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BA-Chef Frank-Jürgen Weise "Ich entschuldige mich präventiv"

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Und warum nicht?

Weise: Bestimmte Qualifikationen lassen sich nicht schnell „herbeischulen“. Zudem sind unter den Arbeitslosen Menschen, die von ihrer Leistungsfähigkeit in Unternehmen nicht gefragt sind. Wir leisten uns in Deutschland die europaweit härteste Definition von Arbeitslosigkeit. Bei uns gilt als arbeitsfähiger Erwerbsloser, wer drei Stunden am Tag arbeiten kann. Ich halte das für richtig, aber damit wäre man in den Niederlanden, der Schweiz oder Großbritannien berufsunfähig. Welcher Arbeitgeber stellt gerne Leute ein, die nur drei Stunden arbeiten können?

Die BA hat in der vergangenen Woche einen Vorschlagskatalog gegen den Fachkräftemangel präsentiert. Dazu zählt auch die Anhebung der Wochenarbeitszeit auf 44 Stunden. Ist das ernst gemeint?

Weise: Das ist eine von insgesamt zehn Möglichkeiten, die wir sehen, das vorhandene Potenzial stärker zu nutzen. Daneben geht es auch um gezielte Zuwanderung oder eine bessere Aktivierung von Frauen und Älteren. Wir wollen eine Diskussion anstoßen. Politik, Unternehmen und Gewerkschaften müssen entscheiden, welcher Weg gegangen werden soll. Die BA kann nur beschreiben und sagen: Es muss etwas geschehen.

In Deutschland sind 33 Prozent der Arbeitslosen länger als zwölf Monate ohne Job. Im EU-Vergleich ist das viel. Sind die Anreize zur Arbeitsaufnahme trotz aller Reformen zu niedrig?

Weise: In der Vergangenheit gab es eindeutig falsche Anreize, etwa zum Vorruhestand. Das ist heute vorbei. Die Frage, welche Arbeit wir für zumutbar halten, ist eine andere. Junge Menschen müssen schon jetzt jeden Job in jeder Region annehmen. Bei Menschen mit Kindern gilt das nicht. Die Zumutbarkeitskriterien sind eine Frage des Maßes. Die muss politisch ausgehandelt werden.

Was empfehlen Sie?

Weise: Von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen sind vor allem Alleinerziehende sowie Menschen ohne Schul- und Berufsausbildung. Wir brauchen mehr an die Arbeitszeiten angepasste Kinderbetreuung und mehr modulare Weiterbildung. Und wir sollten die Wirksamkeit der Arbeitsmarktprogramme überprüfen.

Ist die so schlecht?

Weise: Derzeit führt nur etwa jede zweite Maßnahme dazu, dass ein Arbeitsloser anschließend eine Beschäftigung findet. Diesen Wert wollen wir künftig auf 70 Prozent steigern.

Viele Unternehmen klagen aber, die Arbeitsagenturen würden ihnen häufig unpassende Bewerber schicken.

Weise: Ich kann diese Kritik nachvollziehen. Früher wurden Bewerbungen mehr oder weniger ungefiltert zu den Betrieben geschickt. Das haben wir abgestellt. Vor allem größere Unternehmen geben uns mittlerweile bessere Noten...

...weil sich die Arbeitsagenturen bei Konzernen mehr Mühe geben als bei Mittelständlern?

Weise: Nein, aber bei Konzernen können wir mehr offene Stellen akquirieren und wie ein Personalberater innerhalb von 48 Stunden passende Kandidaten präsentieren. Im Mittelstand ist das schwieriger, weil unser Arbeitgeberservice nicht so häufig Firmen besuchen kann, die nur drei offene Stellen im Jahr haben. Gerade im Handwerk sind wir zu wenig präsent. Da ist noch viel Potenzial. Insgesamt ist die Bewertung der Unternehmer besser geworden. Sollten Sie dennoch von schrecklichen Einzelfällen hören, entschuldige ich mich präventiv dafür. Ich finde es nicht akzeptabel, dass wir Zwangsbeiträge einziehen und die Betriebe am Ende nicht zufrieden sind. 

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