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Ein Grasfrosch sitzt im Schnee. Quelle: dpa

Der Bundesfrosch wäre als Wappentier ehrlicher

Die Autoindustrie ist endlich aufgewacht. Doch der Auslöser war nicht Innovationslust, sondern maximaler Leidensdruck – wie zu oft in diesem Land.

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Das Land feiert die Tesla-Jäger. Die Kurse von VW und Co. explodieren. CEOs predigen die E-Mobilität. Modelle wie der EQS von Daimler sollen das neue Narrativ belegen: German Engineering strikes back.

Dabei geht gerne vergessen, wie alles begann. Viel zu lange wiegten sich die Autokönige in Sicherheit. Die Verbrennertechnologie lieferte fette Margen. Und bei zu hohen Emissionswerten half eben eine Manipulation – bis der US-Sheriff kam. Doch Dieselgate alleine reichte nicht, um die Beharrungskräfte zu überwinden. Das schafften erst die strengeren Emissionsvorgaben der Politik und der Angstgegner Elon Musk.

Zum Glück arbeiten in der Vorzeigeindustrie der Republik noch viele schlaue Köpfe, die die digitale E-Wende auf die Straße bringen – sofern sich genügend Softwarespezialisten auftreiben lassen. Doch das ist nicht der Punkt. Entscheidend ist vielmehr der Auslöser für die Aufholjagd, und der steht exemplarisch für ein Kernproblem der saturierten Bundesrepublik.



Nicht die Innovationslust sorgt hierzulande für den Sprung nach vorne, sondern zu oft nur der maximale Leidensdruck. Der Geist der Besitzstandswahrung und Bedenkenträgerei durchdringt Arbeitsmarkt, Staatswesen oder verkrustete Konzernstrukturen – mit dem Effekt, dass die kreative Zerstörung hinausgeschoben oder gleich verhindert wird. Der Fokus liegt auf dem Verlustrisiko und nicht der Gewinnchance.

Die Reaktionsgeschwindigkeit im Rennen um die zukunftsfähigste Nation sinkt so auf die Stufe der Zeitlupe. Am Ende dürften sich zu viele Menschen als Frösche in einem Kochtopf wiederfinden, der langsam erhitzt wird. Nur wenige könnten noch davonkommen. Der Rest verharrt im geliebten Status quo – bis ihn die Disruption verbrüht.

Nicht mal die Pandemie kann überall den nötigen Leidensdruck für das Finden tragfähiger Lösungen aufbauen. Der aktuelle Streit um die Coronanotbremse spricht Bände. Und die Digitalisierung der Verwaltung wie etwa der Gesundheitsämter hinkt dermaßen hinterher, dass Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier über eine Eingreiftruppe aus dem IT-Vorzeigestaat Estland nachdenkt. Die viertgrößte Industrienation der Welt schafft es ohne fremde Hilfe nicht aus dem heißen Topf. Trotzdem hoffen so manche noch auf das Momentum der Krise, nicht zuletzt in der Union. Aber es wäre wohl ehrlicher, als Wappentier den Bundesadler gegen den Bundesfrosch zu tauschen.

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