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Quelle: dpa

Corona und das Prinzip Zahnpasta

Die Krise lässt alle Dämme brechen. Gigantische Hilfspakete treiben Europa endgültig in die finanzielle Sackgasse – und keiner kennt den Weg zurück.

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Plötzlich sind alle weg. Selbst die Kanzlerin führt das Land vom Sofa aus. Eine ganze Republik nimmt Abstand und steuert ihren Alltag distanziert per Videokonferenz. Noch ist die Stimmung vielerorts gar nicht so schlecht. Noch gehen viele positiv mit der Situation um. Noch klingt der Running Gag „Lagerkoller“ lustig.

Doch der Preis für die Wochen im Zwangscocooning dürfte hoch sein, vielleicht höher als heute vorhersehbar. Nie zuvor wurden so viele finanzielle Tabus gebrochen wie in diesen Zeiten. Die sparsame schwäbische Hausfrau ist das prominenteste Opfer von Corona – und keiner trauert. Zu viele hielten schon vor der Krise nichts von ihr, der Rest schweigt gerade. Denn selbstverständlich darf die Bundesregierung in einer solchen Ausnahmesituation nicht kleckern, sondern muss klotzen. Da sind sich alle einig. Psychologie ist in dieser Lage alles. Die Menschen sollen spüren, dass der Staat sie nicht im Stich lässt, dass er schnell und unkompliziert hilft.

Aber brauchen denn alle Hilfe, die über das bewährte Kurzarbeitergeld hinausgeht? Wie groß werden die Mitnahmeeffekte sein? Steht die Mehrheit der Firmen nach so vielen Jahren des Booms wirklich ohne Reserven da? Können 15.000 Euro einen Zehn-Mann-Betrieb retten? Ist es gerecht, wenn der unsolide finanzierte Konkurrent plötzlich Staatshilfe bekommt? Besteht nicht die Gefahr des Overshootings, wenn Konzerne wie Siemens oder Daimler und auch viele Mittelständler bestätigen, dass sie derzeit über genügend Liquidität verfügen?

Die Frage, ob der Shutdown und die gigantischen Hilfspakete angemessen sind, lässt sich erst im Nachhinein beantworten. Klar ist jedoch, dass sich nicht nur das Virus exponentiell verbreitet, sondern bald auch die Staatsschulden in Deutschland und Europa.

Der Stabilitätspakt wurde in den letzten Jahren bis zur Unkenntlichkeit durchlöchert. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bezeichnete den Maastricht-Vertrag kürzlich gar als „Ansatz aus dem vorigen Jahrhundert“. Jetzt haben die europäischen Finanzminister dem Pakt den Rest gegeben und ihn gleich auf unbestimmte Zeit suspendiert. Einen Plan für die Wiederbelebung gibt es nicht. Eine fatale Botschaft: Im Kampf gegen Corona werfen die Verantwortlichen die wichtigsten Regeln der Währungsunion über Bord. Damit ist die Zahnpasta aus der Tube. Die Schuldenspirale dreht sich künftig ungebremst. Dagegen ist ein Lagerkoller wirklich nur ein Witz.

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