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Arbeitsmarkt Wie Jobcenter den Sozialstaat reparieren

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Arbeitslose Hartz-IV-Empfänger

Alles hätte endlich gut sein können. Wenn die Bundesregierung im Juni nicht ihr großes Sparpaket aufgelegt hätte. Bislang geben Bund und Kommunen jährlich rund 50 Milliarden Euro für die Hartz-IV-Empfänger aus. Das Sparpaket verpflichtet Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen nun aber zu milliardenschweren Kürzungen.

Beispielsweise sollen die Jobcenter zwei Milliarden Euro bei Kursen und Arbeitsgelegenheiten für Hartz-IV-Empfänger sparen. Noch einmal drei Milliarden Euro müssen sie beibringen, indem sie ihre Kunden „effizienter“ in Arbeit vermitteln. So hat die Regierung sich das zumindest ausgedacht.

Aber wie soll man Kunden schneller vermitteln, für die sich noch nie ein Arbeitgeber interessiert hat? Reiner Lipka ist Geschäftsführer des Jobcenters in Gelsenkirchen und denkt über diese Frage von Berufs wegen nach. Die Arbeitslosenquote liegt hier bei 16,1 Prozent, so hoch, wie sonst nur in den neuen Ländern. „Effizienz“ sei daher ein schwieriges Wort, findet Lipka. Schließlich gebe es immer mehr Langzeitarbeitslose, die man auch mit Förderung nicht vermitteln könne.

Speed-Dating mit Unternehmen

Dabei kann man gewiss nicht sagen, dass Reiner Lipka Reformen scheut. Mit Roland Berger hat er einst in Russland Modellagenturen nach deutschem Vorbild aufgebaut, mit McKinsey aus den Hartz-Gesetzen Alltag gebastelt. Sein Jobcenter gilt heute als Modellwerkstatt.

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Standort erkennen

    Mitten im Pott hat Reiner Lipka das britische „Work First Modell“ eingeführt: Spezielle Job Scouts merzen die Tippfehler in den Bewerbungen der Kunden aus, sie simulieren Vorstellungsgespräche und schleppen ihre Klienten notfalls zu C&A, um ein Hemd für den ersten Auftritt beim potenziellen Arbeitgeber zu kaufen. Und wenn Reiner Lipka seine Hartz-IV-Empfänger an den Mann bringen will, dann organisiert er ein Speed-Dating mit Unternehmen – in der Arena auf Schalke. So lockt man Kundschaft in Gelsenkirchen.

    Gefangen im System

    „Wir wollen vermitteln, das ist unser wichtigstes Ziel“, sagt Lipka. Aber in der strukturschwachen Region existieren wenig Jobs. Und wenn neue Betriebe entstehen, dann suchen sie hoch qualifizierte Fachkräfte, die im Jobcenter Mangelware sind. In einem Büro genau zwei Etagen unter Reiner Lipka schaut ein Fallmanager in seiner Datenbank nach. Er betreut derzeit 450 Kunden. Darunter sind 150 Schulabbrecher, 40 Analphabeten – und nur drei Personen mit Abitur. „Ich bin hier eine Art Insolvenzverwalter“, sagt er.

    Im Hartz-IV-System sammeln sich die Härtefälle des Sozialstaates. Insgesamt stecken mehr als 6,7 Millionen Menschen in der Grundsicherung, davon suchen 2,26 Millionen einen Job. So sagt es die Statistik. Doch während die Zahl der Kurzzeit-Erwerbslosen in jedem Aufschwung sinkt, bleibt die Masse der Langzeitarbeitslosen im Hartz-IV-System gefangen (siehe Grafik).

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