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Arbeitsmarkt Wie Jobcenter den Sozialstaat reparieren

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Geschäftsführer Konrad Tack schätzt, dass in Neukölln etwa 15.000 Analphabeten leben. Viele seiner Kunden versuchen täglich, das zu vertuschen. Die meisten wickeln einen Verband um ihre Hand, damit sie keine Anträge ausfüllen müssen. Schulabbrecher sind darunter, aber auch ältere Frauen, die etwa im Libanon oder in Marokko aufgewachsen sind und nie eine Schule besuchen durften. Und denen ihre Männer noch heute verbieten, allein das Haus zu verlassen.

Vielleicht gibt es kaum ein Büro-Biotop in Deutschland, an dem man so viele Deutschlandfähnchen besichtigen kann wie in den Jobcentern – auch dann übrigens, wenn nicht Fußball-WM ist. Die meisten Mitarbeiter haben sie dezent, aber unübersehbar auf ihrem Schreibtisch platziert, irgendwo zwischen Kulis und Kaktus. „Um die Kunden vorsichtig daran zu erinnern, in welchem Land sie leben“, sagt ein Fallmanager in Neukölln.

Das Jobcenter bildet arbeitslose Frauen mit Migrationshintergrund inzwischen aus, um sie in die Familien zu schicken. Diese „Stadtteilmütter“ erklären anderen Migrantinnen, wie man sich für einen Sprachkurs anmeldet; sie sagen den Frauen, dass auch die Mädchen einen Schulabschluss brauchen, und den Töchtern, dass sie nicht Raumpflegerin werden müssen, weil auch Mechatronikerin ein spannender Beruf sein könnte. „Wir kümmern uns hier um die Integration, die anderenorts versäumt wurde“, sagt Konrad Tack. „Ein mühsames Geschäft.“

Im Sommer 2008 hatte der Bundesrechnungshof bemängelt, die Jobcenter könnten sich bei der Vermittlung ihrer Problemkunden ruhig etwas mehr anstrengen. In Nürnberg entwickelte die BA daraufhin ein neues Beratungskonzept für ihre schwierigste Klientel. Seit dem letzten Jahr ist das sogenannte „Vier-Phasen-Modell“ in Betrieb.

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    Bildung im Amt einklagen

    Alle Fallmanager und Vermittler müssen sich jetzt an einen straffen Gesprächsleitfaden halten. Nicht nur die Schwächen ihrer Kundschaft sollen sie herausfinden, sondern auch die Stärken. Die Experten der BA sagen, sie wollten verhindern, dass Migranten, Alleinerziehende oder Schulabbrecher sinnlos in Programme gesteckt würden – bloß weil sie Migranten, Alleinerziehende oder Schulabbrecher seien. Dafür seien sie oft viel zu unterschiedlich.

    Allerdings hilft diese selbst verordnete Enthaltsamkeit wenig, wenn die Regierung den Jobvermittlern vor Ort immer neue Aufgaben aufs Auge drückt. Erst im vergangenen Jahr hat die große Koalition den Rechtsanspruch auf einen Hauptschulabschluss eingeführt. Ihre Bildung sollen die Jugendlichen seither nicht bei ihren Lehrern einklagen – sondern bei ihren Fallmanagern im Amt.

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