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BA-Chef Frank-Jürgen Weise "Ich entschuldige mich präventiv"

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Arbeitsagentur Quelle: Getty Images/Bongarts

Sie liegen auch im Clinch mit dem Bundesfinanzminister, der Sie zwingen will, die sogenannte Insolvenzgeldumlage von 1,1 Milliarden Euro aufzulösen und an den Bund zu überweisen. Wie geht es weiter?

Weise: Das ist politisch entschieden: Wir sollen helfen, den Bundeshaushalt zu stabilisieren, aber unser eigenes Defizit wird dadurch noch mal eine Milliarde Euro höher. Der BA-Verwaltungsrat hat den Vorstand beauftragt, gegen die Anweisung aus Berlin zu klagen. Und das tun wir auch. Da das Insolvenzgeld von den Arbeitgebern finanziert wird, sollte es künftig – getrennt von den normalen Beitragsgeldern – in einen Sonderhaushalt fließen.

Die Zahl der Zeitarbeiter dürfte 2011 eine neue Rekordmarke erreichen. Finden Sie das gut?

Weise: Im Prinzip ja. Zu arbeiten ist immer besser, als nicht zu arbeiten. Der Anteil der Zeitarbeit an den Arbeitsstunden in Deutschland beträgt etwa 2,5 Prozent, damit liegen wir im EU-Vergleich im hinteren Bereich. Problematisch wird die Sache, wenn Zeitarbeit nicht dem Ausgleich von Kapazitätsspitzen dient, sondern Normalarbeitsverhältnisse ersetzt. Von diesem Zustand sind wir aber noch weit entfernt.

Ist Zeitarbeit eine Brücke in den regulären Arbeitsmarkt, oder wird dieser Klebeeffekt überschätzt?

Weise: Eine Untersuchung unserer Arbeitsmarktforscher kommt auf sieben bis zehn Prozent. Das klingt wenig. Die Zahl jener, die über das Sprungbrett Zeitarbeit einen festen Job finden, ist aber deutlich höher, wenn man indirekte Effekte einbezieht. Wenn jemand als Zeitarbeiter etwa bei BMW war und gute Referenzen vorweisen kann, hilft ihm das, wenn er sich bei anderen Unternehmen bewirbt. Dieser Effekt lässt sich nur leider nicht messen.

Brauchen wir einen Mindestlohn in der Zeitarbeit?

Weise: Der Mindestlohn ist ein Instrument, bei dem wir die Folgen beachten müssen. Ist er zu niedrig, hat er keine Wirkung. Ist er zu hoch, kostet er Arbeitsplätze.

Kritiker warnen, dass im Zuge der Arbeitnehmerfreizügigkeit ab Mai bei der Zeitarbeit ausländische Billigkonkurrenz droht. Ist die Sorge berechtigt?

Weise: Ja. Wir wissen, dass deutsche Zeitarbeitsfirmen derzeit Niederlassungen in Polen gründen. Das muss die Politik im Auge behalten und gegebenenfalls einschreiten. Insgesamt aber dürfte die Arbeitnehmerfreizügigkeit keinen übermäßigen Druck auf den deutschen Arbeitsmarkt entfachen. Viele Wanderungswillige aus Osteuropa sind längst weg, etwa in Großbritannien.

Kann die Freizügigkeit denn dann helfen, den Fachkräftemangel zu beheben?

Weise: Sie kann das Problem lindern, aber nicht lösen. Für hoch qualifizierte Osteuropäer gibt es mittlerweile auch gute Jobs zu Hause – viele deutsche Firmen sind ja auch schon gen Osten gezogen.

In der Zuwanderungsdebatte heißt es vor allem aus SPD und CSU, Politik und Wirtschaft sollten sich erst mal darum kümmern, einheimische Arbeitslose zu Fachkräften auszubilden. Geht das?

Weise: Für mich als BA-Chef ist die Priorität, inländische Erwerbslose in Arbeit zu bringen. Allerdings kann ich den Bedarf an höher qualifizierten Arbeitskräften nicht aus dem Arbeitslosenbestand decken.

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