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Auf eine Zigarre mit… Ludwig Erhard Was hätte der Vater der Sozialen Marktwirtschaft zu den Problemen von heute zu sagen?

Ludwig Erhardt Quelle: Getty Images

Lebte er heute noch, was würde der ehemalige Bundeswirtschaftsminister und Kanzler Ludwig Erhard wohl zu den wirtschaftspolitischen Problemen und Verwerfungen der heutigen Zeit zu sagen? Ein (fiktives) Interview mit dem Gründervater der Sozialen Marktwirtschaft – zitiert aus seinen Schriften und zum Teil wenig bekannten Reden.

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Ludwig Erhard (1897-1977) war von 1949 bis 1963 Bundeswirtschaftsminister und von 1963 bis 1966 deutscher Bundeskanzler. Der CDU-Politiker gilt als Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft und des deutschen Wirtschaftswunders nach dem Krieg.

WirtschaftsWoche: Herr Erhard, das Vertrauen der Deutschen in die Marktwirtschaft scheint zu erodieren, der Staat ist in fast allen Bereichen auf dem Vormarsch. Hand aufs Herz: Haben Sie sich geirrt?
Ludwig Erhard: Es ist eine merkwürdige Erscheinung, dass in dem gleichen Maße, in dem der Wohlstand um sich greift und wächst, in dem für alle die soziale Sicherheit zunimmt, die Menschen eigentlich immer unruhiger werden und sich nicht zufrieden geben wollen mit dem, was sie in so überraschend kurzer Zeit wieder errungen haben. Als ich im Jahr 1948 in Deutschland die entscheidenden Maßnahmen der Wirtschaftsreform vollzog, gehörte auch Selbstvertrauen und der Blick in die Weite dazu, um des rechten Weges gewiss sein zu können.

Und was ist der rechte Weg?
Namentlich die soziale Marktwirtschaft, deren tiefer Sinn darin liegt, das Prinzip der Freiheit auf dem Markt mit dem des sozialen Ausgleichs und der sittlichen Verantwortung jedes Einzelnen dem Ganzen gegenüber zu verbinden. Alle Zwangsformen der Wirtschaft sind im Grunde genommen, auch wenn sie materiell vielleicht erfolgreich sein können, unmoralisch. Der Staat, der entgegen den marktwirtschaftlichen Gegebenheiten durch willkürliche und künstliche Preisbindungen die soziale Ordnung und Ruhe gewährleisten zu können glaubt, handelt in Wahrheit unsozial.

Das sehen in Deutschland nicht wenige Vertreter aus Politik und Medien anders.
Wohl ist es verständlich, dass dem einfältigen Gemüt mechanische Bewegungsvorgänge leichter verständlich sind als funktionelle Zusammenhänge – und daher kommt es wohl auch, dass Laien nur allzu gern glauben, die Ordnung und Lenkung der Wirtschaft nach einem idealen Plan durch behördlichen Befehl würde zu größerer Vollkommenheit führen als der sicher viel undurchsichtigere Ausgleich der ökonomischen Kräfte durch den Markt.

Welche Rolle billigen Sie dem Staat im Wirtschaftsprozess denn überhaupt zu?
Es ist eine der wichtigsten Aufgaben des auf einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung beruhenden Staates, die Erhaltung des freien Wettbewerbs sicherzustellen. Das erfolgversprechendste Mittel zur Erreichung und Besicherung jeden Wohlstandes ist der Wettbewerb. Er allein führt dazu, den wirtschaftlichen Fortschritt allen Menschen, im Besonderen in ihrer Funktion als Verbraucher, zugutekommen zu lassen, und alle Vorteile, die nicht unmittelbar aus höherer Leistung resultieren, zur Auflösung zu bringen. Auf dem Wege über den Wettbewerb wird im besten Sinne des Wortes eine Sozialisierung des Fortschritts und des Gewinns bewirkt und dazu noch das persönliche Leistungsstreben wach gehalten. Die Gefahr einer Beeinträchtigung des Wettbewerbs droht sozusagen ständig und von den verschiedensten Seiten her.

