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Quelle: REUTERS

Herr Steinmeier, geben Sie uns einen Ruck!

Die Regierung gibt ein würdeloses Bild ab. Die Kanzlerin verliert Macht und Fraktionschef. Der Standort Deutschland könnte eine Ruck-Rede gebrauchen.

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Im Berliner Luxushotel Adlon ist fast alles wie immer. Mobiliar und Gäste sind erlesen, das Essen ebenfalls. Am Rednerpult steht ein Prominenter. Aber anders als sonst legt er alle Hemmungen ab. Geschont wird keiner, vor allem Deutschland nicht.

„Ich komme gerade aus Asien zurück. In vielen Ländern dort herrscht eine unglaubliche Dynamik“, erzählt er ziemlich am Anfang seiner Rede, um dann zu fragen: „Was sehe ich dagegen in Deutschland? Hier herrscht ganz überwiegend Mutlosigkeit, Krisenszenarien werden gepflegt. Ein Gefühl der Lähmung liegt über unserer Gesellschaft.“ Und in diesem Duktus geht es weiter. Er beklagt den „Bürokratismus“, warnt vor einem Zurückfallen Deutschlands und spricht von einer Gesellschaft, die von „Ängsten erfüllt“ ist. Die Bürger würden erwarten, „dass jetzt gehandelt wird“. Denn wer 100 Meter Anlauf nehme, um dann zwei Meter weit zu springen, der brauche gar nicht anzutreten.

Dieser Klartext stammt nicht vom aktuellen Chef des Bundesverbands der Deutschen Industrie. Er stammt vom verstorbenen Bundespräsidenten Roman Herzog, der die Rede am 26. April 1997 gehalten hat. Sie geht als Ruck-Rede in die Geschichte Deutschlands ein. Selten nennt ein Staatsoberhaupt die Probleme seines Landes derart schonungslos beim Namen. Er attestiert dem Land gar eine „unglaubliche mentale Depression“.

Der damalige Bundespräsident Roman Herzog am 26. April 1997 während seiner Grundsatzrede im Berliner Hotel

Die Zeiten sind damals andere, die Probleme auch, aber der Bedarf an deutlichen Worten ist heute mindestens so groß. Die Zukunftsfähigkeit des Standortes Deutschland gilt als gefährdet. Egal, ob Bildung, Breitband, Billigstrom oder fiskalische Belastung, auf keinem Feld erreicht man Weltniveau. Jetzt bröckelt auch noch die politische Stabilität. Die rassistischen Vorfälle in Chemnitz sind das eine, das erodierende Berliner Regierungssystem rund um Angela Merkel das andere. Aus Angst vor der AfD zerlegt sich die hysterische Koalition in Raten wie etwa mit der Affäre um Exverfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen. Im 13. Jahr ihrer Kanzlerschaft wirkt Merkel ausgepowert – und verliert gar ihren Fraktionschef Volker Kauder.

Bei so viel Desorientierung müsste der Mann im Bellevue seine Chance nutzen und den Deutschen mit einer neuen Ruck-Rede das Gefühl geben, dass in Berlin wenigstens einer die Peilung nicht verloren hat. Falls dem ewig leisen Diplomaten Frank-Walter Steinmeier dafür die richtig harten Worte fehlen sollten, kann er sie ja bei Herzog abschreiben.

Berliner Rede 1997 von Bundespräsident Roman Herzog



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