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Quelle: dpa

In den Vorgärten hört niemand auf Fridays for Future

Die verschärften Klimaziele bleiben vorerst reine Theorie. Denn eine Klagewelle dürfte den dafür nötigen Ausbau der erneuerbaren Energie stoppen.

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Es war allen klar, dass diese Meldung eines Tages kommen würde. Aber irgendwie wollte es keiner wahrhaben. Seit wenigen Tagen ist es amtlich. Erstmals seit Jahren schrumpft der Anteil der erneuerbaren Energien an der deutschen Stromproduktion. Das Timing der Natur passt so gar nicht zur Agenda der Politik. Aufgeschreckt durch die Bundesverfassungsrichter, verschärft die große Koalition die Klimaziele und will nun bis 2030 gegenüber 1990 65 Prozent CO2 einsparen, bis 2040 sogar 88 Prozent und ab 2045 soll Deutschland klimaneutral sein – vorausgesetzt die Produktion erneuerbarer Energie wächst nicht nur schneller, sondern explodiert förmlich.

Womit wir beim Konstruktionsfehler dieses Plans wären. Windstille und sonnenarme Stunden sind nicht das entscheidende Problem. Es geht viel mehr um das alte Thema der direkten Erfahrbarkeit, wie es der Soziologe Ulrich Beck einst nannte. Der arme Eisbär schwitzt weit weg auf seiner Bonsai-Scholle. Aber mit dem massiven Ausbau von Windkraft- und Solaranlagen kommt der Klimaschutz sehr erfahrbar im Vorgarten der Deutschen an. Und die verstehen keinen Spaß, rüsten sich hinterm Jägerzaun gerne für juristische Schlachten. In kaum einem Land wird heute schon so heftig gegen Großprojekte wie Windkraftanlagen geklagt.

Im Raumschiff Berlin ging der Kontakt zur Basis offenbar verloren. Sonst wüsste das Kabinett, dass nicht Fridays-for-Future-Kids den Zugriff auf den Backyard verwalten, sondern die Eltern und Großeltern. Und die gilt es mit radikal verschlankten Genehmigungsverfahren zu konfrontieren. Der neue RWE-Chef Markus Krebber brachte es kürzlich auf den Punkt. Wind- und Sonnenkraft müssten doppelt so schnell ausgebaut werden. Heute würde eine Genehmigung bis zu sieben Jahre dauern, und das sei viel zu lange. „Alles zugleich werden wir nicht hinbekommen: komplett grün zu werden, eine leistungsfähige Industrie zu bewahren, aber nirgendwo ein Windrad aufstellen.“



Der hastige Versuch namens Investitionsbeschleunigungsgesetz bringt keine Erleichterung. Die überlasteten Richter brauchen Jahre für Entscheidungen – ganz zu schweigen von den zähen Prozessen in den Ämtern. Wenn es die kommende Regierung mit der nachhaltigen Transformation ernst meint, wird sie tiefer schneiden müssen – auch mitten in die Mitspracherechte ihrer Bürger. Erst dieser Stresstest wird zeigen, wie hoch die Akzeptanz der Klimaschutzpläne ist.

Mehr zum Thema: Offshore-Windkraft könnte schon jetzt den weltweiten Strombedarf 18-mal decken. Doch wie viel davon realisiert wird hängt auch davon ab, ob der Transport des Stroms an Land sich rechnet.

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