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Markus Braun, ehemaliger Geschäftsführer bei Wirecard Quelle: dpa

Markus Braun ist der Steve Jobs für Arme

Die Wirecard-Blase wurde durch ein Systemversagen möglich gemacht – und durch die kollektive Sehnsucht nach der eigenen Silicon-Valley-Story.

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Wer den Fall Wirecard verstehen will, muss das britische Königshaus verstehen. Kaum einer anderen Kunstwelt sind die Deutschen seit Jahren so verfallen wie den Windsors. Das sehnsüchtige Schmachten für das Palast-Original sorgt im teutonischen Psychohaushalt für Entspannung. Man hätte doch so gerne seine eigene Royal-Truppe.

Doch inzwischen werden hier nicht mehr nur analoge Königreiche angebetet, sondern auch digitale. Die Imperien des neuen Techadels heißen Tesla, Facebook, Google, Apple, Amazon, Alibaba oder Tencent und haben eins gemeinsam: Ihre Schlösser stehen auch nicht in Deutschland.

Es ist die Mutter aller Fragen, die seit Jahren ein Heer von Experten, Bankern, Analysten, Anlegern oder Wirtschaftspolitikern umtreibt: Warum gelingt es hier nicht, einen eigenen digitalen Champion zu schaffen? Warum liegt das Silicon Valley nicht zwischen Nordseeküste und Bodensee? Den Unterschied macht eine Mischung aus Eliteunis, Pentagon-Deals, risikofreudigen Großinvestoren und dem speziellen Spirit.

Die Nation hatte sich schon fast damit abgefunden, dass SAP das höchste der Gefühle in Sachen digitaler Sexyness sein würde – als Markus Braun mit seiner Wirecard auf die Dax-Bühne trat. Plötzlich bestand die Hoffnung, den kollektiven Hunger nach Zukunftsfähigkeit made in Germany zu stillen. Eine blinde und gierige Herde fraß Braun fortan aus der Hand. Sein Wirecard-Wunder musste einfach wahr sein. Mit seinen Rollkragenpullovern passte der neue deutsche Techkönig auch äußerlich zu dieser Erlöserrolle: ein Steve Jobs für Arme. Die Anhängerschaft ließ ihm alles durchgehen – obwohl noch nie eine Firma von so vielen üblen Gerüchten begleitet und solch fragwürdigen Personen geleitet wurde. Selbst die unzähligen Aufdeckergeschichten in der „Financial Times“ und später auch in der WirtschaftsWoche schürten kaum Zweifel. Im Gegenteil, sie ließen die Sekte zusammenrücken, bis das Kartenhaus zusammenbrach.

Die Tatsache, dass zu viele den Traum vom europäischen Google träumen und um verpasste Züge trauern, machte diesen Skandal erst möglich. Sie verstellt die Sicht auf die wahren Hoffnungsträger in der zweiten Reihe, die mit Wasserstoff, Industrie 4.0 oder 6G-Forschung echte Werte schaffen. Projektionsflächen braucht keine Volkswirtschaft. Sie kosten nur viel Geld und stiften zweifelhaften Nutzen. Das haben Wirecard und die Windsors gemeinsam.

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Wirecard ist pleite, rund zwei Milliarden Euro fehlen, die es wohl nie gab. Wirtschaftsprüfer, Aufseher und Investoren haben über Jahre die Alarmsignale ignoriert. Wie konnte es soweit kommen? Die Rekonstruktion des Debakels lesen Sie hier.

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