Wettbewerbskontrolle ist das eine. Wie stark darf sich der Staat ansonsten in die Wirtschaft einmischen?
Es ist nicht Aufgabe des Staates, unmittelbar in die Wirtschaft einzugreifen, jedenfalls nicht so lange, als die Wirtschaft selbst diesen Eingriff nicht herausfordert. Auch passt es nicht in das Bild einer auf unternehmerischer Freizügigkeit beruhenden Wirtschaft, wenn sich der Staat selbst als Unternehmer betätigt. Das demokratische Grundrecht der Konsumfreiheit muss seine logische Ergänzung in der Freiheit des Unternehmers zu finden, das zu produzieren oder zu vertreiben, was er aus den Gegebenheiten des Marktes, das heißt aus den Äußerungen der Bedürfnisse aller Individuen als notwendig und erfolgversprechend erachtet. Konsumfreiheit und die Freiheit der wirtschaftlichen Betätigung müssen im Bewusstsein jedes Staatsbürgers als unantastbare Grundrechte empfunden werden. Gegen sie zu verstoßen, sollte als ein Attentat auf unsere Gesellschaftsordnung geahndet werden. Demokratie und freie Wirtschaft gehören logisch ebenso zusammen wie Diktatur und Staatswirtschaft.

Aber kann es totale Freiheit ohne Ethik und Verantwortung geben?
Die Freiheit darf nicht zu einem Götzendienst werden, ohne Verantwortung, ohne Bindung, ohne Wurzeln. Denn ohne Zweifel droht die Freiheit für sich ohne Ordnung im Chaotischen zu enden.

Viele Unternehmer in Deutschland fühlen sich überreguliert und von der Politik gegängelt. Nehmen Sie die Kritik ernst – oder folgt diese eher dem Sprichwort: „Die Klage ist des Kaufmanns Lied“?
In einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung ist der selbstständige freie Unternehmer einer der tragenden Pfeiler. Der Unternehmer hat die Verantwortung für seinen Betrieb, dort kann er mit Fug und Recht fordern, dass sein Handeln von staatlicher Weisung oder Gängelung frei bleibt, dass ihr also echte unternehmerische Freiheit und Freizügigkeit genießt und üben darf. Ich bin der erste, der den Unternehmer in dieser Forderung unterstützt. Die Verantwortung für die Wirtschaftspolitik aber hat allein der Staat zu tragen. Wir wissen, wohin es führt, wenn man diese beiden Funktionen miteinander vermengt.

Das heißt: Sie mögen keine Lobbyisten.   
Die Organisationswut ist ein Zeichen unserer Zeit. Das Funktionärsunwesen gibt dem gesellschaftlichen Leben sein Gepräge. Man kann nicht auf der einen Seite dem Staat sagen, dass er sich wirtschaftlicher Tätigkeit enthalten möchte, dann aber, wenn es gerade passt, die Hilfe des Staates anrufen. Das Interesse der Unternehmer an der Wirtschaftspolitik ist zwar gewiss legitim und folglich auch ihr Anliegen auf Anhörung. Aber sie haben nicht selbst und auch nicht in ihren Organen Wirtschaftspolitik zu treiben. Wir werden die großen Zukunftsaufgaben der deutschen Politik nur meistern können, wenn die gesellschaftliche Kraft der Verbände nicht ausschließlich den eigenen Interessen nutzbar gemacht wird.

Manche Kritiker sagen, Ihre wirtschaftlichen Vorstellungen seien neoliberal…
…ich zähle mich zu den Ordoliberalen…

„Das mir vorschwebende Ideal beruht auf der Stärke“

.. und seien an aktiver Sozialpolitik nicht übermäßig interessiert.
Ich fühle mich nicht als Interessenvertreter der besitzenden Schichten, insbesondere nicht als Interessenvertreter der Industrie oder des Handels. Eine solche Annahme wäre völlig irrig. Verantwortlich zu sein für die Wirtschaftspolitik heißt, Verantwortung gegenüber dem ganzen Volk zu tragen. Ich bin zutiefst überzeugt, dass wir die schweren Probleme, vor denen wir stehen, nur lösen können, wenn es uns gelingt, mit der Marktwirtschaft nicht etwa nur einzelne Schichten zu begünstigen, sondern der Masse unseres Volkes durch höchste Anstrengung und immer mehr gesteigerte Leistung einen würdigen Lebensstandard zu sichern und diesen fortlaufend zu bessern.

