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Arbeitswelt von morgen Das Gegenteil von „Stromberg“

Quelle: imago images

In Koblenz baut die Debeka ein Gebäude für 1900 Mitarbeiter – fast ohne Einzelbüros. Die Versicherung gießt damit das flexible Arbeiten in Beton. Teil 7 unserer Serie zur Wahl: Zugreise durch eine unterschätzte Republik.

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Dieser Artikel ist Teil unserer Serie zur Bundestagswahl 2021. Wir folgen der längsten IC-Strecke Deutschlands – vom Südwesten bis in den Nordosten. Nächster Halt: Aufbruch – Fahrt durch eine unterschätzte Republik

Der Betonboden ist besenrein, nirgends liegen Nägel oder Schrauben herum. Die Baustelle ist fertig für den Innenausbau. Oben am Gebäude montieren zwei Arbeiter bereits die letzten Fassadenelemente. Ein Kran hebt die Fensterscheibe zusammen mit dem Wandpanel hoch, die beiden Bauarbeiter manövrieren es langsam an die richtige Stelle und befestigen sie. Die Zukunft des Versicherers Debeka in Koblenz Gestalt an.

Direkt gegenüber der Zentrale am Ufer der Mosel baut das Versicherungsunternehmen ein neues Gebäude für 1900 Mitarbeiter. Doch anstatt nur mehr Platz für Büros zu schaffen, zementiert die Debeka dort eine neue Arbeitskultur. Ab Herbst 2022 werden die Debeka-Mitarbeiter in dem Z-förmigen Gebäude verschiedenste Arbeitsplätze zur Verfügung haben. Denn alle 15 Etagen sind im Sinne von „New Work“ gestaltet. 

Die Idee dahinter geht auf den Sozialphilosophen Frithjof Bergman zurück, der damit die Bedürfnisse von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in den Vordergrund rücken wollte. Der Trend, die Arbeit individueller zu gestalten, spielt spätestens seit der Coronapandemie bei vielen Unternehmen eine wichtige Rolle. Auch mehr als zwei Drittel der Arbeitnehmer wünschen sich mehr Flexibilität und favorisieren eine Mischung aus Büro und Homeoffice, wie eine Studie der Universität Konstanz ergab.



Obwohl seit Ausbruch der Pandemie auch bei der Debeka die meisten Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten, möchte das Unternehmen nicht nur auf das Arbeiten von Zuhause aus setzen. Für die Debeka steht bei New Work das mobile Arbeiten im Vordergrund. Der Versicherer setzt auf ein hybrides Modell aus freier Arbeitsplatzwahl und Büro. Die Mitarbeiter sollen flexibel ihren Arbeitsort wählen können, ob Zuhause oder das Café nebenan, spielt dabei keine Rolle. Auch wenn jemand nur vormittags ins Büro reinkommt und nachmittags woanders weiterarbeitet - ja, warum nicht?

Komplett auf Büros verzichten, das will die Debeka dennoch nicht. „Wir brauchen weiterhin soziale Kontakte im Betrieb“, sagt Thomas Brahm, Vorstandsvorsitzender der Debeka. Die Mitarbeiter sollen sich auch künftig austauschen können und die Kunden persönlich kennenlernen. Deshalb ist das Ziel, ein Büro zu schaffen, dass flexibel auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter eingeht. Eines, das kein Zwang ist, kein Muss, sondern Lust: „Wir wollen ein Officehome schaffen“, sagt Brahm. 

Doch ganz ohne Struktur geht es auch in der Post-Corona-Arbeitswelt nicht: Eine neue Betriebsvereinbarung legt fest, dass Mitarbeiter zwei Tage in der Woche mobil arbeiten dürfen und die anderen drei Tage im Büro sein müssen.

Bereits 2019 gründete der größte deutsche private Krankenversicherer ein „Innovation Center“, das seitdem neue Arbeitskonzepte erprobt. Auch der Entschluss, das neue Gebäude auf mobiles Arbeiten auszurichten, fiel bereits vor einigen Jahren. Auf einer Etage in der Konzernzentrale wurde die neue Bürowelt schon getestet. Einzelne Schreibtische wechseln sich mit größeren Arbeitsplätzen ab, an denen bis zu vier Mitarbeiter arbeiten können. Schließfächer, Sofas, Sessel und Pflanzen verteilen sich zwischen den Arbeitsplätzen und sorgen für labyrinthische Wege. Fehlende Wände garantieren einen freien Blick über die ganze Bürofläche, nur ab und zu unterbrochen von einem gläsernen Konferenzraum. Einzelbüros gibt es kaum mehr. Erfahrungen aus dem „Innovation Center“ sind auch in die Gestaltung des neuen Gebäudes miteingeflossen.

