WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Atomkraftwerke Die teuerste Baustelle des Jahrhunderts

Seite 2/4

Höhlenexpedition im Betonkoloss

Schon beim Betreten des Bauwerks wird klar, was Klein meint. Auch zwölf Jahre nachdem die letzten Brennstäbe das Gebäude verlassen haben, steht vor dem Betreten des Gebäudes die gleiche Sicherheitsprozedur wie im laufenden Betrieb. Wer auf die Baustelle will, muss einen weißen Anzug überziehen, Helm und Sicherheitsschuhe. Sodann geht es in die Schleuse ins Gebäude, alle Gegenstände werden separat gescannt. Betriebsleiter Klein selbst bleibt diesmal in der Schleuse hängen. Wie die blecherne Frauenstimme befiehlt, stellt er die Beine erst auseinander auf die markierte Position, breitet die Hände aus, schiebt sie in die vorgesehenen Metallschlitze und drückt sie nach vorne. Der Kopf wird mit einer Metallstütze arretiert. Er wartet, nach zehn Sekunden piepst das Gerät, doch es ist das falsche Signal. Also wieder raus aus der Schleuse, nächster Versuch. Als die Schleuse ihn endlich gewähren lässt, sind fünf Minuten vergangen. In der Hochphase des Abbruchs haben hier gut 500 Menschen gearbeitet. Jeder von ihnen musste jeden Tag durch diese Prozedur.

Mal Höhle, mal Hölle: Im Kern des Kraftwerks ist es so eng, dass kaum zwei Menschen nebeneinander passen – was den Abbau nicht gerade vereinfacht. Quelle: Arne Weychardt für WirtschftsWoche

Der gesamte Bau wird während des Abrisses so behandelt, als wäre das Kraftwerk noch in Betrieb und damit hochgefährlich. Das zeigt sich zum Beispiel an provisorischen Lufttunneln, an denen vorbei sich Klein durch enge Gänge quetscht, an deren Ende er das Innerste des Kraftwerks verspricht. „Wir nennen das den gerichteten Luftstrom“, brüllt Klein gegen diesen an, während zwei dröhnende Generatoren direkt daneben ihn aufrechterhalten. Der Luftstrom sorgt dafür, dass im Atomkraftwerk nichts unkontrolliert nach außen dringt. Über mehrere Einlässe kommt die Frischluft ins Gebäude, nach draußen geht es nur durch den großen Kamin. Der Luftstrom offenbart die einzigartige Komplexität des Rückbaus eines Atomkraftwerks: Es soll zwar abgebaut werden, doch bis zum letzten Tag muss all die Infrastruktur erhalten bleiben, die es unter Volllast gab.

Für die ehemaligen Betreiber E.On, RWE, Vattenfall und EnBW steht viel auf dem Spiel, um nicht zu sagen: alles, was von ihnen noch übrig ist. Von den Kosten für die Endlagerung haben sie sich freikaufen können, weitere 23 Milliarden Euro werden sie dafür, über knapp zwei Jahrzehnte gestreckt, an den Bund überweisen. Der Rückbau aber liegt allein in ihrer Verantwortung. Wenn es ihnen gelingt, den Abriss effizienter zu organisieren als angenommen, könnten sie das eingesparte Geld anderweitig ausgeben. Sollten sie die Komplexität der Aufgabe aber unterschätzen, werden sie alles zusätzliche Geld selbst auftreiben müssen.

Begraben unter tausenden Tonnen Stahl
Kraftwerksruine von Tschernobyl im Mai 1986 Quelle: dpa
Luftaufnahme Tschernobyl 1986 Quelle: AP
Hotel in der Geisterstadt Prypjat Quelle: dpa
Kontaminierter Schrott Quelle: dpa/dpaweb
 Betonsarkophag in Tschernobyl Quelle: AP
Zerstörter Bedienpulte Quelle: dapd
Sarkophag im Jahr 2006 Quelle: dpa

Gründlich oder umständlich?

Als Kraftwerksleiter Klein ins Innere des Gebäudes führt, wird aus der Betriebsbesichtigung eine Höhlenexpedition. Mal fordert er dazu auf, den Kopf einzuziehen, dann warnt er vor Hindernissen am Boden oder in der Wand. „Wir haben leider extrem wenig Platz hier drinnen“, sagt Klein. Das klingt ein bisschen albern, wenn man den monströsen Betonkoloss von außen sieht.

Um es nachzuvollziehen, muss man sich kurz die Bauweise eines Atommeilers vor Augen führen. In der Mitte des nahezu quadratischen Baus befindet sich das Reaktorbecken, in dem die atomare Reaktion stattfindet. Daneben gibt es das Abklingbecken, in dem die Brennstäbe lagern, und die Generatoren, die aus der frei werdenden Energie Strom machen. Verbunden ist alles über einen geschlossenen Wasserkreislauf. Geschützt ist dieser gesamte Kern der Anlage durch eine Kugel aus Stahl, der sogenannten Kalotte, die wiederum von der Umfassung aus Stahlbeton umgeben ist. Um nun das Kraftwerk auseinanderzubauen, müssen alle Teile, die potenziell radioaktiv belastet sind, aus der Kalotte entfernt, in Einzelteile zerlegt und auf ihre Strahlung überprüft werden. Nur dürfen sie dabei den gesicherten Bereich noch nicht verlassen haben. Für die Bauarbeiten bedeutet das: Alles muss auf dem schmalen Platz zwischen der Kalotte und Gebäudewand passieren.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%