Welche Art von Sozialstaat schwebt Ihnen denn vor?
Ich bin erschrocken, wie übermächtig der Ruf nach kollektiver Sicherheit im sozialen Bereich erschallte. Falls diese Sucht weiter um sich greift, schlittern wir in eine gesellschaftliche Ordnung, in der jeder die Hand in der Tasche des anderen hat. Das mir vorschwebende Ideal beruht auf der Stärke, dass der Einzelne sagen kann: Ich will mich aus eigener Kraft bewähren, ich will das Risiko des Lebens selbst tragen, will für mein Schicksal selbst verantwortlich sein.

Nicht ohne seine Zigarre
Karikatur Ludwig Erhard hält ein Schwert über die symbolischen Kartelle. Quelle: INSM-Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft
Karikatur Konrad Adenauer erklärt Ludwig Erhard, der eine fortschrittliche Rechenmaschine vor sich stehen hat, mit einem Abakus Ökonomie. Quelle: INSM-Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft
Karikatur Ludwig Erhard betrachtet seinen "Baby"-Bauch, der aus einer D-Mark besteht, im Spiegel. Quelle: INSM-Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft
Karikatur Ludwig Erhard balanciert auf zwei Federn, auf denen "Löhne" und "Preise" steht. Quelle: INSM-Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft
Karikatur Ludwig Ehrhard erwächst aus Trümmern, auf seiner Zigarre steht "DM". Quelle: INSM-Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft
Ludwig Erhard als Diskuswerfer, der die D-Mark wirft. Quelle: INSM-Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft
Karikatur Der Bundestag als wildes Klassenzimmer, Ludwig Ehrhard ist der Lehrer, auf dessen Stuhl zwei Reißzwecken liegen. Quelle: INSM-Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

Viele Politiker und auch manche Ökonomen würden die Schuldenbremse des Grundgesetzes gerne aufweichen, Zukunftsinvestitionen auf Pump finanzieren und Sozialleistungen erhöhen. Finden Sie das gut?
Jeder Versuch, im Zeichen vermeintlicher Wohlfahrt aus wohltätiger Gesinnung mehr Geld auszugeben, als dem Fiskus aus Einnahmen zufließt, verstößt gegen gute und bewährte Grundsätze. Der sozialen Fürsorge ist auch nicht damit gedient, durch immer höhere Steuerbelastungen die Produktivität zu schmälern oder auch durch fragwürdiges Finanzgebaren die Volkswirtschaft immer stärker zu verschulden. Auch diese Schulden müssen einmal zurückgezahlt werden.

Konjunkturell gibt es gerade vor allem eine Sorge – die stark steigende Inflation. Übertreiben die Mahner?
Das Bemühen um ein stabiles Preisniveau steht an der Spitze der wirtschaftlichen Rangordnung. Wir alle sollten uns bei jeder Entscheidung dieser schweren Verantwortung bewusst sein, handelt es sich dabei doch um eine Aufgabe, die keine Regierung zu keinem Zeitpunkt als endgültig gelöst ansehen kann. Eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung kann sich nicht allein am Wachstum, sondern muss sich nicht minder auch am Ziel der Stabilität der Währung orientieren. Die soziale Marktwirtschaft ist ohne eine konsequente Politik der Preisstabilität nicht denkbar. Nur diese Politik gewährleistet auch, dass sich nicht einzelne Bevölkerungskreise zulasten anderer bereichern. Solche Versuche haben gerade in jüngster Vergangenheit vielfache Ausprägungen erfahren.

