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Arbeitsmarkt Unternehmer setzen auf Osteuropäer

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Billiger Osten

In der Wirtschaft ist die Sorge eine ganz andere: dass gar nicht genug potenzielle Mitarbeiter sich für das Land zwischen Rostock und Rosenheim interessieren. „Die Zuwanderung von Fachkräften wäre sehr erwünscht. Ich erwarte aber, dass es nur eine geringe Zahl sein wird. Deutschland kommt einfach zu spät“, fürchtet Reinhard Göhner, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.

In anderen EU-Ländern dürfen die Menschen aus den osteuropäischen Beitrittsstaaten schon seit sieben Jahren unbeschränkt auf Jobsuche gehen. Als die EU die Freizügigkeit für Arbeitskräfte zum Mai 2004 verhandelt hatte, hatte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder ein Stufenmodell durchgesetzt. Am Ende aber schotteten nur Deutschland und Österreich ihre Märkte bis zum letztmöglichen Tag ab: dem 30. April 2011.

Abschottung rächt sich

Nun rächt sich diese Taktik. Viele Handwerker und Facharbeiter, vor allem aus dem Nachbarland Polen, haben sich längst auf den Weg nach Großbritannien oder Irland gemacht. Auch das ist ein Grund, warum Harald Kothe-Zimmermann erst gar nicht versucht, in Warschau nach Krankenschwestern zu fahnden. „In Polen ist der Markt leer, in Tschechien kaufen schon die Bayern ein. Deshalb sind unsere Chancen im Baltikum am größten“, sagt der GLG-Manager.

Es gibt viele gute Gründe, sich auf den 1. Mai zu freuen, sagt Krista Krzanovica. Für sie ist es ein Neubeginn, wieder einmal. Die 28-Jährige gehört zu den sieben Krankenschwestern, die jetzt in Angermünde Deutsch lernen. Zu Hause in Lettland hatte Krzanovica Sozialpädagogik studiert. Nach ein paar Jahren im Job hatte sie es satt, sich immer nur mit Problemen zu beschäftigen, die entstehen, „weil am Anfang des Lebens etwas schiefläuft“, wie sie sagt. Sie wollte lieber dafür sorgen, dass dieser Anfang gelingt, also sattelte sie ein Studium als Hebamme obendrauf. Das Examen als Krankenschwester machte sie nebenbei gleich mit. Im Baltikum haben alle Pflegekräfte studiert.

Drei Jahre lang arbeitete Krzanovica im Kreißsaal einer Privatklinik – bis die Finanzkrise kam. „Ich will leben, und dafür brauche ich Geld“, sagt sie. Darum ging sie und ließ ihre große Liebe in Liepaja zurück. In Lettland beträgt der Brutto-Mindestlohn 282 Euro im Monat, knapp 400 Euro hat Krzanovica in der Klinik verdient. In Angermünde bekommt sie bald das Vierfache.

Doch gerade diese Lohndifferenz macht vielen Menschen Angst. Davon hören auch die baltischen Krankenschwestern in ihrem Sprachkurs. Heute steht Lektion acht an, der „Ausflug nach Berlin“. Die Hauptstadt sei eine aufregende Stadt, die auch viele Deutsche gern besuchen würden, heißt es auf Seite 102 des Lehrbuches. „Aber nicht alle können die Reise bezahlen. Viele Leute sind arbeitslos oder verdienen zu wenig.“

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