Ausbildung Die Wiederentdeckung der beruflichen Bildung

Quelle: imago

Jahrzehntelang wurde die berufliche Bildung durch die forcierte Akademisierungspolitik vernachlässigt. Nun machen sich Arbeitgeber, Gewerkschaften und sogar das Bundespräsidentenpaar stark, um sie wiederzubeleben.

Militärisches Vokabular ist im pazifistischen deutschen Politikbetrieb eigentlich selten geworden. Das gilt aber nicht für „Offensiven“. Im Koalitionsvertrag werden gleich mehrere eingeleitet. Unter anderem eine „für Bildung, Forschung und Digitalisierung“. Das jüngste Schlachtfeld: die berufliche Bildung. Wie einig man sich parteiübergreifend ist, belegt die Tatsache, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender hier vorneweg marschieren wollen. Sie übernehmen die Schirmherrschaft der „Woche der beruflichen Bildung“ (16. bis 20. April). Büdenbender verkündete im Interview mit dem Handelsblatt, dass sie ihre Rolle als Erste Dame der Republik dem Zweck widmen werde, „das Thema bekannter machen“.  Denn „Berufsschulen und Lehrberufe“ hätten „nicht die Wertschätzung, die ihnen gebührt“.

Da hat sie zweifellos Recht. Doch es geht nicht nur um gesellschaftliche „Wertschätzung“. Der Grund dafür, dass die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (IHK), der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) mit Unterstützung der Kultusministerkonferenz der Länder und des Bundespräsidenten eine solche Werbeveranstaltung großen Ausmaßes durchführen, ist eine seit Jahrzehnten von der deutschen Bildungspolitik bewusst oder zumindest fahrlässig herbeigeführte falsche Politik. Diese soll nun korrigiert oder zumindest abgemildert werden.

Seit den 1960er Jahren war die Expansion des Abiturs und der akademischen Bildung das große Ziel der Bildungspolitik. Unter der „Bildungskatastrophe“, die der Religionsphilosoph und Pädagoge Georg Picht 1964 in einem damals aufsehenerregenden Buch anprangerte, verstand man seither den angeblichen Mangel an akademisch gebildeten Menschen in Deutschland. Mit Pichts Buch begann die Geschichte des ökonomisch argumentierenden Bildungsalarmismus, der in der seither florierenden Disziplin der „Bildungsökonomen“, in der OECD und später in der Bertelsmann-Stiftung eine Quelle immer neuer wissenschaftlicher Rechtfertigung fand. Die Nation, die gerade ein Wirtschaftswunder vollbracht hatte, wirft sich seither lustvoll vor, den Anschluss zu verlieren, weil in anderen Ländern mehr junge Leute studieren. In der Politik, vor allem sofern sie von Steinmeiers sozialdemokratischen Parteifreunden in den Bundesländern geprägt wurde, fand der Akademisierungseifer willige Umsetzer. 

Das Ergebnis ist eine Abiturientenquote jüngerer Jahrgänge von mittlerweile deutlich über 50 Prozent. Zu Pichts Zeiten waren weniger als zehn Prozent eines Jahrgangs studienberechtigt, noch in den frühen 1990er Jahren waren es kaum mehr als 30 Prozent. Entsprechend stieg auch der Anteil der Studierenden: 1995 studierten laut Destatis 25,8 Prozent eines Jahrgangs, zwanzig Jahre später 55,7 Prozent. Jahrelang wurde diese Entwicklung in Ministerien durch die explizite Senkung der Hürden zwischen den Schulformen (unter anderem durch Aufweichung oder Aufhebung der verpflichtenden Gymnasialempfehlung in den meisten Bundesländern) und eine implizite Senkung des Niveaus angefeuert. Eine Nebenwirkung davon war die wundersame Verbesserung der Abiturnoten in wenigen Jahren („Noteninflation“), die mit zunehmenden Klagen von Professoren über die mangelnde Studierfähigkeit vieler Studienanfänger einhergeht.

Erst seit wenigen Jahren ist auch aus der Wirtschaft ein Unbehagen angesichts dieser Entwicklung zu vernehmen. Angesichts sinkender Bewerberzahlen für Berufsausbildungen – laut Bundesagentur 401 000 zwischen Oktober 2017 und März 2018, minus 10 Prozent zum Vorjahr – und steigender Ausbildungsangebote (456 000, plus 15 Prozent) scheint man in Verbänden und Ministerien nun endlich zu realisieren: Wo es immer mehr Studierende gibt, muss zwangsläufig der Anteil der jungen Menschen in beruflicher Ausbildung abnehmen. Die Folge ist ein Mangel an Fachkräften im Handwerk und in vielen gewerblich-technischen Berufen.

Dazu kommt: Mehr als jeder vierte Auszubildende bricht seine Lehre vor der Abschlussprüfung ab, wie die „Süddeutsche Zeitung“ unter Berufung auf den Entwurf für den Berufsbildungsbericht 2018 meldet. Bei den Berufen Koch, Restaurantfachkraft und Friseur ist es sogar etwa jeder Zweite.

Am höchsten sei der Anteil der Abbrecher im Sicherheits-Gewerbe mit 50,6 Prozent, am niedrigsten mit 4,1 Prozent bei angehenden Fachangestellten in der Verwaltung. Die Vizechefin des DGB, Elke Hannack, hat eine Erklärung dafür: „Dort wo die Vergütung besonders niedrig ist, sind die Abbrecherquoten extrem hoch.“ Sie fordert die Bundesregierung deshalb auf, die geplante Mindestvergütung für Azubis schnell durchzusetzen.

Doch sind nicht allein die politisch forcierte Akademisierung und mangelnde Ausbildungsvergütung, die zur Schieflage von akademischer und beruflicher Bildung geführt haben. Sie wurde entscheidend verstärkt durch die bewusst hingenommene jahrzehntelange Vernachlässigung der berufsbildenden Schulen, an denen Auszubildende neben ihrer praktischen Arbeit in den Ausbildungsbetrieben unterrichtet werden. Sie äußert sich in einem gravierenden Mangel an Lehrernachwuchs. So signalisierte die Bildungspolitik den jungen Menschen, dass Berufsbildung keine Priorität habe, sondern eine Resterampe für diejenigen sei, die es nicht an eine Hochschule schafften. Eine Abwärtsspirale aus mangelnder Nachfrage und unattraktivem Angebot kam in Gang.

Bezeichnenderweise sind es engagierte Lehrer selbst, die sich diesem Abwärtstrend in den Weg stellen. In Nordrhein-Westfalen haben Lehrer technischer Fächer an Berufskollegs 2014 den Verein „Teachmint“ gegründet, der durch Lobbyarbeit bei der Düsseldorfer Landesregierung auf sich aufmerksam machte.

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