Gerwert und seine Leute Stärken und Schwächen der Ex-Karmänner analysiert, „Profiling“ nennen sie das, die einen zu Solar-Messen gefahren, um ihnen einen Job als „Servicetechniker für Windkraft“ anzupreisen, und die anderen zu Schweißern und Logistik-Fachkräften weitergebildet.

Verstecktes Heer Quelle: WirtschaftsWoche, BA, eigene Berechnungen

Gerwerts Schützlinge pflegen heute den Rasen beim VfL Osnabrück, arbeiten als gelbe Engel beim ADAC oder als Lokomotivführer bei der Nordwestbahn. Bisher konnte Gerwert 63,7 Prozent der Ex-Karmännern einen neuen Job verschaffen. Und der Betriebsrat jubelt, dass sich das Millionengeschäft rentiert habe.

Die Frage ist nur, für wen. Wissenschaftler vermuten, die Arbeitsagentur wäre bei der Vermittlung genauso gut gewesen. Ganz ohne Millionengeschäft. „Im Grunde sind Transfergesellschaften Geldverschwendung“, sagt Ökonom Hilmar Schneider, der den Weiterbildungsmarkt im Jahr 2006 im Auftrag der Bundesregierung untersucht hat. Es gebe keinen Beleg dafür, dass sie den Betroffenen schneller aus der Arbeitslosigkeit helfen könnten als die Arbeitsagentur – das Instrument könne man sich sparen.

Auch das Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) ist misstrauisch. Die Vermittlungserfolge der Transfergesellschaften seien „oftmals nicht besonders gut“, urteilt Vize-Präsident Reinhold Weiß. Sie seien dann angebracht, wenn größere Entlassungen anstünden. „Allerdings sammeln sich dort meist auch diejenigen Beschäftigten, die ohnehin geringe Vermittlungschancen haben.“

Was kommt nach der Kurzarbeit?

Dennoch würden vor allem die Gewerkschaften die Transfergesellschaften gern ausdehnen. Schon im Herbst starteten ihre Vertreter dazu im Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit einen Vorstoß. „Viele Unternehmensleitungen, aber auch Beschäftigte fragen sich, was nach der Kurzarbeit kommt“, sagt zum Beispiel IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban. „Wir sollten zum Beispiel darüber nachdenken, die Dauer des Transfer-Kurzarbeitergeldes auf mindestens 24 Monate zu verlängern.“ Außerdem solle man den Betroffenen die Rückkehr in ihre alten Unternehmen oder eine gesicherte Beschäftigungsperspektive garantieren.

Davon allerdings könnten die Arbeitnehmervertreter auch selbst profitieren. Die ganz großen Anbieter der Branche liegen ohnehin in der Hand von Verbänden und Gewerkschaften. So betreibt das gewerkschaftseigene Berufsfortbildungswerk die Unternehmensberatung Weitblick, die sich auf Transfergesellschaften spezialisiert hat. Und Gründer von Mypegasus, einem der umstrittensten Anbieter der Branche, ist der ehemalige IG-Metall-Justiziar Peter Hunnekuhl.

Aber auch die Arbeitgeber profitieren vom Transfergeschäft. Anteile am Branchenriesen Peag (Jahresumsatz 2008: rund 57 Millionen Euro) halten die Konzerne ThyssenKrupp, Evonik und RWE. Die Verbände der bayerischen Wirtschaft wiederum verdienen an Entlassungen mit ihrem Transfer-Betreiber Train.

Hoffen auf Volkswagen

Am Ende handele es sich beim Geschäft mit den Arbeitslosen um einen „Beziehungsmarkt“, klagt Siegfried Backes, Chef der unabhängigen Personaltransfer GmbH aus Berlin, der ein Qualitätsnetzwerk initiiert hat. Jedes Unternehmen starte in der Regel nur ein einziges Mal ein solches Projekt – wenn es zu Massenentlassungen komme oder wenn in der Insolvenz der Weg für einen neuen Investor frei gemacht werden solle. Anbieter seien daher zwangsläufig auf gute Kontakte zum Unternehmensumfeld angewiesen: zu Insolvenzverwaltern, Wirtschaftsverbänden oder Betriebsräten.

Auf seine Transfergesellschaft setzt Holger Klekamp nicht mehr, er baut jetzt auf Volkswagen. 2011 wollen die Wolfsburger das übernehmen, was von Karmann noch übrig ist. Und jetzt hofft Klekamp wieder auf einen neuen Job.

19 Jahre lang hat der Konstruktionsmechaniker bei Karmann geschafft, in der technischen Entwicklung Cabrio-Prototypen gebaut: für den New Beetle, den Mercedes Vaneo oder den Nissan Micra. Ein Job, sagt Klekamp, für den er jeden Morgen begeistert aufgestanden sei.

Doch mit der Insolvenz kam die Kündigung, die letzten Monate verbrachte Klekamp in der Transfergesellschaft. An der Abendschule hat er sich zum Maschinenbautechniker weitergebildet, jetzt hängt er noch den Schweißtechniker dran, und den Kurs für das neue Konstruktionsprogramm CatiaV5 hat er auch schon hinter sich.

42 Bewerbungen hat Holger Klekamp in dieser Zeit geschrieben.

Eine Zusage war nie dabei.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%