Was meinen Sie damit?
Hier seien zum Beispiel die Vereinbarungen der Sozialpartner erwähnt, deren Effekt bereits dahin geführt hat, dass Lohnerhöhungen den Produktivitätsfortschritt übersprungen haben und damit gegen den Grundsatz der Preisstabilität verstoßen.

Tarifpolitik, gutes Stichwort. Mögen Sie Gewerkschaften?
Ich weiß sehr wohl, dass wir in den Mitteln, in den Verfahren, nicht immer einer Meinung sind. Aber das eine möchte ich ganz deutlich herausstellen. Dass wir in den materiellen Zielen ganz bestimmt einiggehen – nämlich dem Ziel, der deutschen Wirtschaft zu dienen. Wenn ich sage, der deutschen Wirtschaft, dann meine ich hier nicht etwa nur die Industriellen, die Händler, die unternehmerischen Berufsstände, sondern ich meine den wirtschaftenden Menschen in seiner Gesamtheit.

In der Tarifpolitik sind auch Arbeitszeitverkürzungen wieder en vogue. Die Linkspartei fordert gar die 30-Stunden-Woche. Kann es sich das Industrieland Deutschland leisten, weniger zu arbeiten?
Lassen Sie mich ein offenes Wort sprechen: Wir müssen uns entweder bescheiden oder mehr arbeiten. Die Arbeit ist und bleibt die Grundlage des Wohlstandes.

Allerdings verändert sie sich gerade dramatisch. Die Digitalisierung führt vielfach zu einer Disruption der Arbeitswelt. Was bedeutet das für die Politik?
Der technische Fortschritt im Bereich der Wirtschaft wird mehr und mehr auch zu einem bildungspolitischen Problem. Der Bedarf an qualifizierten Fachkräften wird mehr und mehr fühlbar. Je moderner und fortschrittlicher Wirtschaft und Technik sind, umso breiter und tiefer müssen Bildung und Erziehung der Menschen angelegt und ausgerichtet sein, damit der Fortschritt uns nicht erdrückt, sondern wir ihn bewältigen. Je komplizierter die technischen Apparaturen und das Zusammenspiel der Kräfte in der Wirtschaft werden, umso höher wachsen die Anforderungen, die auf manuellem, geistigen und auch auf charakterlichem Gebiet an den Menschen gestellt werden.

Blicken wir auf die Welt und die Globalisierung. Wie gefährlich ist der weltweit steigende Protektionismus für unseren Wohlstand?
Liberalisierung wie Multilateralisierung eröffnen den Weg für einen ökonomisch vernünftigen Lauf des Warenstroms. Diese freiheitlichen Grundsätze dürfen auch bei der Anwendung der sonstigen Instrumente des Außenhandels nicht verleugnet werden. Darum habe ich seit Langem den Abbau aller Exportvergünstigungen angestrebt. Subventionen dieser Art sind, in welcher Form sie auch immer auftreten mögen, zu missbilligen, weil sie fast notwendig Zwietracht und Misstrauen auslösen müssen. Das Verlangen nach Beseitigung aller Handelshemmnisse muss naturgemäß auch in der Zollpolitik seinen Niederschlag finden.

Was bedeutet das für den eskalierenden Konflikt zwischen dem Westen und China?

Je weniger der Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen den Staaten als Instrument staatlicher Politik gehandhabt wird, desto geringer ist auch die Gefahr einer Vergiftung der internationalen Atmosphäre.

Quellen:
 * Rede auf dem Gründungskongress des Deutschen Gewerkschaftsbunds, 12. Oktober 1949
* Rede auf dem Bundesparteitag der CDU in Goslar, 22.10.1950

  • Wohlstand für alle, Erstauflage 1957, Anaconda-Verlag 2009
  • Rede vor dem Schweizerischen Institut für Auslandsforschung in Zürich, 20.3.1956
  • Radioansprache zur wirtschaftspolitischen Lage am 15. September 1956
  • Gastbeitrag für „Der Volkswirt“, Ausgabe 33, 17.8.1957
  • Rede in der Stadthalle Heidelberg am 17.5.1961
  • Rede vor dem evangelischen Arbeitskreis der CDU/CSU in Hamburg, 2. Juni 1961

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