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Ausbildung Die Wiederentdeckung der beruflichen Bildung

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Allein in NRW fehlen 2000 Lehrer

Seine Vorsitzende Monika Reusmann hat errechnet, dass in Deutschland jährlich 1200 Lehrkräfte der gewerblich-technischen Fachrichtungen fehlen. Bei anhaltendem Trend könne, so folgert sie, innerhalb von 10 Jahren der Fachunterricht von 750.000 Auszubildenden nicht mehr gedeckt werden.

Allein in Nordrhein-Westfalen fehlen nach Reusmanns Berechnungen bis zum Jahr 2023 ungefähr 2000 Lehrer in den gewerblich-technischen Fachrichtungen. In den meisten anderen Bundesländern sieht es, so sagt sie, nicht viel anders aus. Seit Jahren schon flickschustern die Kultusministerien an diesem Mangel mit Hilfslösungen herum, indem sie Seiteneinsteiger, also Ingenieure oder Meister aus der Wirtschaft vor Azubi-Klassen setzen, die kein Lehramtsstudium absolviert haben, also keine oder kaum pädagogische und didaktische Kenntnisse mitbringen. Eine etwas fortgeschrittene Notlösung probiert man in Nordrhein-Westfalen seit 2015 aus. Studenten technischer Fächer an der Universität Wuppertal können nach erfolgreichem Bachelor-Abschluss einen Studiengang zum „Master of Education“ machen, währenddessen sie eine halbe Stelle als Lehrer an einer berufsbildenden Schule wahrnehmen. Ein Seiteneinstieg während des Studiums also.

Reusmann begrüßt solche Initiativen zwar. Doch solange sie im Umfang (das Wuppertaler Modell betrifft kaum mehr als zwanzig Studenten) derart begrenzt blieben und außerdem meist politischen Sparzwängen gehorchten (die unterrichtenden Master-Studenten verdienen rund ein Viertel weniger), seien sie keine Lösung: „Wir brauchen nicht irgendwen. Lehrkräfte an Berufskollegs müssen solide ausgebildet werden. Dazu gehört ein universitäres Studium mit einem anschließenden gut strukturierten Referendariat.“

Striche zählen und Werte ablesen

Das Problem sei, dass sich zu wenige Studienanfänger für ein grundständiges Lehramtsstudium technischer Fächer für berufsbildende Schulen entscheiden und zugleich die entsprechenden Studiengangangebote der Hochschulen zurückgestutzt wurden. Auch hier: eine Abwärtsspirale, die zu stoppen entscheidend für den Erfolg der Fachkräftesicherung in Deutschland sein dürfte. Allein mit Notlösungen, Werbeaktionen und Wertschätzungsäußerungen wird der drohende Niedergang der beruflichen Bildung nicht aufzuhalten sein, fürchtet Reusmann. Zur Revitalisierung der Lehramtsausbildung an den Hochschulen haben sie und ihr Verein 2017 im Rahmen einer Enquete-Kommission des nordrhein-westfälischen Landtags verschiedene Maßnahmen vorgeschlagen. Unter anderem die Bündelung der Lehramtsausbildung auf wenige Schwerpunkthochschulen und den Ausbau der inzwischen bestehenden Lehramtsausbildungen in Fachhochschulen.

Vor allem aber sei eines notwendig, um die Attraktivität des Lehramts an berufsbildenden Schulen wiederherzustellen und so auch die Nachfrage nach entsprechenden Lehramtsstudiengängen an Universitäten anzukurbeln. Das Lehramt müsse halbwegs mit den Verdienstmöglichkeiten in der freien Wirtschaft mithalten können. Also: „Wir brauchen eine Mangelfachzulage“, sagt Reusmann.

Politisch schwieriger als die letztlich durch Geld lösbare Aufgabe der Wiederbelebung der Attraktivität des Lehramtes in der beruflichen Bildung, dürfte die Korrektur des Trends zur fortschreitenden Akademisierung werden. Da gibt es nämlich auch mentale Blockaden, die sich seit Pichts Zeiten eingefahren haben. Gerade für Sozialdemokraten ist „Aufstieg“ ein Begriff mit fast religiöser Bedeutung. Und mit diesem Versprechen verband man in der Regel den politisch geebneten Weg für immer breitere Teile der jungen Generation an die Hochschulen.

Dass sich dieses Versprechen mittlerweile zum guten Teil selbst entwertet hat, zeigen die mit der Akademisierung angestiegenen Studienabbrecherquoten, die diejenigen der Azubis noch übertreffen. In bestimmten Fachrichtungen, gerade in Mathematik, Natur- und Ingenieurwissenschaften sind es rund 40 Prozent. Vermutlich würde vielen dieser Abbrecher nicht nur ein erheblicher zeitlicher und finanzieller Aufwand, sondern auch eine große Enttäuschung erspart, wenn man ihnen nicht allerorten die Erzählung von „Aufstieg durch (akademische) Bildung“ vorgesetzt hätte.

Die Wiederentdeckung der beruflichen Bildung offenbart also wohl auch einen schmerzlichen politischen Lernprozess. Immerhin: Dass Regierungspolitiker zur Einsicht in grundlegende Fehlsteuerungen in der Lage sind und eine Kurskorrektur zumindest versuchen, ist ein Phänomen, das auf anderen Politikfeldern so gut wie unbekannt ist.

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