Baden-Württemberg: Das grüne Denkmal wackelt
Grünen-Politiker Cem Özdemir und Winfried Kretschmann
Foto: imago imagesEs gibt zwei Dinge, auf die Winfried Kretschmann möglichst nicht angesprochen werden möchte. Das eine sind seine Geburtstage und damit sein fortschreitendes Alter. Und das zweite betrifft die Frage, wer ihm denn einmal nachfolgen solle.
Beides hängt eng zusammen, denn der Ministerpräsident von Baden-Württemberg ist inzwischen 75 Jahre alt und regiert das Herzland des deutschen Mittelstands bereits seit über zwölf Jahren. Zwar steht die nächste Wahl erst im Frühjahr 2026 an, doch die Spekulationen über die Frage, wie lange er denn noch im Amt bleiben wolle (oder könne) nehmen zu. Seit geraumer Zeit versucht der einzige grüne Ministerpräsident deshalb, den lästigen Themen Alter und Nachfolge durch Spott und saloppe Sprüche auszuweichen. „Geburtstag hat jede Kuh“, lästerte Kretschmann auf dem Empfang zu seinem 75. Lebensjahr, auch wenn er dann lächelnd einräumte, dass Kühe dieses Alter niemals erreichen.
Auch liege das Thema „Thronfolge“, wie er einmal ironisch meinte, nicht in seiner Hand. „Ich bin kein Monarch und bestimme meinen Nachfolger nicht selbst“. Die grüne Partei, so Kretschmann, werde schon rechtzeitig jemanden aufstellen und dann „entscheiden das die Wählerinnen und Wähler“.
Grüne stürzen auf 20 Prozent ab
Letztere aber haben offenbar ihre Meinung verändert, denn der Rückhalt des grünen Landesvaters schwindet. Siegten Kretschmann und seine Partei bei der letzten Landtagswahl 2021 noch mit fast 33 Prozent, so liegen die Grünen jetzt in der neuesten Umfrage für Baden-Württemberg nur noch bei 20 Prozent – ein nie dagewesener Absturz in der Wählergunst.
Parallel dazu kletterte die CDU – über Jahrzehnte angestammte Regierungspartei im Ländle – auf über 30 Prozent. Ihr langjähriger Vorsitzende Thomas Strobl, der als Innenminister im Kabinett Kretschmann dient und zu den Vertrauten des MP gezählt wird, hört demnächst als Landesparteichef auf. Ihm soll der gerade einmal 35 Jahre alte Fraktionsvorsitzende Manuel Hagel nachfolgen – ein schneidiger und populärer Christdemokrat, der seinen Wahlkreis mit dem besten Ergebnis gewann und als früherer CDU-Generalsekretär tief in der Landespartei verwoben ist. Mit diesem Generationswechsel verbinden die Christdemokraten die Hoffnung, in der nächsten Landtagswahl ihre ungeliebte Rolle als Juniorpartner der Grünen ablegen zu können.
Kretschmann, so viel ist jetzt schon klar, wird dann nicht mehr antreten – im Frühjahr 2026 steht er kurz vor seinem 78. Geburtstag. Da der Erfolg der Grünen aber eng mit dem populären Landesvater zusammenhängt, wächst der Druck, ähnlich wie die CDU rechtzeitig einen Generationswechsel vorzubereiten. Der Absturz der Grünen in den Umfragen unterstreicht die Notwendigkeit noch einmal in aller Deutlichkeit. Man müsse immer schön auf dem Teppich bleiben, hatte Kretschmann einmal mahnend gesagt, „aber wir müssen auch darauf achten, dass der Teppich fliegt“.
Das wird ohne ihn schwierig. Bei den beiden vergangenen Landtagswahlen reichte es aus, den Satz zu plakatieren: „Grün wählen heißt Kretschmann wählen“. Beim nächsten Mal, so witzelt einer, könne man ja variieren: „Grün wählen nach Kretschmann“.
