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Atomkraftwerke Die teuerste Baustelle des Jahrhunderts

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Immer neue Verzögerungen

„Niemand hat Erfahrungen mit so einer Aufgabe, wie soll man da die Kosten kalkulieren?“, sagt Klein. Und so hat es seiner Mannschaft allein eine Verzögerung von mehreren Monaten beschert, überhaupt eine Firma aufzutreiben, die den Rundkran installiert, mit dem die Einzelteile transportiert werden könnten. Das alles offenbart, wie vage die Kostenprognosen für den Rückbau aller deutschen Kernkraftwerke sind. Die Schätzungen entstehen, bevor man sich über den Zustand der Gebäude wirklich im Klaren sein kann.

Des Reaktors Kern: Detail für Detail wird das Kraftwerk zurückgebaut. Quelle: Arne Weychardt für WirtschftsWoche

Immerhin für den Kraftwerksleiter ist das Ende absehbar. Denn für ihn endet mit dem Abriss in ein paar Jahren auch der Zyklus eines Arbeitslebens. 1975 hat Klein begonnen, als Ingenieur im Atomreaktor Rheinsberg in Brandenburg. Nach dem Ende der DDR ging er nach Stade, seitdem ist er hier. Klein hat die Zeiten erlebt, als die Atomkraft eine innovative Technologie war, wie sie dann zur Geldmaschine wurde und schließlich in Verruf geriet. Und so wrackt er jetzt nicht nur einen Betonkoloss ab, sondern irgendwie auch seinen Lebensinhalt.

Zwar gibt es aufmunternde Rechnungen von Beratern, die all jenen, die sich um den Abbau der deutschen Atomkraft verdient machen, eine glänzende Zukunft prophezeien. Laut McKinsey zum Beispiel stehen in den kommenden 15 Jahren weltweit 250 nukleare Kraftwerksblöcke an 142 Standorten weltweit zum Abriss, jedes im Volumen von fast einer Milliarde Euro. Anbietern, die in Deutschland Erfahrung in diesem seltenen Gewerbe gesammelt hätten, stehe dieser einmalige Markt nahezu konkurrenzlos offen. Doch das ist für die Arbeiter in Stade nur ein schwacher Trost.

„Das ist nicht so leicht für die Menschen hier, auch für mich nicht“, sagt Klein, als er nach dem Rundgang noch in die Kantine einlädt. Hier wäre immer noch Platz für alle 370 Mitarbeiter, die während der Betriebsjahre im Kraftwerk arbeiteten. Auch die Informationsposter über die technischen Finessen von Atomkraftwerken, die historischen Fotos vom Bau des Kraftwerks, aus allem hier spricht der Stolz, Teil der modernen Welt zu sein. Und zugleich spürt jeder, das nichts davon mehr wahr ist.

„Viele haben das nicht ausgehalten, haben sich in den Vorruhestand verabschiedet oder sich in die noch laufenden Betriebe verabschiedet“, erzählt Klein, auf dessen Overall noch das E.On-Logo prangt, dabei firmieren die Atomkraftwerke längst unter der Marke Preussen Elektra.

„Das Teil tut es ja noch“, sagt Klein. Doch woher sollen Mitarbeiter ihren Ansporn ziehen, wenn ihre Jahrhundertaufgabe noch nicht mal einen Satz neue Klamotten wert ist?

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