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Quelle: dpa

Die Gehaltsfrage ist der Elefant im Raum

Deutschland steckt in der Rezession. Das Konjunkturprogramm ändert das allein nicht. Der Standort braucht einen Lohnkostendeckel. Das gibt nur keiner zu.

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Optimismus klingt neuerdings so: „Der Super-Gau wird es vielleicht nicht“, sagt John Cloppenburg. Der Spross der gleichnamigen Modehändlerdynastie zieht ein erstes Fazit aus der Coronakrise. Wo vor wenigen Wochen noch Weltuntergangsszenarien durchgespielt wurden, herrscht jetzt Hoffnung auf ganz tiefem Niveau. So wie Cloppenburg geht es immer mehr Unternehmern. Der Blindflug durch den Shutdown ließ die Stimmung ins Bodenlose fallen. Nun sorgen die Lockerungen für eine neue Perspektive – und die Umsätze steigen mitunter schneller als gedacht. Bei manchen waren sie sogar nie weg.

Vieles davon hat mit Psychologie zu tun. Die ersten Bazookas der Regierung lindern den schlimmsten Schmerz traumatisierter Firmeninhaber. Das Konjunkturprogramm bespaßt nun die verunsicherten Konsumenten in einem nie dagewesenen Ausmaß, zumal die Kurzarbeiterregelung das Schlimmste sowieso verhindert.

Doch all die Maßnahmen sind endlich, auf wenige Monate beschränkt – und die Konjunkturspritze ist zu wenig angebotsorientiert ausgelegt. Es besteht akute Strohfeuergefahr. Das alles wird den Standort also nicht von der Rezession befreien. Es braucht zusätzlich deutlich mehr Wettbewerbsfähigkeit. Womit wir bei einem Elefanten im Raum wären: Sollte nicht das Gehaltsniveau der Deutschen ein Thema sein?

Der Wirtschaftsweise Lars Feld machte vor wenigen Tagen schon mal den Anfang, als er forderte, die geplante Erhöhung des Mindestlohns auszusetzen. Mindestens dasselbe muss aber auch für die Tariflöhne in verschiedenen Branchen gelten. Allen voran kämpft das verarbeitende Gewerbe im internationalen Vergleich mit einem Handicap. „Bereits im Jahr 2019 brach in Deutschland die Nachfrage deutlich ein“, schrieb vor Kurzem das Kölner IW, was bei annähernd konstanter Beschäftigung und leicht steigenden Gehältern am Ende in einer Erhöhung der Lohnstückkosten von über sechs Prozent resultierte. Gegenüber dem Euro-Raum und den USA verlor man weiter an Terrain.

Mancher in der deutschen Industrie dürfte sich heute wehmütig an die Agenda 2010 von Gerhard Schröder erinnern. Denn schon vor Corona belastete das Kostenproblem die Wettbewerbsfähigkeit. Jetzt droht es sie umzubringen. In anstehenden Tarifverhandlungen muss ein Lohnkostendeckel die neue Normalität sein. Alles andere wäre vielleicht doch der Super-Gau.

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John Cloppenburg, Mitglied der Unternehmensleitung von P&C, verrät Chefredakteur Beat Balzli und Christian Schlesiger im Podcast, wie stark der Umsatz während des Lockdowns eingebrochen ist – und was ihm Hoffnung gibt.

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