Kretschmanns Ziehsohn scheiterte an sich selbst
Über potenzielle Nachfolger wird deshalb mit wachsender Spannung geredet, hängt doch von der Person des Spitzenkandidaten das künftige Schicksal der Bündnisgrünen als Regierungspartei und bestimmende Kraft im Land ab. Genannt werden Finanzminister Danyal Bayaz, der Fraktionsvorsitzende Andreas Schwarz und Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir. Bayaz, der mit der grünen Fraktionsvorsitzenden im bayerischen Landtag Katharina Schulze liiert ist und ein gemeinsames Kind hat, gilt als smart und gut vernetzt. Aus seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter pflegt der 39 Jahre alte Finanzfachmann auch noch enge Kontakte nach Berlin.
Zum Kreis der Nachfolger gehört ferner Andreas Schwarz. Dem 43-jährigen Wirtschaftsjuristen, der bereits seit 2016 die Landtagsfraktion in Stuttgart führt, wird inhaltliche Brillanz zugebilligt. Aber nicht wenige finden, dass es Schwarz an Charisma mangele. Die Tageszeitung „taz“, die der Ökopartei durchaus zugeneigt ist, bezeichnet ihn einmal als „grüne Büroklammer“.
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Definitiv nicht mehr dabei im Kreis der Favoriten ist Boris Palmer. Lange galt der wortgewaltige Tübinger Oberbürgermeister als politischer Ziehsohn von Kretschmann. Aber mit seinen provokanten Äußerungen zu Migranten und zur Flüchtlingspolitik ist Palmer in grünen Kreisen nicht mehr vermittelbar. Auch Verkehrsminister Winfried Hermann zählt nicht mehr zur grünen Enkelgeneration. Mit 70 Jahren, so Hermann, sei er für die Nachfolge des Ministerpräsidenten einfach zu alt.
Sein Lebenstraum war Außenminister
Als Favorit gilt vielen Cem Özdemir. Der 57 Jahre alte „anatolische Schwabe“, wie er sich selbst gerne bezeichnet, ist in letzter Zeit auffallend oft in Baden-Württemberg unterwegs, sei es zu Heimspielen des VfB Stuttgart oder zu Terminen als Bundeslandwirtschaftsminister. Özdemir, der die Grünen jahrelang als Bundesvorsitzender führte und die Partei wie wenige andere kennt, streitet – anders als früher – Ambitionen im Ländle nicht mehr ab. Aber er gibt sich äußerst zurückhaltend, wenn es konkret wird.
Hintergrund ist die Tatsache, dass Özdemir trotz großer Bekanntheit die besten Zeiten bei den Grünen hinter sich hat. Mittlerweile muss er sich im Kräftegefüge der Partei dem Führungsduo Annalena Baerbock und Robert Habeck unterordnen. Außerdem war Özdemirs politischer Lebenstraum nicht die Villa Reitzenstein, der Sitz von Ministerpräsident und Landesregierung in Stuttgart, sondern das Auswärtige Amt in Berlin. Doch selbst wenn die Grünen bei der nächsten regulären Bundestagswahl im Herbst 2025 wieder als Koalitionspartner von SPD, FDP oder CDU/CSU zu Regierungsämtern kommen sollten – als Außenministerin wäre dann Baerbock gesetzt.
Özdemir, dem nachgesagt wird, dass das Landwirtschaftsressort nicht zu seinen Lieblingsministerien gehört, hat deshalb seinen Blick auf den heimatlichen Südwesten geworfen. Dem Vernehmen nach will er sich zum Jahreswechsel entscheiden, ob er in das Rennen um Kretschmanns Nachfolge eintritt. Die Überlegung, dass der Ministerpräsident vorzeitig an einen Nachfolger übergibt, um diesen im Wahlkampf mit einem Amtsbonus auszustatten, ist angesichts der neuen Umfragen hinfällig – die CDU würde einen solchen Wechsel nicht mehr mitmachen. Kretschmann hat deshalb deutlich gemacht, dass er seinen Job zu Ende führen will – „wenn der liebe Gott mich lässt“.
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