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Quelle: imago images

Deutschland braucht eine grünliberale Partei

CDU und FDP sind vielen zu wenig grün. Die Grünen sind vielen zu wenig marktnah. Es ist höchste Zeit, den Wählern eine weitere Option zu bieten.

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Man hätte es schon früh sehen können. Das Narrativ von der perfekt vorbereiteten, faktensicheren Annalena Baerbock war von Anfang an eine gewagte Überhöhung. Die Kanzlerkandidatin kollidierte gerne mal mit der Wahrheit – nicht erst mit ihrem Lebenslauf oder dem Ich-muss-auch-ein-Buch-geschrieben-haben-Buch. Schon vorher sortierte sie die Welt in falsche Schubladen ein. In einer Bundestagsdebatte im vergangenen Mai redete sie etwa über entschlossenes politisches Handeln in Umbruchzeiten. In den Sechzigerjahren hätten die Sozialdemokraten die soziale Marktwirtschaft auf den Weg gebracht, sagte Baerbock. CDU-Mann Ludwig Erhard drehte im Grab gleich durch.

Der Patzer lässt tief blicken. Ausgerechnet das Erfolgsrezept des Nachkriegsdeutschlands ist für die Grünen-Chefin ein weißes Blatt Papier. Sie und ihre Partei fremdeln mit der Marktwirtschaft. Das zeigt sich auch im Wahlprogramm oder bei Co-Chef Robert Habeck, der sich sogar staatlich festgelegte Gemüsepreise oder Enteignungen von Vermietern vorstellen kann.

Die chronisch durchschimmernde Kapitalismuskritik und spaßbefreite Verzichtsrhetorik macht die Grünen für viele Deutsche nicht wählbar – obwohl sie deren Aufbruchstimmung und Ernsthaftigkeit beim Klimaschutz durchaus schätzen. Bei der Konkurrenz geht es diesen Menschen genau umgekehrt. CDU und FDP stehen für Wirtschaftsnähe, für marktbasierte Lösungen, aber nicht für Glaubwürdigkeit im Klimaschutz. Porsche-Fahrer Christian Lindner und Keine-Experimente-Armin-Laschet mühen sich, diesen Malus loszuwerden. Aber auf manche Wähler wirkt das wenig authentisch.



Doch es gibt eine Lösung. Wer hat’s erfunden? Genau, die Schweizer. Dort gründeten abtrünnige grüne Realos 2004 in Zürich die Grünliberale Partei, um in der Mitte des politischen Spektrums liberale Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik mit einem nachhaltigen Umweltschutz zu verbinden. Heute sind sie aus dem nationalen Parlament nicht mehr wegzudenken. Vielleicht sollte Christian Lindner wie im Investmentbanking bei der grünen Konkurrenz das beste Realoteam abwerben – und nicht nur Boris Palmer. Oder die grünen Realos holen sich ein paar grüne FDPler und gründen etwas Neues. Das Konzept können sie von den Schweizern kopieren. Das dürfte urheberrechtlich kein Problem sein und würde die deutsche Demokratie bereichern – mit nachhaltigem, wirtschaftlichem Sachverstand.

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