Dort setzt die Debeka vor allem auf das Desk-Sharing, feste Arbeitsplätze gibt es nicht mehr. Über eine Software können die Mitarbeiter künftig ihren Arbeitsplatz reservieren. Dabei hat jede Abteilung eine sogenannte „Homebase“, eine Etage, die der Abteilung fest zugeteilt ist. Innerhalb dieser können die Mitarbeiter auf der Bürofläche ihren Arbeitsplatz aussuchen. Für persönliche Gegenstände bekommt jeder ein Schließfach. Auf den Arbeitsplätzen befindet sich nur noch Monitor, Tastatur und Maus.

Die rund 16.000 Mitarbeiter wurden im Zuge des neuen Arbeitskonzepts mit Laptops ausgestattet, den sie künftig ins Büro mitbringen. Natürlich koste es erst einmal Geld, alle Mitarbeiter mit Laptops auszustatten, sagt Brahm. Aber das Unternehmen spare eben auch Bürofläche und damit Kosten an anderer Stelle. Denn im neuen Gebäude werden für rund 1900 Mitarbeiter nur 1350 Arbeitsplätze vorgehalten. Die Debeka geht davon aus, dass die Mitarbeiter die Flexibilität nutzen und nie alle Mitarbeiter gleichzeitig im Büro sein werden.

Flexibel arbeiten heißt auch, im Büro seinen Arbeitsplatz wechseln. Die Mitarbeiter müssen nicht mehr einen ganzen Arbeitstag an ihrem Schreibtisch sitzen, sondern können je nach Aktivität den dafür am besten geeigneten Arbeitsplatz aussuchen. Die Abteilungsleiter konnten verschiedene Module auswählen, um ihre Etage zu gestalten. Ob Sofaecke zum Brainstorming, Glaswürfel, sogenannte „Cubes“, als Besprechungsräume oder Hochtische mit Hockern als Arbeitszonen: Die Auswahl ist vielfältig und kann auf die Bedürfnisse jeder Abteilung angepasst werden. Bibliotheksähnliche Ruheräume für konzentriertes Arbeiten sind ebenso dabei wie kleinere Glaswürfel für Telefonate.

Quelle: RKW Architektur +, Ponnie Images

Das New-Work-Konzept bezieht auch die Führungskräfte mit ein. Ein Einzelbüro hat nur noch die oberste Managementebene, um beispielsweise Vertraulichkeit bei Mitarbeitergesprächen zu gewährleisten. Abteilungsleiter können sich entscheiden, ob sie gemeinsam mit ihren Mitarbeitern auf der Fläche sitzen wollen. 

Joachim Hinse, Leiter der Immobilienverwaltung, wagt diesen Schritt. Er hat sich gegen sein Einzelbüro und sogar gegen einen festen Arbeitsplatz entschieden. „Ich bin sowieso nicht acht Stunden lang an einem Platz“, sagt Hinse. Deshalb brauche er auch kein Büro nur für sich allein.

Auch wenn der Umzug in das neue Gebäude erst im kommenden Jahr ansteht, kommuniziert die Debeka den Mitarbeitern schon frühzeitig das neue Arbeitskonzept. Hilfreich dabei ist die interne App, die 13.000 von 16.000 Mitarbeitern nutzen. Die neue Flexibilität kommt bislang gut bei den Mitarbeitern an.

Das flexible Arbeiten lässt sich allerdings nicht auf jeden Job übertragen. Bei der Poststelle beispielsweise sei es schwierig, flexible Arbeitsorte anzubieten, meint Brahm. Auch die Kundenzentren müssten besetzt sein. „Man darf New Work nicht über die Bedürfnisse der Mitarbeiter stellen“, sagt der Debeka-Chef.

Nächster Halt: Aufbruch

Fahrt durch eine unterschätzte Republik

#btw2021


Koblenz konkurriert dabei mit den starken Wirtschaftsregionen Köln-Bonn und Rhein-Main. Indem die Debeka versucht, auf die Wünsche der Mitarbeiter einzugehen, hofft sie auf einen Standortvorteil. Das konsequente Umsetzen des hybriden Arbeitsmodells soll den Versicherer als Arbeitgeber attraktiver machen. Schließlich ist die Debeka auf qualifizierten Nachwuchs angewiesen. Für die Digitalisierung des Geschäfts werden IT-Kräfte händeringend gebraucht, den Fachkräftemangel spürt auch die Debeka. Noch kann die Versicherung den Bedarf decken. Damit das hoffentlich so bleibt, wird sich weiter gewandelt.

Mehr zum Thema: Dieser Artikel ist Teil unserer Serie zur Bundestagswahl 2021. Wir folgen der längsten IC-Strecke Deutschlands – vom Südwesten bis in den Nordosten. Nächster Halt: Aufbruch – Fahrt durch eine unterschätzte Republik

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